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Aus: Ausgabe vom 08.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Liedermacher

Läuse am »Beidl«

Neue Alben von Liederjan und Alex Miksch
Von Harald Justin
Liederjan
Wohlgesetzte Worte, politisch korrekte Pointen: Liederjan

Dieses Lehrstück in Sachen deutschsprachiger Sangeskunst handelt von zwei Aufnahmen. Beide sind in der deutschen Liederbestenliste plaziert. Damit hören die Gemeinsamkeiten auf. Aber zum Verweis auf die deutsche Misere taugt der Vergleich.

Den Auftakt machen Liederjan, bekannt aus dem Folk-Kontext der siebziger Jahre. Chansons, Irisches und deutsche Volkslieder gaben den Ton an; vierzig Jahre später sind die Norddeutschen um Erfahrungen und gar einen »Deutschen Kleinkunstpreis« reicher. Genau so hören sie sich an, wenn es mit Gästen und Gitarren, Ukulele, Kazoo und Akkordeon ans Werk geht. Feinarbeit am musikalischen Detail, kein Fehlton mischt sich in die wohlgesetzten Worte, die auf eine garantierte, allemal politisch korrekte Pointe hinauslaufen. Ob Trump oder Flüchtlingspolitik, wetten, dass Liederjan auf der richtigen Seite stehen? Ungewollt wird der Albumtitel Programm einer voraussagbaren Langeweile, mit der auf der sauber gemähten Hallelujawiese für Denkfaule politische Haltungen vertont werden. Keinen Moment kommt der Gedanke auf, dass hier lebendige Individuen mit ihrem Eigensinn sich querstellen zu den Sinnstiftungen bürgerlicher Vernunft.

Fernab von dieser typisch deutschen Unterordnung unters Prinzip des politisch Korrekten und der Verleugnung des individuellen Faktors, fernab von Norddeutschland, in Wien, spielt Alex Miksch eine schreddernde Stromgitarre mit Anklängen an Keith Richards, Dick Dale und Marc Ribot. Eine Band scheppert mit, und er singt in einem österreichischen Dialekt, den nicht einmal alle Einheimischen verstehen. In hingekritzelter, kaum lesbarer Handschrift werden Texte zu einer Musik im Rockidiom präsentiert, die zu dreckig für Stechschritt-Volks-Rock’n’Roller wie Andreas Gabalier ist und Freunde ziselierten Austropops ebenso verprellt.

Die Weltpolitik interessiert Miksch wenig. Eh klar, ist schlecht und bedarf keiner Worte mehr. Private Beziehungen werden nicht, der Pointe wegen, ins Politische umgebogen. Statt dessen hat er einen stinkenden Schrank, eine laufende Nase und Läuse am »Beidl«, am Gemächt. Geschichten aus einem beschädigten Alltag, alltagstaugliche Musik, die Lied für Lied den Spielraum des eigenen Überlebenswillen markiert. Hier macht ein Mensch mit all seinen Unzulänglichkeiten Musik. Ob der demonstrative Eigensinn ehrlich oder nur eine Macke ist, kann egal sein. Einer Maske, die eine Haltung vorgibt, um sich zu verbergen, ist sie allemal vorzuziehen.

Liederjan: »Ernsthaft locker bleiben« (Westpark/Indigo)

Alex Miksch: »Nur A Opfe« (Preiser Records)

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