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Aus: Ausgabe vom 20.07.2019, Seite 12 / Thema
Widerstand gegen die Nazidiktatur

Späte Verschwörung

Das Attentat auf Adolf Hitler endete in einer Katastrophe. Der 20. Juli 1944 und seine Vorgeschichte (Teil I)
Von Karl Heinz Roth
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»Der Führer« und sein Attentäter. Adolf Hitler und Claus Schenk Graf von Stauffenberg (ganz links) am 15. Juli 1944 im Führerhauptquartier »Wolfsschanze« in Ostpreußen (rechts von Stauffenberg Generaloberst Friedrich Fromm, ganz rechts Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel)

Am heutigen Sonnabend jährt sich das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler, ausgeführt vom Wehrmachtsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg, zum 75. Mal. Die bürgerliche Historiographie und Publizistik verengt die Opposition gegen die Nazidiktatur üblicherweise auf diese Tat und blendet den Widerstand etwa aus den Reihen der Arbeiterbewegung aus. Der 20. Juli 1944 wird von offizieller Seite inzwischen zu einer Art Gründungsakt der Bundesrepublik oder zumindest zum geistigen »Fundament« der Bundeswehr verklärt. Was dabei keiner wissen will: »Zahlreiche militärische Exponenten der bürgerlichen Opposition (auch Stauffenberg; jW) waren in die Massenverbrechen der NS-Diktatur verstrickt und hatten den Widerstand im deutsch beherrschten Europa genauso rigoros bekämpft wie die Widergesetzlichkeiten der einfachen Soldaten der eigenen Armee.« (Karl Heinz Roth). Und die Neuordnungsvorstellungen der bürgerlichen Opposition um den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler oder die »Freiburger Professoren« lassen im besseren Fall autoritär-ständestaatliche Züge erkennen, im schlimmeren eine faschistische Alternative zur Naziherrschaft. Konsequenterweise reklamiert die neurechte Strömung um die Wochenzeitung Junge Freiheit einen Goerdeler für sich.

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in zwei Teilen Auszüge aus einem langen Aufsatz des Sozialhistorikers Karl Heinz Roth, der 2004 in dem von ihm und Angelika Ebbinghaus herausgegebenen Sammelband »Rote Kapellen – Kreisauer Kreise – Schwarze Kapellen« erschienen ist und dem der aktuelle Stand der Forschung nichts Wesentliches hinzuzufügen vermag. Wir danken dem Autor und dem Hamburger VSA-Verlag für die Genehmigung zum Nachdruck. (jW)

Die Geschichte des deutschen Widerstands gegen den Faschismus ist in allen ihren Phasen reich an Halbheiten, Unentschlossenheit und schwer nachvollziehbaren Rückschlägen. Sie ist aber auch in manchem durch die tragischen Züge einer unverschuldeten Vergeblichkeit geprägt. Endlich hatte sich im Frühjahr 1944 das erste und zugleich letzte bürgerliche Aufgebot gegen die NS-Diktatur zusammengefunden und dadurch dem gesamten Widerstand neuen Auftrieb gegeben. Als sich seine Exponenten drei Monate später dazu durchrangen, den Kontakt mit denjenigen Gruppierungen aufzunehmen, die von Anfang an gegen die NS-Diktatur gekämpft hatten, führte dies jedoch nicht zum Aktionsbündnis, sondern markierte den Beginn einer Katastrophe. Am 22. Juni 1944 trafen sich die Sozialdemokraten Julius Leber und Adolf Reichwein in einer Berliner Arztpraxis mit den Kommunisten Anton Saefkow und Franz Jacob zu einem ersten Gespräch. Bevor es zu einer vereinbarten zweiten Begegnung kam, verhaftete die Gestapo jedoch am 4. und 5. Juli alle Beteiligten. Mit diesem Schlag schaltete sie einige der profiliertesten politischen Köpfe des bürgerlichen Widerstands und des kommunistischen Untergrunds aus. Darüber hinaus begann sie, das gesamte Netz der Arbeiterlinken aufzurollen. In den Wochen vor und nach dem 20. Juli 1944 wurden in Berlin, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt etwa 1.000 Kommunistinnen und Kommunisten in die Gestapokeller und Zuchthäuser geworfen und bis Kriegsende etwa 400 von ihnen umgebracht.

Chaotische Voraussetzungen

Hatte der bürgerliche Widerstand nach diesem Schlag der Gestapo überhaupt noch eine Chance? Diese Frage drängt sich um so mehr auf, wenn wir bedenken, dass die Verhaftungsaktion vom 4. und 5. Juli zwar die folgenreichste, aber keineswegs die einzige war, die die Spielräume der zur Tat Entschlossenen einengte. Schon im April 1943 hatte ein Sonderermittler des Reichskriegsgerichts bei der Aufklärung eines Devisenvergehens eine in der Zentralabteilung der Wehrmacht-Abwehr tätige Oppositionsgruppe (Hans Oster, Hans von Dohnanyi, Dietrich Bonhoeffer und andere) weitgehend enttarnt und lahmgelegt. Am 19. Januar 1944 war Helmuth von Moltke, einer der integersten und weitsichtigsten Exponenten des bürgerlichen Widerstands aus dem »Kreisauer Kreis«, von der Gestapo verhaftet worden – wenn auch aus einem Anlass, der mit den Vorbereitungen zum Umsturz nichts zu tun hatte. Und wenige Tage vor dem 20. Juli erwirkte die Gestapo auch noch einen Haftbefehl gegen Carl Friedrich Goerdeler, den rührigsten Vertreter der Goerdeler-Kaiser-Leuschner Gruppe, die zusammen mit den »Jungen«, nämlich dem Kreisauer Kreis und der Offiziersopposition um Claus Schenk von Stauffenberg und Friedrich Olbricht, den Kern des bürgerlichen Widerstands bildete. Inzwischen waren in Berlin auch Gerüchte über eine bevorstehende »Aktion« der seit 1942/43 hauptstadtbekannten Oppositionsgruppen im Umlauf, als deren Kopf der frühere Generalstabschef des Heeres Ludwig Beck gehandelt wurde. Die Verschwörer gerieten ersichtlich unter Zugzwang. Vieles sprach dafür, dass die SS-Führung über ihre Pläne informiert war, und niemand konnte voraussagen, wie lange sie nach diesen Nadelstichen der Gestapo noch zuwarten würde, bevor sie zum entscheidenden Schlag gegen die bislang verschonte bürgerliche Opposition ausholte.

Hinzu kam die dramatische Zuspitzung der militärischen Lage. Die am 6. Juni in der Normandie gelandeten Invasionstruppen der Westalliierten zermürbten aufgrund der Überlegenheit ihrer Panzer-, Artillerie- und Luftkampfverbände die deutsche Verteidigung, die täglich 2.500 bis 3.000 Soldaten verlor. Sie standen nach der Besetzung von Cherbourg und der Eroberung von Caen bei St. Lô kurz vor dem Durchbruch in die Weite des französischen Raums. Zur selben Zeit stießen in Italien die alliierten Truppen in Richtung Livorno, Florenz und Ancona vor, nachdem sie wenige Tage zuvor Rom besetzt hatten. Am Mittelabschnitt der deutsch-sowjetischen Front hatte am 22. Juni eine Offensive der Roten Armee begonnen, die innerhalb von drei Wochen den Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte herbeiführte: Am 4. Juli war Minsk befreit, und am 18. Juli begann die Angriffsoperation der Ersten Belorussischen Armee in Richtung Lublin und Warschau. Wenn sich die Widerstandsbewegung nicht binnen kürzester Frist zum Handeln aufraffte, dann würde sie nur noch die von der Antihitlerkoalition schon weitgehend festgelegten Unterwerfungsbedingungen zu ratifizieren haben und als »Konkursverwalterin des Reichs« in die Geschichte eingehen.

Unter diesen chaotischen Voraussetzungen schritt Claus Schenk von Stauffenberg am Mittag des 20. Juli zur Tat. Er fungierte seit dem 1. Juni als Stabschef bei Generaloberst Friedrich Fromm, dem Chef der Heeresrüstung und Befehlshaber des Ersatzheers, und hatte deshalb Zugang zu den militärischen Lagebesprechungen im Führerhauptquartier. Da er in der leicht gebauten Behelfsbaracke nur einen der beiden mitgebrachten Sprengsätze einsetzte, überlebte der »Führer« Adolf Hitler die Detonation leicht verletzt, während vier der insgesamt 24 Besprechungsteilnehmer ihren schweren Verletzungen erlagen. Stauffenberg hatte zuvor das Führerhauptquartier bei Rastenburg/Ostpreußen verlassen und war nach Rangsdorf bei Berlin zurückgeflogen, während die dortigen Mitverschwörer aus dem Bereich des Heeresnachrichtenwesens die Nachrichtenverbindungen zu unterbrechen versuchten. Er war der festen Überzeugung, Hitler getötet zu haben. Nach seinem Anruf aus Rangsdorf löste die in der Wehrmacht-Zentrale in der Bendlerstraße versammelte Aktionsgruppe um Friedrich Olbricht und Albrecht Mertz von Quirnheim einen für die Staatsstreichszwecke umgeschriebenen Plan zur Mobilmachung des Ersatzheeres (»Walküre«) aus, nach dem mit der Verkündung vom Tode Hitlers die vollziehende Gewalt auf die Wehrmacht übertragen werden sollte. Im entscheidenden Berliner Wehrkreis (III) sollten die Einheiten des in die Putschpläne eingeweihten Standortkommandanten Paul von Hase im Zusammenwirken mit benachbarten Ausbildungsverbänden des Wehrkreises das Regierungsviertel besetzen, die wichtigsten Sende-, Kommunikations- und Verkehrsanlagen unter Kontrolle bringen, die Waffen-SS neutralisieren und so die Voraussetzungen für die Ausschaltung der NS-Führungsschicht und den politischen Umsturz schaffen. Auf ähnliche Weise sollten auch in den übrigen Wehrkreisen sowie den Militärverwaltungen der besetzten Gebiete »Verbindungsoffiziere« und »Politische Beauftragte« in Aktion treten.

Unterstützung versagt

Indessen versagte der Befehlshaber des Ersatzheeres seine Unterstützung. Fromm war zwar passiver Mitwisser der Umsturzvorbereitungen, wollte sich aber erst durch einen Anruf beim Chef des Oberkommandos der Wehrmacht vergewissern, dass Hitler wirklich getötet worden war. Als Wilhelm Keitel dies verneinte, wandte er sich heftig gegen den mittlerweile in Begleitung seines Ordonnanzoffiziers Werner von Haeften eingetroffenen Attentäter Stauffenberg und die angelaufene Operation. Er wurde daraufhin von der militärischen Aktionsgruppe nach einem Handgemenge festgesetzt. An seiner Stelle übernahm Erich Hoepner die Funktionen des Befehlshabers des Ersatzheeres. Inzwischen war auch Ludwig Beck, der designierte Reichspräsident, in der Bendlerstraße eingetroffen.

Während sich Olbricht, Stauffenberg, Mertz von Quirnheim und Hoepner im Zusammenwirken mit ihren Ordonnanzoffizieren und Beck in der Bendlerstraße durchzusetzen vermochten, blieb ein wichtiges Nebenzentrum der Umsturzplanung passiv. Wenige Tage vor dem 20. Juli waren die dem Oberkommando des Heeres (OKH) zugehörigen Stäbe des Generalquartiermeisters Eduard Wagner und des Waffengenerals der Artillerie Fritz Lindemann aus Ostpreußen in den Raum Zossen/Wünsdorf bei Berlin verlegt worden. Beide hatten die Umsturzvorbereitungen mit vorangetrieben. Da Wagner überdies in diesen Tagen als Standortkommandant von Zossen/Wünsdorf die Befehlsgewalt innehatte, setzten Olbricht und Stauffenberg große Hoffnungen auf ihn. Dem Szenario zufolge sollte der in den »Walküre«-Befehlen präsentierte neue Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Erwin von Witzleben, in Zossen erscheinen, Wagner seinem Kommando unterstellen und damit wesentliche Funktionsbereiche des OKH in den Militärputsch einbeziehen. Außerdem sollte Lindemann sich bereit halten, um nach Berlin zu fahren und die von ihm Ende Juni/Anfang Juli ausgearbeitete Umsturzproklamation des Reichspräsidenten Ludwig Beck im Rundfunk zu verlesen.

Wagner wurde schon gegen 13.30 Uhr durch einen Anruf des Stabschefs des Heeresnachrichtenwesens aus dem Führerhauptquartier darüber informiert, dass das Attentat zwar stattgefunden, Hitler aber überlebt hatte. Zweieinhalb Stunden später widersprach Stauffenberg in einem Telefonat mit Wagner dieser Nachricht und übergab den Hörer an Ludwig Beck, der sich als neues Staatsoberhaupt präsentierte, Wagner die Ankunft des neuen Oberbefehlshabers Witzleben ankündigte und ihn aufforderte, sich ihm zu unterstellen. Seinem einen Tag später verfassten Gedächtnisbericht zufolge will Wagner dies energisch zurückgewiesen und sich auch den kurz danach ausgegebenen »Walküre«-Befehlen widersetzt haben. Diese Behauptung ist zweifelhaft, denn der noch im Amt befindliche Generalquartiermeister musste nun seine Haut retten. Die historische Wahrheit dürfte in der Mitte liegen: Wagner war über die widersprüchlichen Meldungen verwirrt und handlungsunfähig. Deshalb versuchte er auf Zeit zu spielen. Als Witzleben tatsächlich bei ihm eintraf und sich als neuer Oberbefehlshaber präsentierte, erwiderte er ihm, er wisse ihm »nichts zu sagen«. Danach wies er Lindemann an, es dem nach Berlin weitergefahrenen Witzleben gleichzutun und in der Bendlerstraße nach dem Rechten zu sehen. Wagners Passivität verhinderte das Ausgreifen des Militärputschs auf das Operationszentrum des Heeres. Die von Beck ausgegebene Parole, man müsse nun so handeln, als ob Hitler tot wäre, vermochte ihn genauso wenig wie viele andere Mitverschworene aus dem Umfeld des Generalstabs des Heeres mitzureißen. Dabei war spätestens seit 16 Uhr klar, dass nichts mehr vertuscht werden konnte und auch die Beteiligten und Mitwisser nur noch bei einem entschlossenen Vorgehen eine Überlebenschance hatten.

In dieser ersten Phase basierte die gesamte Operation auf der eingeschliffenen Automatik von militärischem Befehl und Gehorsam, denn der Weg in die Öffentlichkeit war erst für ein späteres Stadium vorgesehen und – wohl aufgrund des Ausfalls von Julius Leber und Adolf Reichwein – operativ nicht ausreichend vorbereitet. Für das Funktionieren dieser Automatik fehlte jedoch die entscheidende Voraussetzung: Der »Führer« war keineswegs tot, wie es im ersten Satz des »Walküre«-Befehls hieß. Der »eidfreie Zustand« war nicht eingetreten. Dies lähmte die Handlungsbereitschaft des in die Planungen eingeweihten Umfelds. Zusätzlich entfiel die entscheidende Voraussetzung, die die aufgrund der desolaten Kriegslage in ihrer NS-Loyalität schwankend gewordenen Generäle vom Schlag eines Friedrich Fromm oder Günther von Kluge dazu hätte bewegen können, dem in den »Walküre«-Erlassen präsentierten neuen Oberbefehlshaber der Wehrmacht zu gehorchen und die politisch brisanten Befehle zur Ausschaltung der NS Führungsschicht auszuführen. Darüber hinaus wurde aber auch die den Staatsstreich legitimierende Behauptung hinfällig, eine »gewissenlose Clique frontfremder Parteiführer« habe den Tod Hitlers zur Usurpation der Staatsmacht ausnutzen wollen. Da das Führerhauptquartier nur kurzfristig und zudem unvollständig von der Außenwelt abgeschnitten war, konnte das Oberkommando der Wehrmacht kurz nach 16 Uhr die Todesnachricht dementieren und zeitgleich mit den »Walküre«-Erlassen die nötigen Gegenbefehle ausgeben. Die Einheiten des Berliner Wehrkreises zogen sich daraufhin aus ihren Bereitstellungen zurück. In einigen Wehrkreiskommandos gab es Verwirrung, in Prag und Wien wurden sogar einige NS-und SS-Größen vorübergehend festgesetzt. Lediglich in Paris entsprachen die Ereignisse zeitweilig den Umsturzplänen, als eine gut vorbereitete und vom Militärbefehlshaber Carl-Heinrich von Stülpnagel gedeckte Aktionsgruppe um Cäsar von Hofacker, Eberhard Finckh und Hans-Otfried von Linstow noch gegen 22.30 Uhr die Zentralen und Unterkünfte der Sicherheitspolizei und des SD besetzte und die etwa 1.200 SS-Angehörigen hinter Schloss und Riegel brachte. Aber auch sie musste ihre Operation, die im nächsten Schritt die einseitige Einstellung der Kampfhandlungen an der Normandie-Front vorsah, abbrechen, sobald sich der von einer Frontreise zurückgekehrte Oberbefehlshaber West, der Generalfeldmarschall Günther von Kluge, vom Überleben Hitlers überzeugt hatte und daraufhin wie zuvor Fromm in Berlin seine weitere Unterstützung verweigerte.

Der Putschversuch scheitert

Kurz vor Mitternacht war der auf das gescheiterte Attentat gefolgte Putschversuch zusammengebrochen, bevor der General der Artillerie Fritz Lindemann Gelegenheit gehabt hatte, im Rundfunk die Aufrufe der Verschwörer zu verlesen. Offensichtlich hatte niemand den in Zossen Wartenden gerufen, und als er gegen 20 Uhr in der Bendlerstraße eintraf, war es zu spät, zumal außer den Proklamationen nichts vorbereitet war. Die Sendeanlage in Königs Wusterhausen und das Funkhaus des Deutschlandsenders in der Berliner Masurenallee waren zwar zeitweilig besetzt, aber es befand sich kein technisches Kommando vor Ort, das den Sendebetrieb hätte unterbrechen und Lindemann den Weg zur Verlesung der Proklamationen frei machen können. Die alles entscheidende Nachricht, die Ludwig Beck und Carl Goerdeler als Reichspräsidenten und Reichskanzler des Umsturzregimes präsentieren und die Verbrechen des NS-Regimes anprangern sollte, ging nicht in den Äther. Statt dessen konnte Propagandaminister Joseph Goebbels ab 18.30 Uhr unangefochten in viertelstündlichen Abständen über den Deutschlandsender die Nachricht durchgeben lassen, eine kleine verbrecherische Clique habe einen Anschlag auf Hitler verübt, er sei aber nur leicht verletzt, und gegen 21.15 Uhr die Ankündigung hinzufügen, dass der »Führer« demnächst zum deutschen Volk sprechen werde. Goebbels brachte aber auch den Kommandeur des Berliner Wachbataillons, den Major Otto-Ernst Remer, auf seine Seite und unterstellte sich die Ausbildungseinheiten der SS-Leibstandarte »Adolf Hitler« in Berlin-Lichterfelde. Aufgrund dessen stießen die »Walküre«-Befehle zunehmend ins Leere, und die Stunden der im Bendlerblock versammelten Aufständischen waren gezählt. Der um diese Zeit in der Bendlerstraße eingetroffene Erwin von Witzleben zog sich denn auch nach einer heftigen Auseinandersetzung mit der Aktionsgruppe wieder nach Zossen zurück, wo ihn der demoralisierte Generalquartiermeister Wagner nach Hause schickte.

Im Gegensatz zu Goebbels hatte sich die SS-Führung bis spät in die Nacht auffällig zurückgehalten, obwohl Heinrich Himmler schon gegen 18 Uhr zum neuen Chef des Ersatzheers ernannt worden war. Abgesehen von einigen eher zögerlich wirkenden Weisungen zur Festnahme Stauffenbergs mobilisierte der Reichsführer SS den ihm unterstehenden Repressionsapparat erst, nachdem das Berliner Wachbataillon zusammen mit regimetreuen Stabsoffizieren den Bendlerblock wieder unter Kontrolle gebracht und die Wehrmacht selbst in Gestalt des Generalobersten Fromm ihr »Standgericht« über die revoltierende Offiziersgruppe abgehalten hatte. Fromm forderte Beck und Hoepner zur Selbsttötung auf, was letzterer ablehnte, während Beck nach einem gescheiterten Suizidversuch erschossen wurde. Claus Schenk von Stauffenberg, Friedrich Olbricht, Albrecht Mertz von Quirnheim und Werner von Haeften wurden kurz nach Mitternacht im Innenhof des Bendlerblocks exekutiert. Kurz danach traf ein SS-Kommando ein und verhaftete die zivilen Aufstandsteilnehmer, darunter Peter Yorck von Wartenburg, Fritz-Dietlof von der Schulenburg, Berthold Schenk von Stauffenberg und Eugen Gerstenmaier. Einige Teilnehmer wie etwa Hans Bernd Gisevius und Fritz Lindemann hatten den Bendlerblock schon einige Stunden zuvor verlassen, anderen gelang im letzten Augenblick die Flucht.

Rachejustiz

Am 21. Juli 1944 nahm dann eine »Sonderkommission 20. Juli« unter der Leitung des SS-Obersturmbannführers Georg Kießel ihre Tätigkeit auf. Über 600 Personen wurden verhaftet, häufig gefoltert und in etwa 50 Prozessen vor dem Volksgerichtshof mit einer Rachejustiz konfrontiert, die sich von den Methoden des Umgangs mit dem Widerstand der kleinen Leute nur noch selten unterschied. Drei Tage vor dem ersten Prozesstag am 7. August war ein »Ehrenhof« der Wehrmacht zusammengetreten, der im Verlauf mehrerer Sitzungen 84 Offiziere aus der Armee ausstieß beziehungsweise entließ und dem Volksgerichtshof überantwortete. Etwa 110 Aktivisten, Unterstützer und Mitwisser des Attentats und Staatsstreichversuchs wurden zum Tod verurteilt. Nur die ersten drei Verfahren des Volksgerichtshofs am 7./8., 10. und 15. August wurden als Schauprozesse inszeniert. Die mutigen Bekenntnisse einiger Angeklagter, das zunehmende Wissen der Ermittler über das Ausmaß der Umsturzvorbereitungen und die teilweise negativen Reaktionen aus den Funktionseliten des Regimes auf die erbarmungslose Prozessführung des Volksgerichtshofpräsidenten Roland Freisler ließen es Hitler schon am 17. August ratsam erscheinen, jede weitere Berichterstattung zu untersagen. Er bestand jedoch auf der Durchführung einer besonders grausamen Hinrichtungsart und ließ einen Teil der Delinquenten – wie zuvor die Hauptangeklagten der »Roten Kapelle« – in Berlin-Plötzensee an Fleischerhaken aufhängen.

Die übrigen Verurteilten starben ebenso wie die im Zuchthaus Brandenburg hingerichtete Elite der Arbeiterlinken unter dem Fallbeil. Ihre Familien wurden teilweise in »Sippenhaft« genommen und durchlebten zusammen mit den Angehörigen solcher Offiziere, die sich in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft dem im Juli 1943 gegründeten Nationalkomitee »Freies Deutschland« angeschlossen hatten, bis zur Befreiung furchtbare Monate des Schreckens und der Trauer. So führte der Terror in der Schlussphase des Krieges die letzten politischen und sozialen Hoffnungsträger des Widerstands zusammen, obwohl sie über erste Ansätze zu einem gemeinsamen Handeln nicht hinausgelangt waren.

Mitte August holte der Gestapo-Apparat zu weiteren Repressalien aus. Im Rahmen einer »Aktion Gewitter« wurden anhand von Verhaftungslisten aus der Zeit der unmittelbaren Kriegsvorbereitung etwa 5.000 ehemalige Funktionsträger der KPD, SPD und des Zentrums sowie der Gewerkschaftsbewegung verhaftet und einige ihrer Spitzenvertreter ermordet, so beispielsweise der seit 1933 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftierte Ernst Thälmann. Offensichtlich dominierte auch bei der »Aktion Gewitter« der Rachegedanke, denn die Verhaftungslisten waren veraltet, und die in den Wochen vor dem 20. Juli in einigen Wehrkreisen durch die gewerkschaftlich-sozialdemokratischen Mitverschwörer reaktivierten Kollegenkreise zur Unterstützung der »Politischen Beauftragten« blieben weitgehend unangetastet. Jedoch hatte man inzwischen – insbesondere aufgrund der umfangreichen Aussagen des am 12. August in Westpreußen verhafteten Carl Goerdeler – die Breite des hinter dem 20. Juli stehenden politischen Spektrums zur Kenntnis genommen. Aber es spiegelte sich in den veralteten Verhaftungslisten vom Juni/Juli 1939 nicht wider, und bis Ende der ersten Septemberwoche wurde die Mehrzahl der Verhafteten wieder freigelassen. Zwei Katastrophen flankieren somit das Fiasko des Juli 1944: Der Präventivschlag der Gestapo zu Beginn des Monats nach den Alarmmeldungen ihres wohl effizientesten Spitzels im kommunistischen Untergrund, Ernst Rambow, und der misslungene Tyrannenmord und Staatsstreich vom 20. Juli. Die gescheiterte Doppelaktion riss Menschen und familiär-freundschaftliche Netzwerke in den Abgrund, die sich bis dahin gegen die Verfolgungen behauptet hatten oder erst seit kürzerem gegen die Diktatur aktiv waren.

Karl Heinz Roth ist Mediziner und Historiker und Vorstandsmitglied der Stiftung für Sozial­geschichte des 20. Jahrhunderts in Bremen.

Karl Heinz Roth/Angelika Ebbinghaus (Hrsg.): Rote Kapellen – Kreisauer Kreise – Schwarze Kapellen. Neue Sichtweisen auf den Widerstand gegen die NS-Diktatur 1938–1945, VSA-Verlag Hamburg 2004. Nur noch antiquarisch erhältlich oder als E-Book beim Verlag zu erwerben.

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