Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.08.2019, Seite 15 / Feminismus
Dichterin der 1920er Jahre

»Misshör die Sehnsucht nicht«

Der Lyrikerin Maria Luise Weissmann zum 120. Geburtstag
Von Christiana Puschak
Maria Luise Weissmann
Maria Luise Weissman erlebte Ausrufung wie Niederschlagung der Münchner Räterepublik (München, 1926)

Sie sei »1899 zu Schweinfurt am Main geboren und habe zwanzig Jahre in Franken gelebt, in verschiedenen Städten, an die nichts mich bindet« – mit diesen Worten stellte sich Maria Luise Weissmann 1927 im biographischen Anhang der »Anthologie jüngster Lyrik« vor, in der sie neben der Dichterin Erika Mitterer die einzige weibliche Stimme war. Diese Anthologie wurde von Willi R. Fehse und Klaus Mann mit einem Geleitwort von Stefan Zweig herausgegeben.

In ihrem Selbstporträt führt sie weiter aus, dass es in Nürnberg war, wo sich ihre ersten literarischen Versuche ganz allmählich gestalteten, bei »der ersten Begegnung mit einer jüngeren Kunst als jener klassischen«, begleitet von einer »erste(n) Ahnung von Auflehnung«.

Geboren am 20. August 1899 als Tochter eines Gymnasialprofessors und einer hypernervösen Mutter, wuchs Maria Luise Weissmann mit ihrer jüngeren Schwester in einem kunstinteressierten Elternhaus auf. Als sie acht war, zog die Familie nach Hof, wo sie, die Naturliebhaberin, im elterlichen Garten ein eigenes Stück Natur hatte, das sie gestaltete und versorgte. Dies war ihr Refugium, ein Ort der Phantasie und der Träume.

Früh begann Maria Luise Weissmann mit literarischen Genres zu experimentieren. Großen Anklang fand sie mit dem Gedicht »Abenteuer«, einem Text über ihre Sehnsucht nach Aufbruch: »Ich höre meine leichten Schritte / In einem fernen Lande widerhallen.«

Zu ihren wichtigsten literarischen Vorbildern gehörten Georg Trakl, Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke. Sie schuf eine eigene Version von Rilkes Gedicht »Das Karussell«, in der die Tiere aus ihrer Regungslosigkeit erweckt werden: »Die starren Tiere, bunt und wunderschön. / Da sie ein Kinderblick in Schmerz betraf, / Erwachten sie. Die Löwenmähne flog / Im Wind.«

In Nürnberg trat Maria-Luise Weissmann dem »Literarischen Bund« bei, war dort zeitweise Sekretärin und lernte den Buchhändler, Verleger und Dichter Heinrich F. S. Bachmair kennen, der die expressionistische Zeitschrift Die Bücherkiste herausgab. Zwischen ihm und ihr begann eine leidenschaftliche Liebesbeziehung. Nach der Ausrufung der Münchner Räterepublik am 7. April 1919 arbeitete Bachmair im »Aktionsausschuss revolutionärer Künstler« mit und wurde wenig später zum Kommandeur der Roten Artillerie in Dachau berufen. Nach der Niederschlagung der Räterepublik Anfang Mai 1919 wurde er festgenommen und wegen »Beihilfe zum Hochverrat« interniert. Während seiner Haft arbeitete Maria Luise im Verlag sowie in seiner Buchhandlung mit und schrieb für seine Zeitschrift. Die Beziehung zu Bachmair intensivierte sich in der Zeit seiner Haft. Unterdessen schloss sie sich der von Alexander Abusch gegründeten kunstrevolutionären Vereinigung »Das junge Franken« an, zu deren Mitgliedern auch die expressionistischen Schriftsteller Ernst Toller und Georg Britting zählten – letzterer war auch der Herausgeber der Sichel, einer Monatszeitschrift für Kunst und Grafik.

Auskunft über die seelische Befindlichkeit der Dichterin und ihr gespanntes Verhältnis zur Außenwelt gibt das Gedicht »Die fremde Stadt«: »Ich stoße mich an fest verrammten Toren / Ich starre rings in tausend Schreckenslarven.« Rettung versprachen allein die Literatur und ein Blick in sich selbst.

Nach Bachmairs Freilassung 1922 zog Maria Luise ganz nach München. Allerdings musste sie immer wieder krankheitsbedingt und pflegebedürftig bei ihren Eltern in Nürnberg wohnen. Am 7. November 1929 starb sie mit nur 30 Jahren an den Folgen einer schweren Angina.

Neben vier schmalen Gedichtbänden, Essays, einem Romanfragment »Der Sieg des Lebens« und kongenialen Übertragungen, so unter anderem von Verlaines Sonetten »Les Amies« (Freundinnen), hinterließ Maria Luise Weissmann sechs eigene Sonette unter dem Titel »Mit einer kleinen Sammlung von Kakteen«. In diesen weiß sie, wie Paul Alverdes einst schrieb, die Namen und Wesen der Kakteen in eine Beziehung zu Leiden und Leidenschaft zu setzen. Einer ihrer nachhaltigsten Prosatexte ist der Essay »Verlornes Ithaka« (1928). Hier analysiert sie die Problematik der weiblichen Identitätsfindung und vergleicht den Beginn des 20. Jahrhunderts mit der »Flut um Ithaka«. Bei dieser Flut hatte der Mann »nicht mehr die Kraft, (…) ihr Einhalt zu gebieten«. Damit zerbrach eine jahrhundertealte Fiktion des Gesicherten, des Gleichgewichtes, die bestehenden Konventionen über das Verhältnis der Geschlechter zueinander verloren ihre Gültigkeit: »Ausschlaggebend ist allein das verwandelte Gefühl, aus dem sie (die Frau) lebt. Es ist das eines befreiten Körpers und einer offenen Seele.«

Wer in Maria Luise Weissmanns Gedichte hineinhört, verspürt als Vermächtnis dieser Künstlerin und Poetin der Sprache die Kraft der Dichtung: »Misshör die Sehnsucht nicht, / Die um dich brennt, / Mensch, fass ein Ding und geh / Ihm nach und stills und führs zu seinem End.«

Maria Luise Weissmann (herausgegeben von Hartmut Vollmer): »Ich wünsche zu sein, was mich entflammt«, Gesammelte Werke. Elfenbein Verlag, Berlin 2004, 364 Seiten, 35 Euro

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