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Aus: Ausgabe vom 08.08.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Herr der Schweinehälften

Was Rassismus ist, weiß Schalke-Boss Clemens Tönnies immer noch selbst am besten
Von Uschi Diesl
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Der Ehrenrat begrüßt seine Haltung: Clemens Tönnies

Die Entscheidung des Ehrenrates von Schalke 04 ließ auf sich warten. Viereinhalb Stunden tagte das fünfköpfige Gremium des Fußballbundesligisten, bis es am Dienstag, 23.04 Uhr, der Öffentlichkeit kundtat, »dass der gegen den Aufsichtsratsvorsitzenden des S04, Clemens Tönnies, erhobene Vorwurf des Rassismus unbegründet ist«. Gelinde gesagt, ist das ein originelles Ergebnis.

Am vergangenen Donnerstag hatte der 63jährige Fleischfabrikant vor 1.600 Zuhörern beim »Tag des Handwerks« in Paderborn zum Thema »Wege in die Zukunft der Lebensmittelerzeugung« gesprochen. Er hatte, wie es sich für einen Milliardär gehört, vor Steuererhöhungen gewarnt, erst recht nicht auf Wurst, Klimawandel hin oder her. Um gegen letzteren was zu unternehmen, sollten besser jährlich 20 Kraftwerke in Afrika gebaut werden. »Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.«

Nun wüsste man schon gerne, wie die Ethiker von Schalke zu ihrer Einschätzung gekommen sind. Ein Protokoll der Mammutsitzung wurde bedauerlicherweise nicht veröffentlicht, man kann nur mutmaßen. »Ist es denn nicht so, dass auch zugewanderte Afrikaner am Lagerfeuer aus Tropenhölzern allabendlich übereinander herfallen, um sich ungebührlich zu vermehren?« könnte Bernhard Terhorst (Steuerberater) in die Runde gefragt haben. Klaus Bernsmann, Leiter des Lehrstuhls für Straf- und Prozessrecht an der Uni Bochum, mag unschlüssig mit dem Kopf gewackelt und Götz Bock, Richter am Hessischen Finanzgericht, vorsichtig zugestimmt haben. Wie gesagt: Man weiß es nicht und mag sich die Rolle des evangelischen Pfarrers in dem illustren Gremium nicht ausmalen.

Immerhin rang sich der Ehrenrat dann noch zur Feststellung durch, dass Tönnies mit seinen Ausfällen »gegen das in der Vereinssatzung und im Leitbild verankerte Diskriminierungsverbot verstoßen« habe. Die Entscheidung, wie dieser Verstoß zu ahnden sei, wurde den Sittenwächtern praktischerweise abgenommen. Der Herr der Schweinehälften, der als passionierter Großwildjäger über Afrika weiß, was man wissen muss, verfügte das Strafmaß selbst. Er habe nicht nur den Verstoß »eingeräumt«, hieß es in der Mitteilung des Rates vom späten Dienstag abend, sondern auch noch »ein weiteres Mal sein Bedauern zum Ausdruck gebracht« und schließlich »aufgrund dessen erklärt, sein Amt als Mitglied des Aufsichtsrats und dessen Vorsitz für einen Zeitraum von drei Monaten ruhen zu lassen. Danach wird er seine Tätigkeit im Aufsichtsrat wieder aufnehmen. Der Ehrenrat begrüßt die Haltung von Clemens Tönnies und nimmt beide Erklärungen zustimmend zur Kenntnis.« Schwamm drüber, wie geht es weiter in der Tagesordnung?

Wie gehabt. Sylvia Schenk von der Organisation »Transparency International« hatte kurz nach Bekanntwerden der Paderborner Pöbelei erklärt: »So etwas rutscht einem bei einer offiziellen Rede nicht einfach heraus, da steckt eine hochproblematische Einstellung dahinter.« Mit der liegen zwar viele Schalker Fanklubs über Kreuz – das Aufkommen von Protestnoten ist erfreulich –, sie hat aber im bundesdeutschen Establishment namhafte Fürsprecher. Die Brandrede des Wurstfabrikanten sei zulässig und »vielleicht auch notwendig« gewesen, erklärte Wolfgang Kubicki (FDP), seines Zeichens Vizepräsident des Bundestags: »Tönnies hat ein gravierendes Problem der Klimadiskussion benannt, das tatsächlich einer dringenden Beantwortung bedarf.«

Ganz ähnlich sieht es CDU-Kollege Günter Nooke, »Persönlicher Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin Angela Merkel«: »Die von Tönnies angesprochenen Probleme wie das Verschwinden des Regenwalds und das Bevölkerungswachstum auf dem afrikanischen Kontinent sind real und darüber muss gesprochen und gegebenenfalls kontrovers diskutiert werden«, sagte der frühere DDR-Oppositionelle am Dienstag dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Allerdings gebe es in Afrika auch »dünn besiedelte Gebiete, in denen Kraftwerke oder die Anbindung ans nationale Stromnetz nicht wirtschaftlich sind«. Deshalb seien Tönnies’ Lösungsvorschläge »unterkomplex«. Ein Mann vom Fach, ganz unverkennbar.

In welchem Geiste Nooke die Dinge seit fast zehn Jahren im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung voranbringt, hatte er mit einem historischen Exkurs im vergangenen Herbst angedeutet: »Die Kolonialzeit (hat) dazu beigetragen, den Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen. Experten, auch Afrikaner, sagen: Der Kalte Krieg hat Afrika mehr geschadet als die Kolonialzeit.« Das konnte Nooke damals, in die Uniform der NVA gezwungen, zwar nur ahnen, aber gefühlsmäßig stand er immer auf der richtigen Seite.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Roland Winkler, Aue: Beschämendes Niveau Es mag manche erstaunen, aber Marx und Engels haben ziemlich klar und genau auf das, was ein Tönnies rotzig, frech und zynisch zur Belustigung einer Meute von Bourgeois von sich gab, vor 170 Jahren be...