Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 10.08.2019, Seite 8 / Ansichten

Quittung fürs Kapital

Deutsche Exporte eingebrochen
Von Simon Zeise
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Exportstau: Autos des VW-Konzerns liegen im Emder Hafen auf Halde

Träume zerplatzt. Konzernchefs und ihre Regierung hatten bis zuletzt darauf gesetzt, dass steigende Exportzahlen die deutsche Wirtschaft auf Wachstumskurs halten würden. Pustekuchen, am Freitag sprachen die nackten Zahlen: Im Vergleich zum Vormonat sind die Ausfuhren im Juni um 0,1 Prozent gesunken. Verglichen mit Juni 2018, brachen sie sogar um acht Prozent ein.

Für die Kapitalisten ist es eine Woche des Grauens. Bereits am Mittwoch musste das Wirtschaftsministerium einräumen, dass die Industrieproduktion im zweiten Quartal um 1,5 Prozent ins Minus gerutscht ist. Am Donnerstag gab der Unternehmerverband Gesamtmetall bekannt, dass es in der Metall- und Elektroindustrie abwärts geht. Nachdem im ersten Quartal 1,6 Prozent weniger hergestellt wurde, verließen zwischen April und Juni sogar 2,4 Prozent weniger Waren die Werkstore. »Die Rezession ist da«, erkannte Gesamtmetall-Chefvolkswirt Michael Stahl.

Der Wind dreht sich. Die Ausfuhren in die Länder der Euro-Zone gingen um 5,6 Prozent zurück. Die von Berlin verhängten Kürzungsdiktate zeigen ihre Wirkung. Mit Lohndumping, Abbau von Sozialleistungen und der »schwarzen Null« wollte sich der »kranke Mann Europas« einen Wettbewerbsvorteil in der Euro-Zone ergaunern. Doch der von Bild und Co. über Jahre gefeierte »Exportweltmeister« bekommt eine saftige Quittung präsentiert. Der von der US-Regierung vom Zaun gebrochene Handelskrieg gegen China kommt für das deutsche Kapital »zur Unzeit« – wie es der Außenhandelssprecher des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Volker Treier, ausdrückte. Die Ausfuhren nach China brachen im Juni um 12,4 Prozent ein, im Geschäft mit den USA gab es einen Rückgang um sieben Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.

Von Ökonomie versteht man in Berlin nicht viel. Wohlwollend könnte man die Leistung der Regierung zusammenfassen: Erst hatte sie kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu. Jedoch werden es die Lohnabhängigen sein, die für die Unfähigkeit von Konzernchefs und Politikern geradestehen müssen. Auf die angekündigten Gewinneinbrüche der Exporteure von Thyssen-Krupp, BASF oder Bayer folgte die Ansage von Massenentlassungen.

Die Weltwirtschaft schlittert der nächsten Krise entgegen. Wie die Internationale Energieagentur in Paris am Freitag mitteilte, ist zwischen Januar und Mai der weltweite Verbrauch von Rohöl nur um 520.000 Barrel pro Tag gestiegen. Dies sei der schwächste Zuwachs des Schmiermittels der Industrie in diesem Zeitraum seit der Finanzkrise von 2008.

Reaktionen aus Berlin blieben aus. Notfallmaßnahmen zur Stützung der Konjunktur? Nichts. Das Kabinett der Kanzlerin hüllte sich die Woche über in Schweigen. Wahrscheinlich werden Strohhalme gezogen, und der Verlierer muss die neuesten Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt am kommenden Mittwoch kommentieren.

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