Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 22.07.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Petersburger Dialog

Tiefpunkt überwunden

Deutsch-russischer Handel legt wieder etwas zu
Von Jörg Kronauer
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Daimler-Chef, russischer Präsident und deutscher Wirtschaftsminister (v. l. n. r.) eröffnen ein Mercedes-Werk vor den Toren Moskaus (April 2019)

Es geht wieder aufwärts mit dem deutschen Russland-Geschäft, wenn auch langsam und nicht kontinuierlich: Das zeigen aktuelle Daten über die Entwicklung von Handel und Investitionen. Der bilaterale Handel hat seinen Tiefpunkt aus dem Jahr 2016 (48 Milliarden Euro) hinter sich gelassen und lag im vergangenen Jahr bei knapp 62 Milliarden Euro. Das ist immer noch viel weniger als die 80 Milliarden Euro aus dem Jahr 2012, aber immerhin. Man muss allerdings einschränken, dass das Wachstum zum erheblichen Teil auf einer Zunahme der Importe aus Russland beruht, die fast ausschließlich aus Erdöl, Erdgas, Metallen und Kohle bestehen und sich nach dem Absturz des Ölpreises im Jahr 2015 wieder erholen. Gasprom konnte seine Ausfuhren nach Deutschland in den vergangenen Jahren allerdings auch mengenmäßig steigern; sie erreichten 2018 mit 58,5 Milliarden Kubikmetern Erdgas einen neuen Rekord.

Der deutsche Export nach Russland kommt dagegen nur langsam vom Fleck. War es 2017 gelungen, ihn von 21,5 Milliarden Euro (2016) auf immerhin knapp 26 Milliarden Euro zu steigern, so verharrte er im vergangenen Jahr bei diesem Wert. Für die ersten vier Monate 2019 vermeldet der Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft (OAOEV) nun einen Anstieg von immerhin 1,3 Prozent. Damit bleiben die Ausfuhren nach Russland weiterhin signifikant unter dem Rekordwert des Jahres 2012 (38 Milliarden Euro). Unklar ist, ob die Aufholjagd überhaupt zum Erfolg führen kann. Besonders stark von den EU-Sanktionen des Jahres 2014, die mit dem Bürgerkrieg in der Ukraine begründet worden waren, betroffen ist nach wie vor der deutsche Maschinenbau, dessen viertgrößter Absatzmarkt Russland einst war. Die Zeiten sind vorbei: 2016 lieferte erstmals China mehr Maschinen in die Russische Föderation als die deutsche Konkurrenz; eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Ähnlich sieht es in der Landwirtschaft aus. »Russland zählte neben der Schweiz und den USA zu den drei größten Auslandsmärkten für deutsche Agrarprodukte« – mit einem Umsatz von satten 1,6 Milliarden Euro, erinnerte Ende Juni der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied. Bevor er mit Blick auf die russischen Gegensanktionen in der Agrarbranche konstatierte: »Dieser Markt ist weg«.

Spürbar aufwärts geht es bei den Investitionen von BRD-Konzernen in Russland. Die hatten 2013 einen Rekordbestand von gut 24 Milliarden Euro erreicht, bevor sie im folgenden Jahr dramatisch einbrachen. 2016 hatten sie sich bei immerhin 19 Milliarden Euro konsolidiert; seitdem wachsen sie wieder. 2018 erreichten die Neuinvestitionen laut Angaben der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer bereits gut zwei Milliarden Euro netto. Umfragen zufolge wollen zwei Fünftel der in Russland tätigen deutschen Unternehmen dort in den nächsten zwölf Monaten investieren. Der Hintergrund: Russland fördert wegen der Sanktionen zunehmend die Fertigung im eigenen Land und lädt nicht zuletzt deutsche Firmen mit lukrativen Sonderkonditionen ein, Werke vor Ort aufzubauen. Das wohl bekannteste Beispiel: Daimler hat Anfang April eine neue Produktionsstätte im Industriepark Jessipowo bei Moskau eröffnet. In dem eine Viertelmilliarde Euro teuren Betrieb zunächst 25.000 Autos der E-Klasse montiert werden. Bei Volkswagen – der Konzern wurde mit dem Werk in Kaluga inzwischen zu einem der größten Autohersteller in Russland – ist gleichfalls von weiteren Investitionen die Rede. Freilich folgen nicht alle dem Beispiel der deutschen Kfz-Industrie: Der US-Konzern Ford zieht sich, wie im März bekannt wurde, gänzlich aus der Produktion in Russland zurück.

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