Gegründet 1947 Dienstag, 22. Oktober 2019, Nr. 245
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 09.08.2019, Seite 2 / Inland
Abschiebepraxis deutscher Behörden

»Sie sagten mir, ich sei ein Sonderfall«

Kurde nach 30jährigem Aufenthalt in BRD in die Türkei abgeschoben. Zwei Monate später gelingt ihm gefährliche Rückkehr. Ein Gespräch mit Murat Akgül
Interview: Gitta Düperthal
RTS6GLE.jpg
Soldaten plazieren Stacheldraht an der Grenze zwischen Slowenien und Kroatien (Gibina, 11.11.2015)

Nach 30 Jahren in der Bundesrepublik wurden Sie am 29. Mai in die Türkei abgeschoben (siehe jW vom 24.7.). Vor kurzem schafften Sie es, wieder einzureisen und am 22. Juli Asyl zu beantragen. Wie kam es zur Abschiebung?

Ich hätte es nie für möglich gehalten, abgeschoben zu werden. Mit sechs Jahren kam ich nach Deutschland, lebe seit drei Jahrzehnten hier und habe eine Familie mit vier Kindern in Nürnberg. Seit 20 Jahren arbeite ich als Gebäudereiniger. Zum Verständnis: 1999 wurde mir Flüchtlingsschutz zuerkannt. Aufgrund von Friedensgesprächen des türkischen Staats mit den Kurden verzichtete ich 2009 auf meinen Asylstatus und behielt den türkischen Pass. Ich fühlte mich aufgrund meiner Niederlassungserlaubnis sicher.

Als ich dann unerwartet die Ausweisungsverfügung und Androhung der Abschiebung erhielt, legte mein Anwalt Einspruch ein. Der wurde abgelehnt. Obwohl auch dagegen Beschwerde eingelegt wurde und die Sache noch nicht geklärt war, kamen Ende Mai frühmorgens acht Polizisten, um mich zu holen. Ich hatte den Firmenwagen vor dem Haus stehen und wollte auf der Arbeit Bescheid geben, damit ihn ein Kollege übernimmt. Allerdings beschlagnahmte die Polizei mein Handy. Meinen Anwalt durfte ich erst später anrufen, ich hatte ihn zunächst nicht erreichen können. Man fuhr mich nach München und setzte mich gegen Mittag in den Flieger nach Istanbul.

Ihnen wurden PKK-Aktivitäten unterstellt. Um was geht es da?

Der Verfassungsschutz hat 42 Seiten über mich verfasst. Zehn Jahre rückwirkend war jede Demo aufgelistet, an der ich teilgenommen haben sollte: ob gegen den IS oder für Solidarität mit Kobani. Ersteres ist mir schleierhaft: Die ganze Welt spricht sich gegen die islamistische Terrormiliz aus, dennoch ist das dem Verfassungsschutz einen Eintrag wert. Auch gegen die türkische Besatzung in Afrin sind viele Menschen auf die Straße gegangen. Behauptet wurde, ich wäre bei Demos gewesen, wo andere Menschen verbotene Parolen gerufen hätten, oder auch bei einem kurdischen Festival, bei dem Zehntausende Menschen gewesen sind.

Wie ist es Ihnen ergangen, als Sie in Istanbul gelandet waren? Wusste man dort von dem Dossier?

Glücklicherweise lag den türkischen Behörden zu dem Zeitpunkt keine Akte aus Deutschland vor. In der Türkei kann die Teilnahme an einer solchen Solidaritätsveranstaltung für Afrin zu langjähriger Haft führen. Als der Zoll und die Flughafenpolizei mich nach der Landung festnahmen, wurde ich verhört und nach den Abschiebungsgründen gefragt. Aber ich sagte nichts darüber. Als sie in meinem Ausweis lasen, dass ich aus dem Kurdengebiet Mardin stamme, drohte man mir, mich im Auge zu behalten. Um ein Uhr früh am Folgetag wurde ich freigelassen, da sie nichts über mich wussten. Freunde hatten Menschenrechtsanwälte eingeschaltet. Als sie später meine Schwiegereltern in Ankara verhörten, war mir klar, dass ich untertauchen muss.

Wie schafften Sie es, wieder zurück in die BRD zu kommen?

Ich war in Gefahr und musste mich für viel Geld auf Schleuser einlassen. In einer Gruppe von etwa 30 Personen, darunter schwangere Frauen und Kinder, begab ich mich auf einen grauenhaften Fluchtweg bis nach Slowenien. Nicht zwei Stunden Fußweg – wie vereinbart – mussten wir zurücklegen, sondern zwölf, durch unwegsame Waldgebiete und Flüsse. Wir hatten wenig zu trinken, viele verletzten sich. Zudem mussten wir es bei 35 Grad Celsius in einem abgeschlossenen Lkw aushalten, wo sich die Temperatur weiter aufheizte und Erstickungstod drohte. Seither habe ich Alpträume. Ich kann nicht vergessen, welches Elend ich erlebt und gesehen habe.

Wie ging es für Sie nach Ihrer Rückkehr weiter?

Am 22. Juli habe ich in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen einen Asylantrag gestellt. Am Freitag, 26. Juli, war ich in Nürnberg. Am Montag, 29. Juli, merkte ich beim Termin in Zirndorf zur Weiterbearbeitung des Asylantrages, dass etwas schiefläuft: Zwei Polizisten legten mir Handschellen an und drohten mir, mich erneut abzuschieben. Im Endeffekt musste ich zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und bin aufgefordert, mich dreimal in der Woche zu melden. Sie sagten mir, ich sei ein Sonderfall.

Murat Akgül – Name in vorheriger jW-Berichterstattung wegen drohender Verfolgung durch türkische Behörden geändert – ist 36 Jahre alt und lebt seit 1989 in der BRD

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Die Zentrale Ausländerbehörde Mittelfrankens in Nürnberg (Archiv...
    24.07.2019

    Nach 30 Jahren abgeschoben

    Behörden unterstellten PKK-Aktivitäten: Familienvater aus Nürnberg in die Türkei verbracht
  • Stacheldraht und Überwachungskameras: Eine Abschiebehafteinricht...
    08.10.2018

    Hungerstreik im Abschiebeknast

    Protest in bayerischem Gefängnis: Kurdischen Aktivisten droht Überstellung von Bulgarien in die Türkei

Regio: