Gegründet 1947 Freitag, 18. Oktober 2019, Nr. 242
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 7 / Ausland
Türkei Nordirak

PKK dementiert Täterschaft

Regionalregierung präsentiert nach tödlichem Attentat im Nordirak angeblich Verantwortlichen
Von Nick Brauns
RTX6ZXZF.jpg
Einsatzkräfte der Regionalregierung im Nordirak am Ort des Attentats, einem Luxusrestaurant in Erbil, am 17. Juli 2019

In der Nacht zum Donnerstag hat der Guerillakommandant Bahoz Erdal im kurdischen Satellitensender Sterk TV eine mit Spannung erwartete Erklärung der Arbeiterpartei Kurdistans PKK zur Tötung eines türkischen Diplomaten eine Woche zuvor in Erbil abgegeben. In einem Luxusrestaurant der Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion im Nordirak waren am 17. Juli der in türkischen Medien als Vizekonsul bezeichnete Osman Köse sowie zwei weitere Personen erschossen worden. Laut Erdal hätten Untersuchungen der PKK ergeben, dass es sich bei dem vermeintlichen Diplomaten Köse um den Südkurdistan-Verantwortlichen des türkischen Geheimdienstes MIT gehandelt habe. Dieser sei für Attentate gegen Leitungsmitglieder der kurdischen Freiheitsbewegung verantwortlich. So trage Köse die Verantwortung für den Tod von Diyar Xerib, der bei einem gezielten Luftangriff am 5. Juli im Nordirak getötet worden war. Die PKK hatte nach dem auf nachrichtendienstliche Informationen über seinen Aufenthalt erfolgten Mord an ihrem Zentralkomiteemitglied Rache geschworen.

»Der Mörder von Diyar Xerib wurde bestraft«, erklärte Erdal nun auf Sterk TV. Allerdings sei nicht die Guerilla dafür verantwortlich. Es handele sich vielmehr um eine Aktion einer »Gruppe junger Menschen, die sich mit Leib und Seele unserer Bewegung verschrieben haben«. Ganz so »laienhaft«, wie Erdal behauptet, war die Aktion jedoch keineswegs. So verfügten die Attentäter offenkundig über Informationen zur wahren Identität Köses sowie über dessen Aufenthalt in dem Lokal. Anschließend gelang es ihnen, trotz der anwesenden kurdischen und türkischen Einsatzkräfte zu entkommen. Erdals Erklärung zielt wohl darauf, einerseits die Rache für Xeribs Tod als Werk der Befreiungsbewegung erscheinen zu lassen und andererseits die PKK aus der direkten Verantwortung zu nehmen, um die in Erbil regierende Demokratische Partei Kurdistans (KDP) nicht weiter zu brüskieren.

Auf Videos von Überwachungskameras des Restaurants sind die Angreifer nicht klar zu erkennen. Nichtsdestrotz präsentierten KDP-Sicherheitskräfte vier Tage nach der Tat den aus Diyarbakir stammenden 27jährigen Kurden Mazlum Dag als angeblichen Hauptverantwortlichen des Angriffs. Dag ist der Bruder einer Abgeordneten der prokurdischen Linkspartei HDP in der Türkei, deren Vorstand das Attentat auf Köse verurteilt und jegliche Verwicklung darin bestritten hatte. Nach Informationen der Nachrichtenagentur ANF wurden er sowie zwei weitere Festgenommene vom KDP-Geheimdienst und türkischen Agenten schwer gefoltert. Die Festgenommenen hätten jedoch die Unterzeichnung eines vorbereiteten Geständnisses verweigert.

Als Reaktion auf die Tötung Köses haben KDP-Peschmerga das außerhalb des Autonomiegebietes gelegene Flüchtlingslager Machmur, in dem über 10.000 Kurden aus der Türkei leben, abgeriegelt. In Erbil, Dohuk und Sacho fanden Razzien bei Dutzenden aus der Türkei stammenden kurdischen Familien statt, die zum Verlassen der Autonomieregion aufgefordert wurden. In Erbil kontrollieren derweil Mitglieder einer Spezialeinheit der türkischen Polizei in Uniformen der kurdischen Einsatzkräfte Fahrzeuge und Personalien, meldet ANF.

Die von der Türkei wirtschaftlich und politisch abhängige kurdische Regionalregierung unter Ministerpräsident Masrur Barsani schweigt zu den seit Mai laufenden Besatzungsoperationen der türkischen Armee im Nordirak. Tausende Soldaten sind in der Region im Einsatz, permanent werden Luftangriffe geflogen, die bereits mehreren Zivilisten das Leben gekostet haben. Statt dessen fordert die Barsani-Regierung die PKK zum Verlassen ihrer Rückzugsgebiete im Nordirak auf.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Panzerkonvoi der türkischen Armee in der Nähe von Kilis unterweg...
    26.07.2019

    Vor dem »großen Krieg«

    Die Türkei zieht erneut Truppen an der syrischen Grenze zusammen. Ihr Ziel: Die Zerschlagung der kurdischen Selbstverwaltung
  • Die Zentrale Ausländerbehörde Mittelfrankens in Nürnberg (Archiv...
    24.07.2019

    Nach 30 Jahren abgeschoben

    Behörden unterstellten PKK-Aktivitäten: Familienvater aus Nürnberg in die Türkei verbracht
  • Der neue Präsident der Region Kurdistan-Irak, Nechirvan Barzani,...
    04.07.2019

    Ankara plant Besatzung

    Zivilisten bei türkischer Offensive im Nordirak getötet. Neue Selbstverteidigungskräfte gegen Besatzungsversuche der »Neoosmanen«gebildet

Regio:

Mehr aus: Ausland