Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.07.2019, Seite 8 / Ausland
Humanitäre Hilfe für Migranten

»Es gibt dort weder Sanitäter noch Ärzte«

Bosnische Behörden schieben Geflüchtete in Lager auf Müllhalde an kroatischer Grenze ab. Gespräch mit Dirk Planert
Interview: Gitta Düperthal
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Die Trinkwasserversorgung im Lager Vucjak ist ebenso prekär wie die medizinische (26.6.2019)

Sie sind seit Ende vergangener Woche in Bihac, einer Stadt im äußersten Nordwesten von Bosnien-Herzegowina, um den Menschen dort zu helfen. Was hat Sie dorthin verschlagen?

Ich war dort, weil das Stadtarchiv in Bihac eine Ausstellung mit meinen Fotos zeigte, die ich 1994 im Krieg dort gemacht hatte. Die Stadt hat mir zudem eine Ehrenurkunde für vorherige humanitäre Hilfseinsätze verliehen. Seit anderthalb Jahren kommen nun Tausende Geflüchtete aus vielen unterschiedlichen Ländern dorthin. Es sind hauptsächlich Kriegsflüchtlinge, die über die Grenze nach Europa wollen, unter anderem aus Afghanistan, Pakistan, Syrien und verschiedenen afrikanischen Ländern. Sie wollen weiter nach Deutschland, Frankreich oder Spanien. Aber die kroatische Regierung lässt keine mehr durch.

Bihac ist mit der Situation völlig überfordert und wird von der Europäischen Union ebenso wie von der eigenen Regierung damit allein gelassen. Am 14. Juni habe ich mitbekommen, wie die Polizei etwa 100 Menschen eingesammelt und mit Bussen aus der Stadt heraus zur Müllkippe, dem »Vucjak« genannten Lager, gefahren hat. Ich bin ihnen gefolgt und habe Bilder gemacht. Mittlerweile sind ­etwa 800 Menschen dort.

Wie ist die Situation der Migranten?

Katastrophal. Der Bürgermeister von Bihac, Suhret Fazlic, sagte mir, die EU zahle zwar Geld für Geflüchtete an die Regierung, davon komme aber kein Cent an. Alles konzentriert sich in der kleinen Stadt. Menschen schlafen auf Wiesen und in leerstehenden Häusern. Es gibt Kriminalität, die Lage wird unübersichtlicher und aggressiver. Geflüchtete werden gejagt.

Hinzu kommen sogenannte Push-back-Aktionen an der Grenze: Die kroatische Polizei prügelt auf Menschen ein, die in die EU fliehen wollen, drängt sie zurück nach Bosnien. Oft nimmt sie ihnen Rucksäcke und Schlafsäcke ab, teilweise auch die Schuhe. Dabei haben alle, sobald sie die Grenze zu Kroatien überschritten haben, ein Recht darauf, dort ihren Asylantrag zu stellen. Das ist den Kroaten aber egal. Die EU schottet sich ab. Vor zwei Wochen meldete die Tagesschau, dass die Flüchtlingszahlen in Deutschland zurückgegangen sind – warum, das sagen sie nicht.

Wie bewerten Sie die hiesige Berichterstattung über die Lage an der bosnisch-kroatischen Grenze?

Tatsächlich interessiert sich kein einziges deutsches Medium außer der Deutschen Welle und jetzt junge Welt dafür. Aktuell gibt es etwa eine Meldung über die Kapitänin Carola Rackete auf dem Mittelmeer, dann muss wieder eine seichte Nachricht her: Im Zoo ist eine Giraffe geboren worden oder so. In Österreich war die Lage in Bihac zweimal in den Fernsehnachrichten.

Wie ist die Versorgung auf jener Müllkippe, dem Vucjak-Lager?

Es gibt dort wenige Zelte, einige Wassertanks. Das lokale Rote Kreuz verteilt zweimal täglich Suppe, sonst nichts. Ich wurde Zeuge, wie die Polizei aus einem Kleintransporter einen schwerkranken Mann, der vor Schmerzen schrie, einfach auf den Müll legte. Erst als ich sie dazu aufforderte, riefen sie einen Krankenwagen.

Sie entledigen sich der Menschen. Viele mit Wunden an Füßen und Händen oder Hautekzemen, die verarztet werden müssen. Es gibt dort weder Sanitäter noch Ärzte. Ich bin mit einem Rucksack mit Verbandsmaterial, Desinfektionsmittel und Wundsalben dorthin unterwegs.

Wer hilft noch?

Seitens der Internationalen Organisation für Migration der Vereinten Nationen hat man mir mitgeteilt, sie könnten dort nicht helfen: Sonst würde es heißen, dass sie die Müllkippe als Flüchtlingscamp akzeptieren. ­Also geschieht nichts. Sind deren Lager überfüllt – und das sind sie –, wird sich um alle übrigen Geflüchteten einfach gar nicht gekümmert. Tausende sind nicht versorgt. Große Hilfsorganisationen machen nichts, kleine lässt die Polizei nicht durch. Offenbar zielt die Regierung darauf ab, die Situation für die Migranten möglichst unerträglich zu gestalten und so neue abzuschrecken.

Dirk Planert ist Fotojournalist und zur Zeit als humanitärer Helfer in Bihac an der bosnischen EU-Außengrenze

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