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Aus: Ausgabe vom 19.07.2019, Seite 5 / Inland
Neoliberaler Thinktank

Angriff auf die Krankenhäuser

Studie von IGES und Bertelsmann sieht Schließung von mehr als 1.000 Kliniken vor. Notfälle nicht Gegenstand der Berechnung
Von Duncan Kirkbride
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Auf diesem Hinweisschild ist das Krankenhaussymbol schon nicht mehr zu sehen. 2013 wurde das Kreiskrankenhaus in Marktoberdorf geschlossen (16.7.2019)

Am Montag veröffentlichte die neoliberale Bertelsmann-Stiftung in Kooperation mit dem IGES-
Institut eine Studie, in der sie die Schließung von rund zwei Drittel der Krankenhäuser bundesweit vorschlägt. Allerdings müssten sich die Klinken, die den Kahlschlag überleben, laut Berechnung auf eine Steigerung der Patientenzahlen von bis zu 400 Prozent einstellen. Dies würde infrastrukturelle Umwälzungen erfordern, die gerade bei innerstädtischen Standorten alleine aus Platzgründen praktisch nicht realisierbar sind. Auch der massive Verlust an Arbeitsplätzen in Pflege, Verwaltung etc., der mit einer solchen Standortkonzentration zwangsläufig einherginge, wird in der Untersuchung nicht behandelt, ermittelt wurde lediglich der geschätzte Bedarf an Ärzten.

Ungewiss ist auch die Frage, wie mit einer solch niedrigen Klinikdichte (im Schnitt ein
Krankenhaus pro knapp 600 Quadratkilometer Fläche) eine zügige Erreichbarkeit durch den Rettungsdienst gewährleistet sein soll. Die Beispielrechnung bezieht sich auf den Großraum Köln/Leverkusen, ein Ballungsgebiet mit vergleichsweise kurzen Anfahrtswegen. Wie dieses Konzept beispielsweise in Brandenburg funktionieren soll, geht aus der Untersuchung nicht hervor. Zur Verdeutlichung: Eine geographisch einigermaßen gleichmäßige Verteilung der Kliniken vorausgesetzt, müssten sich zum Beispiel im Saarland jeweils eineinhalb Landkreise bzw. knapp eine Viertelmillion Einwohner je ein Krankenhaus teilen. In Notfällen wie bei Herzinfarkten oder Schlaganfällen würde der Rettungswagen bei entsprechend weiten Entfernungen immer wieder ohne Hoffnung auf Erfolg gegen die Uhr fahren. Darauf telefonisch angesprochen, verwies Projektmanager Jan Böcken auf Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses. Dieser antwortete auf Anfrage, dass es bei ihren Regelungen lediglich um Fragen der Basisversorgung gehe (also keine Notfälle), und in rettungsdienstlichen Fragen seien hier »Vorgaben zu Erreichbarkeitszeiten nicht Gegenstand«.

Als mathematische Geheimwaffe dient den Autoren eine Tabelle von Leonie Sundmacher – keine Ärztin, sondern Gesundheitsökonomin an der BWL-Fakultät in München. Diese Tabelle, zu sehen auf Seite 14 der Studie, sortiert verschiedenste Krankheitsbilder nach dem Prozentsatz, der nach Meinung von Sundmacher keiner vollstationären Behandlung bedarf. Die Anteile der einzelnen Diagnosegruppen schwanken dabei zwischen 58 und 94 Prozent Patienten, die auf die ambulante Behandlung abgewälzt werden sollen.

Tatkräftige Unterstützung in puncto Öffentlichkeitsarbeit lieferte die ARD, die in einem
semidokumentarischen Filmbeitrag Fälle von beispielsweise fehlerhaft eingesetzten Hüftprothesen als Beleg dafür anführt, dass kleine Ortskrankenhäuser ohne entsprechend spezialisierte Abteilungen immer wieder ihre Kompetenzen überschritten. Völlig unterschlagen wird die Rolle, die das nach Pauschalen orientierte Krankenhausfinanzierungsgesetz dabei spielt. Dadurch werden gerade kleinere Kliniken dazu gezwungen, einerseits Personalkosten zu drücken und andererseits hochvergütete Operationen durchzuführen, auch wenn dafür Personal und Infrastruktur nur eingeschränkt ausreichen. Der zunehmende Kostendruck, der immer mehr öffentliche Krankenhäuser in die Arme privater Ketten treibt, dürfte in dem von Bertelsmann angedachten Szenario seinen bisherigen Höhepunkt finden. Gerade der Branchenriese Rhön-Klinikum dürfte sich freuen, in dessen Aufsichtsrat übrigens auch Bertelsmann-Vorstandsmitglied Brigitte Mohn sitzt.

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