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Aus: Ausgabe vom 08.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Leben in Würde

Zum Tod der afroamerikanischen Schriftstellerin Toni Morrison
Von Michael Saager
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Lakonisch, politisch, poetisch: Toni Morrison

Es ist eine wahrhaft widerwärtige Fleischbeschau. Jacob Vaark, Farmer und Geldverleiher, empfindet das auch so. Wir schreiben das Jahr 1682 – es ist Pionierzeit in Amerika, und Toni Morrison zeichnet Vaark als intuitiv handelnden Menschen mit einigem Gerechtigkeitssinn. D’Ortega, Vaarks Schuldner und portugiesischer Pflanzer von adligem Geschlecht, lässt seine Sklaven in einer Reihe Aufstellung nehmen. Er weist auf ihre Vorzüge hin und schweigt »zu den Narben, den Verletzungen, die sich wie falsch verlaufende Venen auf ihrer Haut abzeichnen«. Die männlichen Sklaven blicken zu Boden, aber wenn sie sich unbeobachtet fühlen, taxieren sie argwöhnisch ihren Herren und auch Vaark, dem bald speiübel wird – ein junges Mädchen kauft er trotzdem. Es heißt Florens; hauptsächlich ihre sanfte, nach Erklärungen in einer wirren Welt tastende Stimme trägt uns durch Morrisons Buch »Gnade«.

»Gnade« aus dem Jahr 2010 ist weder der erste noch der letzte veröffentlichte Roman der großen afroamerikanischen Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin, aber er variiert so lakonisch wie scharfsichtig ihre wichtigsten Themen: Sklavenhandel, Kolonialherrschaft, Rassismus, sexualisierte Gewalt. Themen, die Fragen nach Möglichkeiten von Würde und Selbstbestimmung in Zeiten der Gewalt aufwerfen. Im politischen engagierten Schreiben liegt ein nicht unerheblicher Teil von Morrisons schriftstellerischer Größe, was einen Vergleich mit dem Werk des Südafrikaners J. M. Coetzee lohnenswert erscheinen lässt. Oder mit dem des jüngeren afroamerikanischen Kollegen Colson Whitehead. Indes ist Morrisons Blick auf die Welt nicht so gnadenlos wie der ihrer Kollegen. Die 1931 in Lorain in Ohio geborene Autorin von »Sehr blaue Augen«, »Sula«, »Menschenkind« oder »Jazz« sucht in ihren Werken nicht zuletzt nach Verständnis und Erbarmen – und nach Liebe.

Was sich hier vermutlich kitschiger liest, als es gemeint ist. Zumal Morrison auch für drastische Worte bekannt war. Einmal sagte sie: »Ich will sehen, wie ein schwarzer Polizist einem unbewaffneten weißen Teenager in den Rücken schießt. Und ich will sehen, wie ein weißer Mann verurteilt wird, der eine schwarze Frau vergewaltigt hat. Und wenn man mich dann fragt: ›Ist es vorbei?‹, dann sage ich: ›Ja‹«. Es sind Sätze voller gerechter Wut, man könnte fast meinen, sie stammten aus Ta-Nehisi Coates’ leidenschaftlich anklagendem, pathetisch-kraftvollem Großessay »Zwischen mir und der Welt«.

Morrison unterrichtete Literatur an verschiedenen Universitäten und arbeitete als Lektorin für den Verlag Random House. Dass es nicht einfach war, allein zwei Söhne großzuziehen, muss man kaum betonen. Immer wenn etwas Zeit übrig war, meist morgens, schrieb sie an ihrem Debüt »Sehr blaue Augen« von 1970, über fünf Jahre lang. Es ist ein hartes Buch, eines über Rassismus und sexualisierte Gewalt in der Familie. Ihren literarischen Durchbruch erlebte Morrison relativ spät – der preisgekrönte Erfolgsroman, bereits ihr fünfter, heißt »Menschenkind«. 1998 wurde er mit Oprah Winfrey in der Hauptrolle verfilmt, den Pulitzer-Preis für die todtraurige Geschichte einer Frau, die aus der Sklaverei flieht und nahezu alles verliert, was ihr lieb und teuer ist, hatte es bereits 1988 gegeben, als das Buch erschienen war. Als Morrison 1993 als erste schwarze Frau den Literaturnobelpreis bekam »für ihre visionäre Kraft und poetische Prägnanz«, lag die Preisverleihungsinstitution freilich noch nicht selbstzerfleischt und würdelos am Boden.

Abermals um Flucht, aber eben auch um Würde geht es in Morrisons klugem Roman »Gnade«. Jacob Vaarks Farm liegt im Norden, und als er an den Blattern stirbt, bleiben außer Florens drei weitere Frauen zurück. Rebekka, Jacobs in England gekaufte Ehefrau, das indianische Dienstmädchen Lina, das etwas einfältige Waisenkind Sorrow und Florens bilden eine kuriose Gemeinschaft. Lebensbedrohliche Gefahren drohen von allen Seiten, von der Kirche und von weltlichen Gutsherren, vom Wetter und wilden Tieren. Sie müssen sich zusammenraufen, müssen zusammenwachsen, was gar nicht leicht ist, denn sie sind sehr verschieden, und die Geister der Vergangenheit – Traumata, die Morrison schrecklich lebendig werden lässt – fordern ihren Tribut von allen.

Doch das Modell funktioniert, sie werden eine Gemeinschaft in Würde. Dass diese Vorstellung etwas weit in einen Horizont utopischer Möglichkeiten in unmöglichen Zeiten ragt, wäre ein naheliegender Einwand. Andererseits: Ist Morrisons literarisches Beharren auf dem schwer Vorstellbaren, für das sie eine so schlichte wie schöne Sprache findet, nicht genau das, was die Autorin auszeichnet? Am Montag abend ist Toni Morrison im Alter von 88 Jahren in einem Krankenhaus in New York City gestorben.

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