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Aus: Ausgabe vom 07.08.2019, Seite 15 / Antifa
Antifaschistin im KZ Ravensbrück

Christin und Genossin

Zum 75. Todestag der antifaschistischen Widerstandskämpferin Maria Grollmuß. Die sorbische Kommunistin starb im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück
Von Peter Wittig
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In der DDR wurde 1959 eine Gedenkbriefmarke für Maria Grollmuß mit einer Auflage von 1,1 Millionen Stück herausgegeben

Am 6. August 1944 wagen die Gefangenen des größten nazistischen Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück (siehe jW vom 6.2.) eine außergewöhnliche Würdigung. Im Krankenrevier starb Häftling »Nr. 5364« Maria Grollmuß. Die Kameradinnen bahren sie auf, plündern die akkuraten Rabatten vor den Baracken und bedecken die Tote mit Blumen. Grollmuß war Christin. Grollmuß war Genossin. Ihre Freundin und Kampfgefährtin Ruth Seydewitz nannte sie »die Volksfront in Person«. Grollmuß war Sorbin: Marja Grólmusec lautet ihr Name in der Sprache des kleinsten Slawenvolkes. Grollmuß war Internationalistin: Ihre polnischen, tschechischen und französischen Ravensbrücker Kameradinnen haben das bezeugt.

Ihr Vater, Sohn armer Leute aus dem sorbischen Radibor im sächsischen Landkreis Bautzen, ist Schuldirektor in Leipzig, als sie dort am 24. April 1896 geboren wird. Die Novemberrevolution ist ihr politisches Schlüsselerlebnis. Sie studiert – nach einem Umweg über das Lehrerseminar – Geschichte, Germanistik und Romanistik. Bald wird sie als politische Journalistin aktiv. Sie lernt Joseph Wirth kennen, 1921–22 Reichskanzler der Weimarer Republik, Architekt des Vertrages von Rapallo mit der späteren Sowjetunion, von seinen Gegnern »der rote Wirth« geschimpft, und arbeitet für ihn. In ihren Schriften »Die Frau und die junge Demokratie« (1925) und »Über die weibliche Form in der Politik« (1926) entwirft sie nichts Geringeres als den Ansatz zu einem feministischen Politikverständnis. 1929 wird sie nach langen, politisch motivierten Widerständen ihrer Gutachter zum Doktor der Philosophie promoviert.

Als Hilfskraft beim Arbeitsamt Berlin-Nordost sammelt sie soziale Erfahrungen. Nach dem »Blutmai« 1929 – die Polizei reagierte mit beispielloser Gewalt auf die Versuche einer Maidemonstration der KPD (siehe jW vom 29.4.) – tritt Grollmuß aus der SPD aus und in die KPD ein. Ein Dreivierteljahr später wird sie ausgeschlossen. Die Partei plant die Gründung einer separaten Gewerkschaft, das ist mit der engagierten Gewerkschafterin nicht zu machen; später wird Walter Ulbricht es einen Hauptfehler der Partei jener Jahre nennen. Unter dem Ausschluss leidet Grollmuß sehr. Für zwei Jahre ist die KPO (Kommunistische Partei / Opposition) ihre politische Heimat, dann engagiert sie sich in der SAP (Sozialistische Arbeiterpartei), einer Gründung junger Aktivisten mit der Vision, zwischen SPD und KPD im Sinne einer Einheitsfront zu vermitteln. Nach der Machtübernahme der Faschisten geht Grollmuß in die Illegalität und arbeitet innerhalb der »Revolutionären Sozialisten Deutschlands«. Für die Roten Blätter der Gruppe schreibt sie ihren letzten Artikel »Die neue revolutionäre Haltung«. Sein Kernsatz: »Es genügt nicht, die Revolution zu bejahen, man muß sie durchführen, zum Siege führen«.

Doch wichtiger als zu schreiben ist ihr nun zu handeln. Vom heimatlichen Radibor aus macht sie Basisarbeit: als Kurierin, als Fluchthelferin, als Fürsorgerin, Geld sammelnd für Familien Verfolgter. Sie hilft jedem, der Hilfe braucht – ob Sozialist, ob Christ. Sie arbeitet dabei mit dem kommunistischen Widerstandskämpfer Paul Neck (Pawol Njek) in Bautzen ebenso eng zusammen wie mit dem Bischof von Meißen. 1934 wird sie verhaftet und vom »Volksgerichtshof« zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt, die sie in Waldheim nördlich von Chemnitz verbüßt. Anschließend wird sie zur Gestapo transportiert und vor die Wahl gestellt: Zusammenarbeit oder KZ. Grollmuß verweigert die Kooperation.

In den Briefen aus Zuchthaus und Lager an ihre Schwester Cäcilia ist von Politik nicht mehr die Rede – Gefangenenbriefe müssen die Zensur passieren. Umso nachdrücklicher schreibt Grollmuß von ihrem Glauben. Ihre Oster- und Pfingstvisionen sind voll Verachtung für fromme Innerlichkeit (»Ach wie klein und feige und spießig sind doch diese Westler, bei denen es nicht weiter reicht als bis zu dem kleinen Menschenangesicht der Seele«); sie sind Visionen von einem neuen »Angesicht der Erde«, Visionen von der Veränderung der Welt. Ihre Häftlingskameradin Felicja Panak berichtet über Maria Grollmuß: »Ihre Güte und ihr Verständnis für die menschlichen Schwächen und Fehler entsprangen ihrem Glauben an die Güte Gottes.« Mitgefangene Anni Sindermann erinnerte sich, »dass Maria zu den am klarsten denkenden Genossinnen gehörte, und es gab nie einen Zweifel an der Richtigkeit unseres Tuns.«

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