Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 22.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Geistesgeschichte

Verständnis der Welt

Agnes Heller ist tot
Von Matthias István Köhler

Viele hätten mit ihr den »Pfad vom Kommunismus zum Liberalismus, von der ›großen Erzählung‹ zum Bewusstsein des Eingeschlossenseins in unsere Geschichte, von der Allwissenheit zur Skepsis« ausgetreten, schrieb die ungarische Intellektuelle Agnes Heller in ihrem Buch »Geschichte meiner Philosophie«. Aber wenige haben dies so konsequent und offen getan wie sie.

Fast die gesamte Familie der 1929 geborenen jüdischen Denkerin wurde von den Nazis umgebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg will sie kämpfen, schwankt zwischen Zionismus und Kommunismus, 1947 tritt sie in die ungarische KP ein. Zunächst möchte sie Physikerin werden. Ein Vortrag des aus Moskau zurückgekehrten Georg Lukács an der Budapester Universität überzeugt sie, Philosophie zu studieren.

Als seine Schülerin widmet sie sich nach dem Aufstand von 1956 der »Renaissance des Marxismus«. Inspiration sind die neu entdeckten »Ökonomisch-philosophischen Manuskripte« von Karl Marx. Über die Sommerschule auf der jugoslawischen Insel Korcula, an der sie Ende der sechziger Jahre teilnimmt, wird sie mit den Vertretern einer jungen Generation von Sozialwissenschaftlern und Philosophen aus Ost und West bekannt.

Aus der Perspektive der international entstehenden »neuen Linken« beginnt sie, die Entwicklung des sozialistischen Ungarns zu kritisieren, und gerät mit der politischen Führung immer stärker in Konflikt. Nach Lukácss Tod 1971 nimmt der Druck auf sie und andere Mitglieder der »Budapester Schule« zu, Heller und ihr Ehemann, der bekannte Ästhet Ferenc Feher, emigrieren 1977 nach Australien.

»Mit dem Marxismus habe ich das Verständnis der Welt verloren. Von Georg Lukács hatte ich einst eine Welt erhalten. Sie zerfiel, löste sich auf – ich habe die Welt nicht mehr verstanden«, schrieb Heller. Sie macht aus der Not eine Tugend und wendete sich in der Folge verstärkt postmodernen Fragestellungen zu, verfasst Bücher zu Psychologie, Ethik und Ästhetik. 1986 wird Heller nach New York berufen und übernimmt Hannah Arendts Lehrstuhl an der New School for Social Research.

Nach 1989 ist sie eine der wichtigsten liberalen Intellektuellen in Ungarn. Sie fängt an, sich wieder vermehrt mit der Tradition des Judentums zu beschäftigen, und wird zu einer zentralen Persönlichkeit des jüdischen geistigen Lebens. Als Kritikerin des nationalistischen Kurses der Regierung von Viktor Orban wird sie seit 2010 verstärkt zur Zielscheibe antisemitischer Attacken in der Presse und auch an der Universität. Aber sie bleibt unerbittlich.

Am Freitag abend ist Agnes Heller überraschend mit 90 Jahren verstorben.

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