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Aus: Ausgabe vom 22.07.2019, Seite 16 / Sport
Klippenspringen

»Platz drei wäre cool«

Iris Schmidbauer hofft beim WM-Klippenspringen auf eine Medaille
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»Oh, mein Gott, was mache ich hier?« – Iris Schmidbauer über ihren missglückten Sprung (Bild) in Budapest 2017

Der Regen prasselt Iris Schmidbauer ins Gesicht, der Wind pfeift ihr um die Ohren, als sie in schwindelerregender Höhe auf dem Stahlgerüst steht und nach unten auf den kreisrunden Pool blickt. Zu hoch ist es der 24jährigen nicht – im Gegenteil. »Ich habe eher Angst, dass 20 Meter nicht reichen, dass ich nicht genug Zeit habe«, sagt die Bayerin im Gespräch mit dem Sportinformationsdienst (SID) und lacht.

Auf der Anlage in der Chosun-Universität im südkoreanischen Gwangju testete sie für den WM-Wettkampf den schwierigsten Sprung, den die besten Klippenspringerinnen der Welt draufhaben, den Dreifach-Rückwärtssalto mit zwei Schrauben. »Ich hatte etwas Panik«, gibt sie zu, »aber alles kein Problem.« Erst einmal hat die einzige deutsche WM-Teilnehmerin beim High diving diese Höchstschwierigkeit im Wettkampf gewagt – bei der Red-Bull-Weltserie vor einer Woche im Libanon. »Da war es 22 Meter hoch«, berichtet Schmidbauer. Beim Springen von den berühmten Taubenfelsen von Beirut verfehlte sie mit ihren waghalsigen Sprüngen bei bis zu 90 Kilometern pro Stunde nur um einen Zehntelpunkt ihren ersten Podestplatz.

Wenn am Montag und Dienstag in Südkorea um WM-Edelmetall (4.30 Uhr MESZ) gesprungen wird, will Schmidbauer nicht mehr nur »gesund unten ankommen« – wie vor zwei Jahren bei ihrer Premiere mit Platz zehn in Budapest. »Oh, mein Gott, was mache ich hier? – Dieses Gefühl ist weg. Diesmal ist ein Kribbeln da – und der Gedanke: Platz drei wäre cool.« Schmidbauer, die den Extremsport erst seit fünf Jahren betreibt, hat einiges umgestellt. »Ich habe meine Zelte in England abgebrochen und lebe seit einem Jahr aus dem Koffer«, erzählt sie. Den Bachelor hat sie an der Universität in Plymouth abgeschlossen, ihren Doktor in Sportwissenschaft macht sie per Fernstudium. Das Thema: Verletzungsrisiko, Prävention und Rehabilitation im High diving. Beim Weltverband FINA hat sie angefragt, ob sie die notwendigen Daten sammeln darf.

Seit Januar trainiert sie in Dresden mit den Wasserspringern Tina Punzel und Martin Wolfram. Eine eigene Wohnung hat sie nicht, »ich schlafe bei Freunden auf der Couch«, Geld verdient sie mit ihrem Sport nicht: »Davon leben kann man nur, wenn man jedesmal gewinnt.« Ihre Eltern unterstützen sie noch, »ich komme mit weniger als 500 Euro im Monat aus«. Nach der WM will sie sich eine feste Bleibe in Dresden suchen. »Ich hoffe, ich kann genug Preisgeld zusammenkratzen, um über den Winter zu kommen.« Ein Sponsor wäre nicht schlecht, meint sie. »Es wäre mein Traumjob. Wenn ich davon leben könnte, wäre ich glücklich.« Eine Medaille bei der WM könnte dabei helfen. (sid/jW)

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