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Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Stadtbesuch

Alles so schön sauber hier

Das als »erste sozialistische Stadt Polens« erbaute Nowa Huta wird zum Trendbezirk
Von Reinhard Lauterbach
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Nur Lenin fehlt: Nowa Huta aus der Vogelperspektive

Wenn man sich Krakow auf der Autobahn aus Richtung Oberschlesien nähert, sieht man an einer Stelle von den umgebenden Bergen aus die ganze Stadt vor sich liegen. Aus dieser Richtung weit entfernt und etwas am Rande des Häusermeers scheint die Luft über der Beinahe-Millionenstadt an einer Stelle etwas dunkler zu sein als anderswo. Das ist der Himmel über Nowa Huta – der seit 1949 für die Beschäftigten des östlich von Krakow errichteten Stahlkombinats erbauten Trabantenstadt. Auch wenn die Hütte heute nur noch einen Bruchteil ihrer einstigen wirtschaftlichen Bedeutung hat – die Zahl der Jobs ist von 40.000 im Jahre 1989 auf heute noch 3.000 direkt im Werk und weiteren 4.000 bei ausgelagerten Abteilungen zurückgegangen –, ist ihr ökologischer Schweif mit bloßem Auge zu sehen. Dass der heutige Betreiber, der indische Konzern Arcelor-Mittal, den letzten Hochofen unter dem Einfluss der EU-Klimapolitik in diesem Herbst herunterfahren will, sehen Umweltschützer in Polens jeden Winter vom Smog geplagter südlicher Metropole deshalb gar nicht so ungern. Um die letzten Stahlkocherjobs machen sie sich weniger Sorgen.

Fit für den Sozialismus

Die Hütte entstand im Rahmen des ersten Sechsjahrplans, mit dem Polen ab 1949 seine Wirtschaft fit für den Sozialismus machen und die Planungszyklen mit denen der Sowjetunion synchronisieren wollte. Noch bevor 1950 der erste Spatenstich für die Industriebauten getan wurde, war ein Jahr früher, am 23. Juni 1949, dasselbe für den Beginn der Wohnbauten geschehen. Heute ist die sogenannte »Villensiedlung«, geplant für die Leitungskader der künftigen Fabrik, ein kleiner Bereich am Rande der Stadt; die Arbeiter hausten, auch wenn man ihnen erzählte, sie bauten die Häuser für sich, über Jahre in Baracken. Die sanitären Bedingungen spotteten anfangs jeder Beschreibung. Größeren politischen Ärger gab es deswegen nicht, nur viel Suff und Randale. Denn die Beschäftigten wurden aus den übervölkerten Dörfern Süd- und Zentralpolens rekrutiert, wo die Lebensbedingungen auch nicht besser waren. Stück für Stück wuchsen die Wohnblocks nach, projektiert unter der Leitung des Architekten Tadeusz Ptaszycki, der zuvor den Wiederaufbau des zerstörten Wroclaw geleitet hatte.

Dass Nowa Huta ein Vorzeigeprojekt werden sollte, nahmen die Architekten wörtlich. Sie ließen ihre ästhetische Erfindungsgabe spielen, bis ihnen die Kostenrechner die Flügel stutzten. Was sie erbauten, nötigt dennoch auch heute noch der Fachwelt Respekt ab – gerade wenn man es mit dem architektonischen Chaos vergleicht, das seit dem Systemwechsel zwischen dem Rand der Krakauer Altstadt und dem zehn Kilometer entfernten, durch einen Flugplatz vom Zentrum getrennten, ursprünglich als eigene Stadt geplanten Stadtteil hochgewuchert ist.

Nowa Huta hatte noch Platz. Einen Bodenpreis gab es nicht. Die Stadt greift das Konzept der polnischen Planstädte der Renaissance auf, von denen Zamosc – wo Rosa Luxemburg geboren wurde – das bekannteste Beispiel ist. Das als Zitat des Rathauses von Zamosc konzipierte Rathaus von Nowa Huta fiel allerdings als erstes den Sparbemühungen zum Opfer; statt dessen wurde Nowa Huta 1951 in die Stadt Krakow eingemeindet, das sparte zumindest den repräsentativen Verwaltungssitz. Wo das Rathaus stehen sollte, ist heute ein kleiner, inzwischen verwunschen eingewachsener Park. Historismus im Stil der Renaissance prägt auch das Direktionsgebäude des Stahlwerks. Nicht nur sind die Treppenhäuser innen mit Marmor verkleidet, am Rande der Dächer zitieren Attiken den Dachschmuck der Tuchhallen auf dem Krakauer Altmarkt. Von einem Zentralplatz gehen strahlenförmig fünf Alleen nach Osten, Westen und Norden aus, mittig die als Flaniermeile konzipierte »Rosenallee«, im Sommer ein Blumenmeer. Bis zum Dezember 1989 stand hier ein Lenindenkmal, heute gibt es nurmehr ein Blumenbeet, das das ästhetische Vakuum geradezu hervorhebt. Der Platz wurde damals nach Ronald Reagan benannt. Schöner macht ihn das nicht.

»Gläserne Häuser«

Die Wohnblocks waren noch bis in die sechziger Jahre nach sowjetischen Mustern konzipiert: Man sieht es daran, dass die an den Blockrändern stehenden fünfstöckigen Häuser zur Straße hin keine Eingänge haben. Statt dessen gelangt man durch Arkaden in geräumige Innenhöfe, von denen dann die durchnummerierten Treppenhäuser abgehen. In die Innenflächen wurde Sozial- und Versorgungsinfrastruktur gesetzt, etwa Kindergärten oder Geschäfte. Der Kunsthistoriker Maciej Miezian, der im Stadtmuseum von Nowa Huta eine Ausstellung zur Geschichte der Stadt aufbaut, lobt noch heute die durchdachte Konzeption der Infrastruktur: kurze Wege, Kontakte von Kindern zum Autoverkehr – der freilich zur Bauzeit noch nicht so intensiv war wie heute – werden auf ein Minimum reduziert. Ein weniger massiv gebauter Block, der sich an französischen und schwedischen Vorbildern der 60er Jahre orientierte, trägt noch heute den Beinamen »Gläserne Häuser« – nicht nur eine volkstümliche Beschreibung, sondern auch ein Zitat aus einer Utopie des Schriftstellers Stefan Zeromski für das neuerstandene Polen.

Heute ist Nowa Huta ein beliebtes Wohnviertel, eine Alternative zu dem von Touristen überlaufenen und in den zentrumsnahen Vierteln der Gentrifizierung ausgesetzten historischen Stadtgebiet. Langsam ziehen junge Familien aus der Stadt hierher: Die Wohnungen sind noch vergleichsweise günstig zu haben, relative Ruhe und viel Grün sind weitere anziehende Faktoren. Ein Nachteil ist, dass laut Einwohnern abends die »Bürgersteige hochgeklappt« werden. Wer ausgehen will, muss eine halbe Stunde mit der Straßenbahn in die Stadt fahren.

Ort des Aufstiegs

Der Grund ist einerseits das Alter der ursprünglichen Bewohner des Viertels. Sie sind meist hochbetagte ehemalige Beschäftigte des Stahlwerks. Ihre durch lange Beitragsjahre im Sozialismus gestützten Renten machen Nowa Huta inzwischen zu einem sozial stabilen und sogar relativ wohlhabenden Stadtteil. Einem, in dem die Gentrifizierung nur verstohlen unterwegs ist. Denn nur in dem Maße, in dem alte Leute versterben, werden Wohnungen frei. Andererseits ist das einstige Staatseigentum an Grund und Boden in Nowa Huta beim Systemwechsel auf die Mietergemeinschaften der einzelnen Siedlungen übergegangen. Und dieses Kollektiveigentum hat etwas gegen kapitalistische Modernisierung: Die mit Stimmrecht ausgestatteten Mieterinnen und Mieter wehren sich laut Maciej Miezian mit Händen und Füßen dagegen, dass in den Parterre­lokalen etwa Kneipen eröffnet werden. Weshalb der Lärm, den gebe es ja schon im Zentrum.

Aber auch über diese defensive Position hinaus wächst die Zahl der Huta-Fans aus dem eigentlichen Krakow. Ein Avantgardetheater ist vor Jahren in die ehemalige Waschkaue des Stahlwerks gezogen. Die Betreiber der »Laznia Nowa« rekrutieren für durchaus anspruchsvolle Produktionen Leute aus der Generation der ersten Bewohner. Eine von ihnen, eine alte Frau mit spät gefördertem Gesangstalent, trat im Chor einer Sophokles-Bearbeitung unter dem Titel »Ödipus. Die Tragödie von Nowa Huta« auf. Sie starb zwischen dem Probenzyklus und der Premiere. Gemäß ihrem Wunsch wurde sie in ihrer Todesanzeige als »Schauspielerin« gewürdigt. Noch im nachhinein erwies sich Nowa Huta als Ort des Aufstiegs – so, wie das Viertel ursprünglich angedacht war.

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