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Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Eis Málaga

Von Maxi Wunder

Jetzt muss es mal raus: Es gibt kaum ein »Urlaubsland« auf dieser Welt, das im vorigen Jahrhundert nicht von Verbrechen der deutschen Faschisten heimgesucht wurde. Allein das Wort »Urlaubsland«, das es in keiner anderen Sprache gibt, verrät diese typisch deutsche Neigung zur Verzweckung von etwas, das einem nicht gehört, für egoistische Genussgelüste.

»Das boykottieren wir diesmal!« sagt Moni. Meine alte Schulfreundin, mit der ich einen gemeinsamen Urlaub für Januar plane, blättert eifrig in Katalogen.»Lass uns in die Ukraine fahren, nach Tschernobyl, oder nach Ruanda«. Einige Reiseveranstalter haben sich nämlich auf »Dark tourism« spezialisiert und bieten erholungsgelangweilten Nachrichtenguckern ein morbides Vergnügen an: Reisen an Horrororte, an denen kürzlich noch Genozide oder Reaktorunfälle wüteten … Punk in allen Ehren, denk’ ich, aber Tschernobyl im Januar ist mir zu kalt, und Ruanda liegt nicht am Meer, und überhaupt: Ist das nicht pervers, dieses ›Apocalypse, wow‹? »Pervers stört mich nicht«, meint Moni, »aber kalt und kein Meer ist schon blöd.« Sie guckt im Internet. »Almería hat die meisten Sonnenstunden im Jahr und liegt an der Costa del Sol in der Nähe von Málaga, Flug hin und zurück nur 75,89 p. P.!«

Die korruptive Kraft des Billigpreises wirft unsere Vorsätze über den Haufen, wir landen in Spanien. Hauptsehenswürdigkeit in Almería ist der »Raum für das Leben«: Neun Meter unter der Erde wandern wir mit ein paar anderen Touristen durch einen Teil eines ehemals 4,6 Kilometer langen Tunnelsystems. In dem Betonbunker mit 67 Eingängen, dessen Bau im Februar 1937 von dem damaligen kommunistischen Bürgermeister in Auftrag gegeben wurde, suchten während des spanischen Bürgerkriegs ca. 34.000 Menschen Schutz vor deutschen, spanischen und italienischen Luftangriffen. Im Mai 1937 bombardierten auch noch fünf deutsche Kriegsschiffe vom Hafen aus die Stadt, erzählt uns der spanische Guide, 200 Granaten töteten Menschen, zerstörten Gebäude – ein Vergeltungsschlag Hitlers. Und danach die Massaker an den Republikanern …War ja klar, schon wieder deutscher Faschismus im Urlaub, grummle ich und schaue mich nach Moni um: Weg!

Als ich nach der Führung leicht in Sorge am anderen Ende der Stadt wieder auftauche, sehe ich sie, einen riesigen Eisbecher in der Hand. »Ich hab da unten Platzangst gekriegt und musste wieder hoch. Hab’ gefragt, wo ihr rauskommt und bin vorgelaufen«, schmatzt sie mich an. »Schmeckt’s?« frage ich etwas angesäuert, weil ich das Gelernte jetzt alleine ableiden darf. »Köstlich! Probier mal.« Um sie zu ärgern, ramme ich mein Gebiss wie ein Piranha tief in die Eiskugel, aber Moni freut sich – »geil, oder?« – und holt sich das gleiche noch mal. Für die nächsten zehn Minuten schließe ich schweigend einen Pakt des Vergessens mit der Geschichte und betäube mich mit dieser Köstlichkeit aus Quark, Schlagsahne, Milch, Zucker, ein paar Esslöffeln Amaretto und reichlich Rumrosinen. Die Zutaten hat der Eismann gut miteinander verrührt und erst mal vier Stunden in den Kühlschrank gestellt. Danach hat er das Ganze für ca. 25 Minuten in die Eismaschine gegeben, erfahre ich auf Nachfrage. Die Eissorte heißt Malaga und hilft kurzfristig gegen akute Geschichtsdepression.

Als ich nach der Führung leicht in Sorge am anderen Ende der Stadt wieder auftauche, sehe ich sie, einen riesigen Eisbecher in der Hand.

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