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Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Ein Ständchen für Frau Schlott

Youtube in der Fernsehvorhölle: Schwein gehabt

Von Maximilian Schäffer
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Schlimmer geht immer: BRD-Retro-Schmuddel »Tutti Frutti« bei der Neuauflage 2016

Das sogenannte dritte Rundfunkurteil des Bundesverfassungsgerichts besiegelte 1981 die Gründung von Privatsendern in der BRD. Drei Jahre später folgten Taten. 1984 ging auf Sendung, was später zu Sat.1 werden sollte. Auf dem Fuß folgte RTL, und ein paar Jahre später war das Angebot an »hochqualitativen Vollprogrammen« schon so pluralistisch, dass wirklich ein jeder sich genau so unbilden konnte, wie er es für richtig hielt. Die Öffentlich-Rechtlichen musste das schnell jucken, weil ihnen die spritzigen Unterhaltungsformate à la »Tutti Frutti« mit Hugo Egon Balder und »Der Preis ist heiß« mit Harry Wijnvoord besonders im Vormittags-, Nachmittags- und Abendprogramm den Rang in der Gunst der Zuschauer abliefen. Die 80er bis 90er waren die Zeit des Ausprobierens im Wilden Westen der Mattscheibe und vor allem die der bis heute anhaltenden Hilflosigkeit der GEZ-Programme. Davon zeugt der Youtube-Kanal »Tangente­Steigung« eindrücklichst mit einem skurrilen Kaleidoskop der trockensten Bildungsprogramme und dümmsten Unterhaltungsmomente dieser Jahre. Eine bizarre Fernsehvorhölle einer Zeit an der Schwelle zum Internetzeitalter.

Im verstaubten »Telekolleg« konnte beispielsweise der ambitionierte Bürger, wenn er noch immer nicht genug von der bezaubernden Atmosphäre eines Hörsaals der VHS Wuppertal hatte, sich in Eigenregie die Wunder der Naturwissenschaften aneignen. Eberhard Weiß führte mit viel Liebe und ohne jegliche Sprecherziehung durch Mathematik- und Physiklektionen. Für die lieben Kleinen sendete der Bayerische Rundfunk den zweistündigen »Schlawiner Platz«. Highlights waren die von Kindern selbst nachgespielten Märcheninszenierungen. Auch dem Moderator dieses Formats, genannt »Der Schäfer«, fehlte jegliche Medienkompetenz, weswegen zu Theaterszenen gestellte Quizfragen sich im Rahmen surrealistischer Schusseligkeit bewegten. Das ZDF kaufte sich hingegen die »Bananas in Pyjamas« als geeignete Nachwuchsberieselung ein. In der australischen Serie ulkten überlebensgroße Bananen in Streifengewändern auf einer tropischen Insel: Miserabelste Synchronisationsleistungen und Handlungsstränge, die zu 80 Prozent aus Gekicher bestanden, untertrafen die Teletubbies erheblich. Die allerekligste anthropomorphe Scheußlichkeit im Videorepertoire bietet allerdings das »Alles-Gute-Schwein Max in Hundsgrün«. Weil man im Alter bekanntlich wieder genauso ernst genommen wird wie im Kindergarten, wird eine 70jährige zum Jubiläum im Kreise ihrer Lieben vom MDR überrascht. Im Voigtland marschiert die viehisch dämliche Maskottchensau pünktlich zum persönlichen Ständchen für Frau Schlott ein und grunzt und scherzt gefährlich nah an der Unerträglichkeitsgrenze. Zum Glück schlägt niemand zu.

Wer sich einmal die Woche fremdschämen will, der hat mit den 52 Videos auf »TangenteSteigung« zumindest ein Jahr lang ausgesorgt. Dann weiß man, dass im Fernsehen früher nicht alles besser war und heute immer noch alles scheiße ist.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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