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Aus: Ausgabe vom 20.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Klassik

Geist in Bewegung

Dialektisch Maß genommen: Das Casals-Quartett spielt Beethoven
Von Stefan Siegert
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Weit mehr als nur präzise: Das Casals-Quartett aus Spanien

Man mag es kaum glauben, aber das Bürgertum war um die französische Revolution herum in Teilen revolutionär. Und die Revolution im Herzen, eröffnete Ludwig van Beethoven in der Musik Horizonte.

Das Cuarteto Casals oder Casals-Quartett nimmt alle seine Streichquartette auf. Was ein sehr gutes Streichquartett elementar auszeichnet – neben seiner technischen Lupenreinheit, seiner Klangschönheit und Intelligenz bei Auswahl und Lesart seines Repertoires –, kann am besten unter dem Begriff »Einverständnis« zusammengefasst werden. Einander zuhören und zuwenden, einverstanden sein; vier höchst gebildete und bestens ausgebildete Musikerpersönlichkeiten klingen lassen, als wären sie eine. Diese eine allerdings hat, über die Noten auf den Pulten der vier, ungeheuer viele, individuell widerstreitende und dann wiederum um so glücklicher harmonisierende Seiten. Bei dem in Barcelona beheimateten Casals-Quartett kommt hinzu, dass es musiziert, statt zu interpretieren. Alle Studienjahre, Exzellenzprädikate und Kunsturteile scheinen in dem Moment vergessen, da es richtig losgeht.

Artikulation und Tempogefühl wären mit dem Wort Präzision unzureichend beschrieben. Musik kommt auch aus den Nerven, und sie spricht Nerven an. Was die drei spanischen und der eine US-amerikanische Musiker praktizieren, trifft den Nerv. Seltsam, etwas organisch Materielles wie die Nerven verarbeitet Wahrgenommenes und verwandelt mittels Stromimpulsen und Hirnzellen über Instrumente hervorgerufene Schallwellen in den Geist zurück, aus dem die Musik kommt. Musik ist Bewegung. Die Casals-Spieler machen aus Beethovens ständigem Wechsel und Schichtung von Metrum und Rhythmus in vielen Passagen der späten Quartette die Bewegung eines Geists, der sich musikalisch an sich selbst begeistert.

Der zweite Satz in op. 127 beginnt als große Oper. Alle Instrumente treten arios hervor. Vera Martinez, die Primaria des Quartetts, wird zur Primadonna, verwickelt sich in volkstänzerische und serenadenartige Episoden, bis unnachgiebig, aber zart die Oper wieder anklopft. Martinez’ Spiel bringt von lyrisch-kratziger Emphase bis zu musikantischem Spielwitz alles hervor, was in dieser großen Musik wach werden will.

Allegro con moto versuchen Bass und Bratsche immer neu, die anfangs elegant strömende Zeit in einem streitend insistenten Drei-Achtel-Rhythmus festzumachen, die hohen Geigen setzen Verflüssigung dagegen. Die dialektische Spannung dieser Konstellation löst sich für elysische Momente im Überwiegen der verflüssigten, sich verflüchtigenden Zeit, im federleichten Triumph des von sich selbst befreiten Geists.

Auf solche Gedanken kommt, wer das Casals-Quartett Beethoven spielen hört. Aus Opus 135, dem letzten zyklischen Werk des Tonsetzers, machen die vier Beethovens letzten Kommentar zum Stand der Dinge; aus dem Lento assai seinen schmerz- und wehmutvoll-trostreichen Abgesang. Das geht ans Herz, und es verschafft der Ästhetik, in welchem Körperteil sie auch immer sitzt, Genugtuung.

Von messerscharf blitzend bis bernsteinfarben geraunt hat das Quartett an Klang und Ausdruck alles drauf, was man braucht, wenn man Maß nimmt an einem wie Beethoven. Niemand weiß, wie sich der Tonsetzer selbst vor bald zweihundert Jahren die tönende Verwirklichung seiner Geistesströme und -blitze vorgestellt hat. Er setzte lauter Kopien in die Welt von etwas, von dem es selbst zu Lebzeiten des Urhebers kein Original gab, denn das Autograph ist die erste Kopie. Jede Zeit hat ihre Kopien und deren Reproduktionen. Sie wandeln sich mit den Zeiten. Was sich nicht wandeln darf, ist die unauflösliche Verbindung zwischen Original und Kopie, in ihr steckt die Haltung des Urhebers. Und da ist Beethovens Musik in allem, was sie – faszinierend vielseitig – noch ist, vor allem widerständig. Die Beethoven-Interpretationen des Casals-Quartetts stehen lustvoll dafür ein.

Beethoven: »Sämtliche Streichquartette. Vol. I mit op. 18/1, 18/3, 18/4, Klaviersonate op. 14 von Beethoven für Streichquartett arrangiert 127, 135; Vol. II mit op. 18/2, 74, 59/2, 59/3, 132« (Harmonia Mundi France)

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