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Aus: Ausgabe vom 17.07.2019, Seite 15 / Antifa

NSU-Prozess in fünf Bänden dokumentiert

Ein offizielles Protokoll des fünfjährigen NSU-Prozesses vor dem Oberlandesgericht München gibt es nicht. Ein Jahr nach der Urteilsverkündung wurde vergangene Woche die gemeinsame Version von vier Journalisten in Form der fünfbändigen Ausgabe »Der NSU-Prozess. Das Protokoll« von der Bundeszentrale für politische Bildung in der Bundespressekonferenz in Berlin vorgestellt. Es ging um zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge, mehrere Raubüberfälle und die Vorgeschichte des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) in der mit V-Leuten durchsetzten braunen Szene Thüringens.

Zu Beginn der Hauptverhandlung im Sommer 2013 hatten die Verteidiger der Hauptangeklagten Beate Zschäpe eine akustische Aufzeichnung des Verfahrens beantragt, um das Erstellen eines wortgetreuen Protokolls zu erleichtern. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl lehnte dies aber mit der Begründung ab, eine solche Aufzeichnung löse »bei vielen Zeugen Hemmungen aus, frei und unbefangen zu sprechen«. Es existieren jedoch verschiedene Mitschriften von Prozessbeteiligten, Journalisten – und der spendenfinanzierten Initiative NSU-Watch, die ihre Aufzeichnungen jedes Prozesstags meist innerhalb weniger Stunden oder Tage ins Internet stellte. Bereits im November 2013 erhielt sie dafür den Medienprojektpreis der Otto-Brenner-Stiftung. Es folgten weitere Auszeichnungen.

Für Printjournalisten, die als einzige Vertreter ihrer Redaktion im Saal saßen und tagesaktuelle Artikel abliefern mussten, war es fast unmöglich, die Zeugenbefragungen auch nachmittags noch wortgetreu zu protokollieren, da sie ihre Berichte während des Zuhörens schon ausformulierten. Oft wurden wörtliche Zitate durch indirekte Rede und sinngemäße Zusammenfassungen ergänzt. Nur wenige Medien hatten über längere Zeiträume mehr als einen Mitarbeiter geschickt; zu Beginn war das wegen Überfüllung auch kaum möglich. »Was wir am Abend als Buchstabensalat auf dem Laptop hatten, das mussten wir immer sofort in Reinschrift bringen. Sonst wäre auch das weg gewesen«, sagte die Mitautorin des Fünfbänders, Annette Ramelsberger, die für die Süddeutsche Zeitung (SZ) berichtet und sich diese Aufgabe anfangs mit Tanjev Schultz geteilt hatte, Ende 2018 im Gespräch mit dem Spiegel. Weitere Koautoren sind neben Schultz Wiebke Ramm, die unter anderem für den Tagesspiegel berichtet hatte, und Rainer Stadler vom SZ-Magazin. (clw)

Annette Ramelsberger / Tanjev Schultz / Rainer Stadler / Wiebke Ramm: Der NSU Prozess. Das Protokoll. Verlag Antje Kunstmann GmbH, 2.000 Seiten, 80 Euro

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