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Aus: Ausgabe vom 18.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Märchen

»Sprach der König zu den Jägern«

Neue Beiträge zur Grimm- und Märchenforschung
Von Gerhard Henschel
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Erstmals 1843 auf Plattdeutsch erschienen: »De Has un de Swinegel« (Abb. »Mein erstes Märchenbuch«)

Überwältigend umfangreich ist nicht nur das editorische und wissenschaftliche Werk der Brüder Grimm, sondern auch ihre Korrespondenz. Man schätzt, dass sie ungefähr 30.000 Briefe geschrieben haben. Und vollkommen uferlos ist die Sekundärliteratur: Wer es auf sich nehmen wollte, sämtliche Bücher und Aufsätze über das Leben, das Werk und die Wirkungsgeschichte der Brüder Grimm zu lesen, der hätte sein Leben lang damit zu tun und käme doch an kein Ende.

Die anhaltende Faszination, die von ihnen ausgeht, hat im Laufe der Zeit zu immer genaueren Forschungsergebnissen geführt. Wie breit das Interesse der Wissenschaftler gefächert ist, zeigt beispielhaft der Sammelband »Über Nachtfliegen, Zaunkönige und Meisterdiebe«, der neue Beiträge zur Grimm- und Märchenforschung enthält. Darin geht es unter anderem um Märchenspuren in der Popkultur, die Konzeption des großen Museums Grimmwelt in Kassel, slowenische Märchenerzählerinnen, die Bedeutung einer Reise Wilhelm Grimms nach Paderborn im Jahre 1811 und den Einfluss deutscher Künstler auf die Märchenillustrationen des japanischen Malers Kiichi Okamoto, von dem hierzulande bislang nur die wenigsten gehört haben dürften.

Heinz Rölleke, der Nestor der deutschen Grimm-Forschung, hat einen Aufsatz über Wilhelm Grimms Frau Dorothea alias Dortchen und ihre Bedeutung als Beiträgerin zu den »Kinder- und Hausmärchen« beigesteuert, der so detailgenau, so fesselnd und so flüssig geschrieben ist wie jeder andere von ihm. Seinem detektivischen Spürsinn ist beispielsweise die Entdeckung eines »verdeckten Kompliments« von Wilhelm Grimm an seine Frau zu verdanken. »Sprach der König zu den Jägern: ›seht doch, was dort für ein Wild sich versteckt hat‹«, heißt es an einer Stelle der zweiten, 1819 veröffentlichten Fassung des Märchens »Allerleirauh« – ein kleines Versteckspiel mit dem Namen Dortchen Wild, »das eigentlich nur die Adressatin erkennen konnte«, wie Rölleke schreibt.

Detektivisch ist auch Holger Ehrhardt vorgegangen, der in Kassel Germanistik mit dem Forschungsschwerpunkt Werk und Wirkung der Brüder Grimm lehrt. Über Studien im Landeshauptarchiv Schwerin, im Kirchenkreisarchiv Mecklenburg und in der Berliner Staatsbibliothek ist er einer bislang unbeachteten Beiträgerin zu dem Kinder- und Hausmärchen »Der Zaunkönig« auf die Spur gekommen. Es ist immer wieder erstaunlich, welche Zusammenhänge sich nach so langer Zeit noch erschließen lassen, wenn Intuition, Kombinationsgabe, genaue Literaturkenntnis und die Lust zur Recherche zusammenkommen.

Der Literaturwissenschaftler Joep Leerssen hat die »Korrespondentennetzwerke« der Brüder Grimm und anderer Autoren des 18. und des 19. Jahrhunderts untersucht und graphisch dargestellt. Und hier ergibt sich ein verblüffender Effekt, wenn man die Korrespondenz des nationalistischen Publizisten Ernst Moritz Arndt mit der des französischen Schriftstellers Prosper Mérimée vergleicht: »Nach Erfassung von 1.800 Briefen von und an Ernst Moritz Arndt (im Zeitraum 1787–1860) und 2.200 Briefen von und an Prosper Mérimée (im Zeitraum 1820–1870) wird ersichtlich, dass das erstere Korpus sich vollständig nordöstlich, das letztere sich (fast) vollständig südwestlich von der Linie London-Venedig abspielt. Die beiden Korrespondenznetzwerke stehen mit dem Rücken aneinander und markieren bereits, in unheimlicher Vorwegnahme, die Frontlinie des Ersten Weltkriegs.« Hätten mehr europäische Intellektuelle mehr voneinander gewusst, wäre die Geschichte vielleicht anders verlaufen.

Auf die unendliche Debatte über die Berechtigung und die Fragwürdigkeit der Grausamkeit in »Grimms Märchen« geht der Volkskundler Harm-Peer Zimmermann ein und schließt sein Fazit mit den Worten ab: »Kein Märchen enthält auch nur annähernd eine solche Menge Grausamkeiten, wie sie Kindern heute tagtäglich im Fernsehen und Internet zugemutet werden: Durchschnittlich 70 TV-Morde pro Tag auf deutschen Fernsehkanälen; bis zum Ende der Grundschulzeit haben Kinder in Deutschland durchschnittlich 8.000 Morde im Fernsehen gesehen. Demgegenüber kommt die Grimm’sche Märchensammlung nachgerade harmlos daher.«

Es wäre schön, wenn bald ein weiterer Band dieser Art erscheinen könnte.

Holger Ehrhardt u. a. (Hg.): Über Nachtfliegen, Zaunkönige und Meisterdiebe. Neue Beiträge zur Grimm- und Märchenforschung. Kassel University Press, Kassel 2019, 396 Seiten, 39 Euro

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