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Aus: Ausgabe vom 12.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Coming-out und Kapitalverbrechen

»My Days of Mercy«: Tali Shalom-Ezer erliegt dem Reiz der Zwickmühle
Von Maximilian Schäffer
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Emotionaler Extremsport: Lucy (Ellen Page) hat Zweifel an der Unschuld ihres Vaters

Wenn es um heißen Lesbensex und die Todesstrafe geht, kann Ellen Page nicht weit sein. Die 32jährige outete sich 2014 als homosexuell, darf und will seitdem um so mehr queere Rollen annehmen. In »My Days of Mercy« der israelischen Regisseurin Tali Shalom-Ezer spielt sie die junge US-Amerikanerin Lucy, deren Mutter angeblich vom Vater ermordet wurde. Er sitzt deswegen in der Todeszelle, der Vollstreckungstermin rückt täglich näher. Mit ihrer Schwester und ihrem kleinen Bruder tingelt Lucy regelmäßig in einem Wohnmobil durchs Land, um an Demonstrationen gegen Hinrichtungen teilzunehmen. An einem dieser anstrengenden Tage, die aus emotionalem Extremsport und redundanter Parolengrölerei bestehen, lernt sie die attraktive Mercy (Kate Mara) kennen. Natürlich ein Wortspiel – denn »Mercy« heißt auf Deutsch »Gnade« und um die geht es doch bei dem ganzen Schlamassel. Selbst Lucy hat nämlich Zweifel an der Unschuld ihres Vaters, die Beweislast ist erdrückend, töchterliche Gefühle sind es auch. Die beiden Frauen verlieben sich ungeachtet ihrer Gegensätzlichkeiten ineinander. Nicht nur optisch sind sie wie Plus und Minus, Mercy ist zudem Rechtsanwältin und Befürworterin der Todesstrafe. Nichtsdestotrotz bietet sie Hilfe in der Angelegenheit des mutmaßlichen Frauenmörders an. Ein neuer Gentest soll endlich Gewissheit bringen und den Erzeuger vielleicht endgültig entlasten.

Coming-out und Kapitalverbrechen sind eine delikate Kombination, und »My Days of Mercy« zeigt wahrlich stellenweise die Merkmale eines Exploitationfilms. Die Reizübersteuerung findet ganz natürlich statt, wenn nach einem weiteren Hinrichtungstermin mit weinend zusammenbrechenden Angehörigen eine heiße Sexszene mit viel Busen und Gestöhne im Caravan folgt. Ob diese Obszönität programmatisch ist oder unfreiwillig, kann schwer entschieden werden. Auch nicht, ob die Einbindung des programmatisch naheliegenden Songs der Sängerin Duffy notwendig war. Die Independentproduktion nimmt sich jedenfalls chronisch ernst, will vor allem moralische Zwickmühlen abhandeln und nur bedingt subversiv sein. Nebenbei bekommt der Zuschauer auch einen Einblick in die Zustände der Vereinigten Staaten der 2010er Jahre: die Zerrissenheit der Konservativen und Liberalen, die Unterschiede zwischen Stadt und Peripherie, das wirtschaftliche Gefälle von Küste zu Herzland, die fehlenden sozialen Hilfesysteme, der brutale Kapitalismus, das korrupte Rechtssystem. Was in Alabama gilt, gilt in Kalifornien noch lange nicht. Am Ende heißt es auch für Lucy und ihren Anhang: »Go west, life is peaceful there!«

Page und ihre Kollegin Mara spielen diese Achterbahn des Lebens nicht nur hervorragend, auch der Plot hält einige Überraschungen bereit, die diesen Film gut konsumierbar machen. Seine hochdramatischen Thematiken alleine machen das Werk zum Selbstläufer, weil man auf starke Fragen leicht starke Antworten findet. Über diese lässt sich gut nachdenken, genauso wie darüber, ob man es hier mit schlauen 108 Minuten zu tun hat.

»My Days Of Mercy«, Regie: Tali Shalom-Ezer, USA/GB 2017, 108 Min., bereits angelaufen

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