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Aus: Ausgabe vom 18.07.2019, Seite 12 / Thema
Raumfahrt

Großer Sprung

Vor 50 Jahren landeten die ersten Menschen auf dem Mond
Von Nina Hager
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Die Einsamkeit des Astronauten beim Betreten der Oberfläche. Buzz Aldrin am 21. Juli 1969 auf dem Mond

Die Mission wäre fast noch gescheitert: Schon beim Anflug auf das Zielgebiet gab es Probleme. Der Treibstoff wurde knapp, der Bordcomputer war überlastet, wollte kurz vor der Landung den Vorgang abbrechen. Doch am 20. Juli 1969 setzte die Mondlandefähre »Eagle« (Adler) mit den US-amerikanischen Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin an Bord um 21.17 Uhr (MEZ) »weich« im Mare Tranquillitatis auf. Die erste bemannte Mondlandung war geglückt.

Sieben Stunden nach der Landung, nach technischen Überprüfungen und einer Ruhepause, stieg Kommandant Armstrong aus. Er kletterte Schritt für Schritt die Leiter herunter und betrat die Mondoberfläche. Hunderte Millionen von Menschen konnten das auf der Erde an den Fernsehgeräten mitverfolgen: »That’s one small step for man, one giant leap for mankind« (»Das ist ein kleiner Schritt für Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit«). Das dritte Besatzungsmitglied, Michael Collins, umkreiste derweil den Erdtrabanten in der »Apollo«, mit der am 24. Juli alle drei erfolgreich zur Erde zurückkehrten. Im Gepäck hatten sie 27 Kilogramm Mondgestein, zurückgelassen ein Seismometer und einen Laserstrahldetektor. Die USA hatten ihr Ziel erreicht, vor der Sowjetunion Menschen auf dem Mond landen zu lassen und dort ihre Flagge aufzustellen. Jenseits der bloßen Staatenkonkurrenz war ein alter Menschheitstraum wahr geworden.

Mondträume, Mondreisen

Schon im 2. Jahrhundert hatte Lukian von Samosata einen parodistischen Reisebericht verfasst – eine Anspielung auf irdische Verhältnisse –, in dem auch erstmals eine Reise zum Mond und eine »Weltraumschlacht« beschrieben werden. Das Schiff der Reisenden wird von einem Wirbelsturm erfasst und sieben Tage lang durch die Luft geschleudert. Schließlich landen sie auf dem Mond. Viele hundert Jahre später hat Erich Ras­pe diese Geschichte in »Münchhausens Reisen und Abenteuer« übernommen und entsprechend abgewandelt.

Im 17. Jahrhundert eröffnete der Mathematiker und Astronom Johannes Keppler eine lange Reihe von Erzählungen über Mondreisen. Für ihn war das die Gelegenheit, ohne Angst vor Verfolgungen und vermittelt über einen Traum seine astronomischen Erkenntnisse in phantastischer Form zu fassen. Keppler ging es dabei vor allem darum, das heliozentrische Weltbild zu popularisieren. Mehr als vierzig Jahre lang ergänzte er seine Darstellung immer wieder durch Fußnoten, mit denen er neue Erkenntnisse einbrachte. Dieser »Traumgeschichte« folgten die Erzählungen vieler anderer Autoren: Deren Helden gelangten über Ranken, auf den Rücken von Vögeln, mit Schiffen oder anderen Transportmitteln auf den Mond.

Im 19. Jahrhundert entstand – befördert durch die industrielle Revolution und gesellschaftliche Umbrüche – die Science-Fiction-Literatur. Jules Verne schrieb 1865 über eine Reise »Von der Erde zum Mond« mit Hilfe einer riesigen Kanone, die Fortsetzung »Reise um den Mond« erschien 1873. 1901 erschien Herbert G. Wells’ »Die ersten Menschen auf dem Mond«, ein Jahr später hatte mit »Le Voyage dans la Lune« der erste Science-Fiction-Film über einen Mondflug Premiere.

Unter wissenschaftlicher Beobachtung stand der Mond da schon lange. Dessen Oberfläche hatte Galileo Galilei bereits 1609 in Padua mit Hilfe eines selbstgebauten, noch sehr einfachen Teleskops abgesucht. Er war einer der ersten, die den Himmel mit Hilfe eines Fernrohrs betrachteten. Und seine Beobachtung war die erste dokumentierte. Auf dem Erdtrabanten erblickte er Krater, Berge und Täler und stellte fest, die Mare, die »Mondmeere«, hatten feste Oberflächen. Galilei erkannte zudem, dass die dunklen Partien der Mondoberfläche von der Erde aufgehellt werden. Auch diese Untersuchungen trugen dazu bei, das bis dahin vorherrschende geozentrische Weltbild zu widerlegen. Fast vierzig Jahre später gelangen Johannes Hevelius mit Hilfe eines stark verbesserten Teleskops noch weitaus genauere Untersuchungen. Doch weder die weiteren Fortschritte bei der Mondbeobachtung mit Hilfe von Teleskopen im 19. Jahrhundert noch die späteren radioastronomischen Untersuchungen konnten alle »Geheimnisse« aufdecken. Dazu mussten und müssen Forschungen vor Ort, d. h. aus dem Orbit um den Mond bzw. auf dem Mond durchgeführt, muss Mondmaterial untersucht werden. So brachte beispielsweise das von sowjetischen Sonden und den bemannten »Apollo«-Missionen von den unterschiedlichen Landeorten zur Erde gebrachte Mondgestein wesentliche Erkenntnisse.

Den Beginn einer gründlicheren Erforschung machte die Sowjetunion, als deren erste unbemannte Mondsonde »Lunik 1« (Luna 1) am 2. Januar 1959 startete und in einer Entfernung von weniger als 6.000 Kilometern an der Mondoberfläche vorbeiflog. Vorausgegangen waren drei gescheiterte Missionen. »Lunik 2« dann hob am 12. September 1959 ab und zerschellte an der Mondoberfläche. Die dritte sowjetische Sonde begann ihren Flug am 4. Oktober 1959 und sandte erstmals Bilder von der Rückseite des Mondes zur Erde. »Ranger 4« schlug am 26. April 1962 hart auf dem Mond auf und war damit die erste US-Sonde, die den Trabanten erreichte. Am 3. Februar 1966 landete mit »Luna 9« zum ersten Mal eine Sonde weich auf dem Mond, maß die Strahlung und funkte Panoramabilder seiner Oberfläche zur Erde. Die Bilder zeigten an der Landestelle kleinere Einschlagkrater und vor allem Geröll – sehr kleine bis mittlere Gesteinsbrocken. Die NASA-Sonde »Surveyor 1« folgte im Mai desselben Jahres. Zu dieser Zeit waren die USA bereits mit der Vorbereitung für einen Flug zum Mond in einem bemannten Raumschiff beschäftigt.

Ein »lebenswichtiger Wettlauf«

Am 29. Juli 1958 hatte US-Präsident Dwight D. Eisenhower das Gesetz zur Gründung der »National Air and Space Administration« (NASA) unterzeichnet. Damit sollten alle Aktivitäten der US-Raumfahrt zentral gebündelt werden. Die USA waren sich des Rückstandes gegenüber der Sowjetunion sehr wohl bewusst. Doch dabei blieb es einstweilen. Die UdSSR schickte den ersten Menschen ins All.

Zwei Tage nach Juri Gagarins Pioniertat vom 12. April 1961, berief US-Präsident John F. Kennedy eine Sitzung ein, bei der auch der NASA-Chef James Webb anwesend war. Dort wurden offenbar Pläne für einen bemannten Flug zum Mond diskutiert. Erste Überlegungen, Astronauten zum Mond zu schicken, und erste Vorplanungen hatte es schon 1959 unter Eisenhower gegeben. Am 25. Mai 1961 stellte Kennedy in einer Rede vor beiden Kammern des Kongresses der US-Raumfahrt die Aufgabe, innerhalb weniger Jahre Menschen auf den Mond zu bringen und die Vormachtstellung der Sowjetunion zu brechen: »Es ist an der Zeit, dass diese Nation eine klare Führungsrolle im Weltraum einnimmt. Ich glaube, dass diese Nation sich dazu verpflichten sollte, noch vor dem Ende dieses Jahrzehnts das Ziel zu erreichen, einen Menschen auf dem Mond landen zu lassen und ihn dann wieder sicher zur Erde zurückzubringen.« Der US-Präsident erklärte: »Es sollte uns klar sein, dass nicht nur ein Mann zum Mond fliegen wird, sondern unsere gesamte Nation.« Im Oktober 1960 hatte er gefordert, im »lebenswichtigen Wettlauf« um den Weltraum nicht das Nachsehen zu haben.

Den USA ging es im Zusammenhang mit dem Projekt einer bemannten Mondlandung eindeutig um das eigene Prestige und die Vorherrschaft. Man wollte in Zeiten des Kalten Krieges und der Systemkonfrontation wenigstens auf dem Mond Erster sein, nachdem die sowjetische Raumfahrt zunächst mit dem Start von »Sputnik 1« und dann mit dem Flug Gagarins den USA den Rang abgelaufen hatte. Die Entscheidung für das »Apollo«-Programm war also in erster Linie eine politische. Es erhielt, trotz des Widerstands unter anderem von Militärs, die den erdnahen Raum schon damals stärker für militärische Zwecke nutzen wollten, die höchste Priorität. In den USA begann zudem »nun das Gerangel um die fettesten Aufträge im Zusammenhang mit dem ›Nationalen Raumfahrtprogramm‹. Der Weltraum erwies sich als eine bislang noch nicht erkannte Anlagesphäre für das Kapital.« (Dieter B. Herrmann: Eroberer des Himmels. Leipzig – Jena – Berlin 1986, S. 130).

Es folgten Jahre der Entwicklung und Erprobung. Bis zu etwa 400.000 Menschen arbeiteten an dem Projekt, das (nach damaligen Preisen) circa 25 Milliarden Dollar verschlang. Auch die Sowjetunion wollte damals Menschen zum Mond entsenden. Geplant war, den USA zuvorzukommen. Erst nach 1990 wurden Einzelheiten bekannt: Es gelang im Laufe der Jahre weder, eine entsprechend starke Trägerrakete zu entwickeln, noch die anderen nötigen Komponenten rechtzeitig fertigzustellen. Dabei könnte der frühe Tod von Sergej Koroljow im Januar 1966, der Chefkonstrukteur im sowjetischen Raumfahrtprogramm war, eine wesentliche Rolle gespielt haben. Fehlschläge verzögerten das Projekt weiter. Offensichtlich mangelte es auch an der Abstimmung zwischen den für die einzelnen Komponenten Verantwortlichen. Die sowjetische Mondfähre konnte erst 1970/1971 – jeweils als »Kosmos«-Mission (Kosmos 379, Kosmos 398 und Kosmos 434) bezeichnet – erprobt werden. Zwar trainierten Kosmonauten noch bis 1973 für eine Mondlandung, aber die Sowjetunion konzentrierte sich in der Folgezeit – erfolgreich – auf die Entwicklung einer Raumstation.

Der Start der sowjetischen »Sond 5« im September 1968 wurde in den USA noch als ein möglicher Test für eine Mondladung von Kosmonauten interpretiert. Die NASA änderte daraufhin ihr Programm. Der erste bemannte Flug mit »Apollo 8« zum Mond – eine Mondumrundung – wurde auf den 21. Dezember 1968 vorverlegt. »Apollo 9« operierte im Erdorbit. Bei der Mission von »Apollo 10« im Mai 1969 wurden – bis auf die eigentliche Landung – alle Manöver geflogen und die Landefähre getestet.

Die Landung von »Apollo 11« war durch unbemannte Sonden, unbemannte »Apollo«-Flüge, zwei bemannte Missionen (Apollo 7 und 9) im Erdorbit sowie zwei erfolgreiche bemannte Flüge um den Mond vorbereitet worden. Vorausgegangen war auch das – auf die Erdumlaufbahn beschränkte – »Gemini«-Programm. Ein Scheitern der »Apollo 11«-Mission hätte das US-Mondprojekt wahrscheinlich sofort beerdigt. Die Kritik in einflussreichen Gremien an den »außerordentlichen Ausgaben« nahm in den folgenden Jahren zu. Wegen der enormen Kosten hatte es schon in den Jahren zuvor nicht nur Zustimmung gegeben.

Armstrong, Aldrin und Collins folgten noch die Besatzungen von »Apollo 12« im November 1969, von »Apollo 14« (Januar 1971), von »Apollo 15« (Juli 1971, erster Einsatz des Lunar Roving Vehicles – des »Mondautos«), von »Apollo 16 und 17« (April bzw. Dezember 1972). Sechs automatische Messstationen wurden auf dem Trabanten eingerichtet, die teilweise noch Jahre nach dem Ende der Apollo-Missionen Daten zur Erde sandten. Die »Apollo 13«-Mission misslang. Über 300.000 Kilometer von der Erde entfernt explodierte ein Sauerstofftank des Servicemoduls. Die geplante Mondlandung musste aufgegeben werden, die Astronauten mussten zeitweise in die Landefähre umsteigen. Doch die Besatzung konnte glücklich zur Erde zurückkehren. Nach »Apollo 17« wurde das Mondflugprogramm der USA eingestellt. Von den Spezialisten, die es ermöglicht hatten, wurden sehr viele nicht mehr gebraucht.

Hohe Anforderungen

Um Menschen auf die Mondoberfläche zu bringen und für ihre sichere Rückkehr zur Erde zu sorgen, mussten Flugbahnen berechnet und mehrfache Kopplungsmanöver durchgeführt werden – ein sehr kompliziertes physikalisches und mathematisches Problem. Die Kommunikation und Navigation musste gesichert sein. Nötig war vor allem die Entwicklung einer Trägerrakete, deren Schubkraft die ihrer Vorgänger weit übertraf.

Heute gilt insbesondere Wernher von Braun, ab 1937 Mitglied der NSDAP und bald danach der SS, der später zum führenden Manager in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde aufstieg, als einer der Väter des US-Mondprojektes. Projektleiter beim Bau der »Saturn V«-Rakete, die unter Leitung von Brauns entwickelt worden war, wurde Arthur Rudolph, zuvor Produktionsleiter im Mittelbau Dora, dem das KZ Mittelbau Dora angegliedert war. Beide, Rudolph und von Braun, waren 1945 im Rahmen der Operation Overcast, eines militärischen Geheimprojekts der USA, deutsche Wissenschaftler und Techniker nach der Niederlage Nazideutschlands zu rekrutieren, in die Vereinigten Staaten überführt worden.

Die »Saturn V« hatte eine Höhe von über 110 Metern, das dreistufige Trägersystem eine Schubkraft von 160 Millionen PS. Der Flugkörper kam auf ein Startgewicht von mehr als 2.880 Tonnen und erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 39.000 Kilometern pro Stunde. Ein Problem bestand darin, dass die bemannte Fähren nicht nur erfolgreich auf dem Erdtrabanten landen, sondern auch wieder mit voller Besatzung einschließlich gesammelter Proben starten können mussten. Die Sicherheit der Menschen war zu gewährleisten, Material musste den vielfachen und wechselnden Belastungen – wie beispielsweise großen Temperaturunterschieden, wechselnden Beschleunigungen – standhalten. Solche Anforderungen verlangten eine Bündelung der Kräfte in Wissenschaft und Technik und die Nutzung der fortgeschrittensten wissenschaftlich-technischen Ergebnisse. Doch auch völlig neue Lösungen waren nötig. Dazu gehörten vor allem bedeutende Fortschritte in der Kommunikations- und Informationstechnologie.

Deutlich wurde Ende der 60er Jahre – aber auch unabhängig von der Raumfahrt –, dass die Sowjetunion (wie das sozialistische Lager insgesamt) nicht bzw. nur teilweise oder mit Verzögerung in der Lage war, neue Entwicklungen in Wissenschaft und Technik aufzugreifen oder gar zu initiieren. Die erfolgreichen »Apollo«-Missionen waren dafür nur ein Indiz.

Rückkehr zum Mond

Die bemannten »Apollo«-Flüge fanden im Dezember 1972 ihren Abschluss. Die unbemannten sowjetischen endeten 1976 mit der erfolgreichen Rückkehr von Luna 24 vom Mond. Danach gab es 14 Jahre lang keine weitere Mission.

1990 startete Japan seine erste unbemannte Mission. Drei der NASA und eine der ESA (Europäische Raumfahrtagentur) folgten. Seit 2007 ist eine merkliche Zunahme der Zahl der Starts zu verzeichnen. Russland war daran bislang nicht beteiligt. Neue Akteure traten auf den Plan, neben Japan China und Indien. China gelang mit »Chang’e 3« erstmals 2013 eine Landung auf der uns zugewandten Seite des Mondes. Am 3. Januar dieses Jahres landete »Chang’e 4« mit einem Rover an Bord »weich« auf der erdabgewandten Seite des Mondes im Von-Kármán-Krater.

In den kommenden Jahren aber wird es richtig »eng«. Zahlreiche Missionen sind in Vorbereitung. Auch Russland plant die Neuaufnahme eines Mondprogramms. 2022/23 will die NASA Module der Raumstation LOP-G (Lunar Orbital Platform-Gateway) in die Umlaufbahn des Trabanten bringen. Diese Station soll künftig mit internationaler Beteiligung, aber nicht immer bemannt, betrieben werden. 2024 will die NASA wieder Astronauten zum Mond schicken. Im Dezember 2017 hatte US-Präsident Donald Trump eine Direktive unterzeichnet, mit der die NASA beauftragt wurde, sobald wie möglich Astronauten zum Mond, später auch zum Mars, zu entsenden. Sein Vizepräsident Michael Pence kritisierte die Raumfahrtbehörde Ende März in einer Rede in Huntsville wegen eingetretener Verzögerungen. Er forderte sie auf, ihre Anstrengungen zu verstärken, und drohte, andernfalls bei der nächsten Mondmission auf private Raumfahrtunternehmen zurückzugreifen. Und die stehen bereits in den Startlöchern: Spätestens für 2023 plant Space-X von Elon Musk ein Raumschiff zu starten, das den Mond umrunden soll. Auch Amazon-Chef und Milliardär Jeff Bezos (Blue Origin) will zum Mond.

Der Himmelskörper könnte künftig zum Forschungslaboratorium unter Bedingungen geringerer Schwerkraft, zum Standort für völlig neuartige Teleskope zur Erkundung unserer Galaxis – vor allem auch auf der erdabgewandten Seite des Mondes – und zum Ausgangspunkt für Missionen zu anderen Planeten unseres Sonnensystems werden. Doch nicht nur Wissenschaftler und Raumfahrtagenturen oder »Touristikunternehmen« interessieren sich für den Mond. Auch wenn das noch »Zukunftsmusik« ist: Für Rohstoffkonzerne sind die Ressourcen des Erdsatelliten von besonderem Interesse. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat dazu zwei Grundsatzpapiere verfasst: »Weltraumbergbau. Potentiale und Handlungsempfehlungen« im August 2018 sowie »Zukunftsmarkt Weltraum – Bedeutung für die deutsche Industrie« im Mai dieses Jahres. Der Lobbyverband befürchtet aber angesichts einer nimmermüden Konkurrenz, dass die deutsche Industrie den Anschluss verlieren könnte. »Rohstoffversorgung und Zukunftstechnologien sind zwei Seiten einer Medaille. Ohne eine gesicherte Versorgung sind viele Technologien ›Made in Germany‹ nicht möglich«, warnt der BDI. Zu holen gibt es auf dem Trabanten u. a. seltene Metalle wie Gold, Platin, Iridium und Rhenium sowie das auf der Erde extrem seltene und für die Tieftemperaturtechnik wichtige Gas Helium-3.¹

Dem Thema einer möglichen Mondausbeutung widmet sich ein 2015 veröffentlichter spanischer Animationsfilm. In »Einmal Mond und zurück« will sich ein Erdölmagnat das Helium-3 des Trabanten aneignen. Um das zu ermöglichen, lässt er nicht nur entsprechende technische Voraussetzungen schaffen, sondern behauptet auch, dass US-Astronauten niemals auf dem Mond gelandet seien. In letzter Minute gelingt es einem Jungen, seiner Freundin, einem Chamäleon und einem NASA-Rentner, den Bösewicht zu besiegen und die US-Flagge, die Armstrong und Aldrin auf dem Mond aufgestellt hatten, zu retten. In ihren letzten Worten auf dem Mond reklamieren sie den Trabanten für die gesamte Menschheit.

Ein schöner Traum. Im November 2015 unterzeichnete der damalige US-Präsident Barack Obama den »U. S. Commercial Space Launch Competitiveness Act« (»Space Act«). Darin werden die Ansprüche von Investoren, Profit aus Weltraumprojekten zu schlagen, gestärkt. Nach US-amerikanischem Recht. Washington erklärte sich in dem Dokument zum Verwalter von Schürfrechten im All. Firmen, die in Zukunft die Ressourcen auf dem Mond, auf Asteroiden usw. nutzen wollen, müssten demnach eine entsprechende Lizenz bei der US-Regierung beantragen.

Entsprechend dem Weltraumvertrag von 1967 ist aber eine nationale (und auch private) Beanspruchung von Teilen des Weltraums oder von Himmelskörpern unzulässig. Der Weltraum wird als gemeinsames Erbe der Menschheit angesehen. Doch der Vertrag ist kaum bindend. Er klärt zum Beispiel auch nicht, wem der Gewinn zusteht, wenn auf Asteroiden oder dem Mond Bodenschätze gefördert werden. Ein Mondvertrag, der vorsah, dass Bergbau auf dem Erdtrabanten international überwacht werden soll (1979), wurde bislang weder von den USA, der UdSSR bzw. Russland noch China, Japan oder Indien unterzeichnet.

Anmerkung:

1 vgl. dazu den von der Autorin verfassten Beitrag »Raubbau im All«, in: Unsere Zeit, 12.7.2019

Prof. Dr. Nina Hager ist Philosophin mit der Ausrichtung »Naturphilosophie«, vor allem im Zusammenhang mit Physik und Raumfahrt. Sie ist Mitglied der Leibniz-Sozietät zu Berlin, der Marx-Engels-Stiftung sowie der Redaktion und des Herausgeberkreises der Marxistischen Blätter.

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