Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.07.2019, Seite 1 / Inland
Gesundheitswesen

Bertelsmann will Kliniksterben

Stiftung schlägt Reduzierung von Krankenhäusern vor
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Bestechende Logik: Seit Jahren wird die medizinische Unterversorgung beklagt. Nun schlagen die Bertelsmänner vor, die Zahl der Kliniken stark zu reduzieren

Die Krankenhäuser mussten erst kaputt gespart werden, damit der Vorschlag der Bertelsmann-Stiftung plausibel erscheint. Am Montag veröffentlichte der Thinktank eine Studie, derzufolge die Versorgung der Patienten in Deutschland erheblich verbessert werden könnte, wenn mehr als jedes zweite Krankenhaus geschlossen würde. Die verbleibenden 600 Häuser könnten demnach deutlich mehr Personal und eine bessere Ausstattung erhalten.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach sich für einen Mix aus wohnortnaher Versorgung und Spezialisierung aus. »Nicht jedes Krankenhaus muss alles machen. Hier sollten wir unsere Kräfte besser bündeln«, sagte er laut dpa. »Kompliziertere Fälle gehören in ein Krankenhaus, das in der Behandlung Routine hat.«

Die Stimme der Vernunft wurde einmal mehr durch die Betroffenen verkörpert. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund kritisierte: »Versorgungsprobleme werden nicht dadurch gelöst, dass pauschal regionale, leicht zugängliche Versorgungskapazitäten ausgedünnt werden.« Und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) kritisierte: »Wer vorschlägt, von ca. 1.600 Akutkrankenhäusern 1.000 plattzumachen und die verbleibenden 600 Kliniken zu Großkliniken auszubauen, propagiert die Zerstörung von sozialer Infrastruktur in einem geradezu abenteuerlichen Ausmaß, ohne die medizinische Versorgung zu verbessern.« DKG-Präsident Gerald Gaß erklärte weiter: »Hinter der Zentralisierung, die die Bertelsmann-Stiftung vorschlägt, steht die Einschätzung, dass die medizinische Versorgungsqualität nur in Großkrankenhäusern (…) besser werden könnte.« Das sei seines Erachtens eine »absolut unbelegte Einschätzung«.

»Wer meint, man könne einfach kleinere Krankenhäuser schließen, um die Versorgung zu verbessern, irrt«, kommentierte Achim Kessler, gesundheitsökonomischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag. »Wir brauchen im Gegenteil eine Umstrukturierung kleinerer Kliniken in poliklinische Versorgungszentren. (…) Denn wo kleine Krankenhäuser ums Überleben kämpfen, bricht zugleich die ambulante Versorgung weg.« (jW)

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