Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Montag, 19. August 2019, Nr. 191
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Aus: Ausgabe vom 10.08.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Genügend Zündstoff

Ein Text Lenins aus dem Jahr 1908 über akute Kriegsgefahr und den Streit unter Sozialisten über die antimilitaristische Taktik
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»Weil wir die Arbeiter fremder Länder nicht erschießen wollen weil sie uns gar nichts getan haben wollen wir keinen Krieg und wir sind die Mehreren«: Zeitgenössische Karikatur von 1908

Die Diplomaten sind in großer Aufregung. Es hagelt »Noten«, »Berichte« und »Erklärungen«; die Minister tuscheln hinter den Schultern der gekrönten Mannequins, die mit Champagnergläsern in den Händen »den Frieden befestigen«. Aber die »Untertanen« wissen sehr wohl: Wenn die Raben zusammenfliegen, so heißt das, dass es nach Aas stinkt. Und der konservative Lord Cromer (Evelyn Baring, 1. Earl of Cromer, 1841–1917, britischer Diplomat und von 1883 bis 1907 Generalkonsul in Ägypten, d. h. der faktische Herrscher, jW) erklärte dem englischen Unterhaus: »Wir leben in einer Zeit, in der die nationalen (?) Interessen aufs Spiel gesetzt sind, in der die Leidenschaften entbrennen und die Gefahr und Möglichkeit eines Zusammenstoßes ersteht, wie friedlich (!) die Absichten der Herrscher auch sein mögen.«

Zündstoff hat sich in letzter Zeit zur Genüge angesammelt und sammelt sich immer noch an. Die Revolution in Persien droht alle Scheidewände, die »Einflusssphären«, die die europäischen Mächte dort errichtet haben, durcheinanderzubringen. Die Verfassungsbewegung in der Türkei droht dieses Stammgut den Pranken der europäischen kapitalistischen Räuber zu entreißen; und weiter haben sich alte, nunmehr akut gewordene »Fragen« – die mazedonische, die zentralasiatische, die fernöstliche usw. usw. – drohend erhoben.

Indessen genügt bei dem Netz der gegenwärtigen offenen und geheimen Verträge, Übereinkommen usw. ein kleiner Nasenstüber für irgendeine »Macht«, um »aus dem Funken die Flamme schlagen zu lassen«.

Und je drohender die Regierungen gegeneinander mit dem Säbel rasseln, desto rücksichtsloser unterdrücken sie die antimilitaristische Bewegung im eigenen Lande. Die Verfolgungen der Antimilitaristen nehmen extensiv wie intensiv immer mehr zu. Die »radikal-sozialistische« Regierung Clemenceau-Briand (in Frankreich 1906 bis 1909, jW) ist nicht weniger gewalttätig als die junkerlich-konservative Regierung Bülow (von 1900 bis 1909 war Bernhard von Bülow deutscher Reichskanzler, jW). (…)

Infolgedessen ist der Streit um die antimilitaristische Taktik der Sozialisten, der seit der Zeit des Stuttgarter Kongresses (Internationaler Sozialistenkongress vom 18. bis 24. August 1907, jW) verstummt war, in der Parteipresse wiederaufgelebt. Auf den ersten Blick eine seltsame Erscheinung: Trotz der so augenscheinlichen Wichtigkeit dieser Frage, trotz der so offenbaren, in die Augen springenden Schädlichkeit des Militarismus für das Proletariat hält es schwer, eine andere Frage zu finden, in der solche Schwankungen, solche Meinungsverschiedenheiten unter den westeuropäischen Sozialisten herrschen wie in der Diskussion über die antimilitaristische Taktik.

Die prinzipiellen Voraussetzungen für die richtige Entscheidung dieser Frage stehen seit langem durchaus fest und rufen keine Meinungsverschiedenheiten hervor. Der moderne Militarismus ist das Resultat des Kapitalismus. (…) Eine Reihe internationaler Kongresse (der Pariser 1889, der Brüsseler 1891, der Züricher 1893 und endlich der Stuttgarter 1907) haben in ihren Resolutionen dieser Ansicht endgültigen Ausdruck gegeben. Am umfassendsten wird dieser Zusammenhang zwischen Militarismus und Kapitalismus in der Stuttgarter Resolution dargelegt (…). Die in Betracht kommende Stelle dieser Resolution lautet: »Kriege zwischen kapitalistischen Staaten sind in der Regel Folgen ihres Konkurrenzkampfes auf dem Weltmarkte, (…) wobei die Unterjochung fremder Völker und Länder eine Hauptrolle spielt. Diese Kriege ergeben sich weiter aus den unaufhörlichen Wettrüstungen des Militarismus, der ein Hauptwerkzeug der bürgerlichen Klassenherrschaft und der wirtschaftlichen und politischen Unterjochung der Arbeiterklasse ist.

Begünstigt werden die Kriege durch die bei den Kulturvölkern im Interesse der herrschenden Klassen systematisch genährten Vorurteile des einen Volkes gegen das andere, um dadurch die Massen des Proletariats von ihren eigenen Klassenaufgaben sowie von den Pflichten der internationalen Klassensolidarität abzuwenden.

Kriege liegen also im Wesen des Kapitalismus; sie werden erst aufhören, wenn die kapitalistische Wirtschaftsordnung beseitigt ist oder wenn die Größe der durch die militärtechnische Entwicklung erforderlichen Opfer an Menschen und Geld und die durch die Rüstungen hervorgerufene Empörung die Völker zur Beseitigung dieses Systems treibt.

Daher ist die Arbeiterklasse, die vorzugsweise die Soldaten zu stellen und hauptsächlich die materiellen Opfer zu bringen hat, eine natürliche Gegnerin des Krieges, der im Widerspruch zu ihrem Ziele steht: Schaffung einer auf sozialistischer Grundlage beruhenden Wirtschaftsordnung, die die Solidarität der Völker verwirklicht.«

Wladimir Iljitsch Lenin: Der streitbare Militarismus und die antimilitaristische Taktik der Sozialdemokratie. Proletari Nr. 11, 5. August 1908. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 15. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 186–188

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