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Aus: Ausgabe vom 13.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Kein Bier für Spider-Man

Jähe Wendungen eingeschlossen: Im Marvels Superhelden-Universum ist das Unerwartete mittlerweile das Erwartbare
Von Peer Schmitt
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Ein Touri wie jeder andere: Spider-Man hat’s eilig

»We have seen famous pictures until our eyes are weary with looking at them and refuse to find interest in them any longer.«

Mark Twain fährt nach Venedig, um der Bilder überdrüssig zu werden (»The Innocents Abroad«, 1869, dt.: Die Arglosen im Ausland)

Manchmal gibt bereits ein Name den Anlass zu einer Erscheinung. Seufzerbrücke (Venedig), Karlsbrücke (Prag), Tower Bridge (London). Manchmal evoziert eine Erscheinung einen Namen. Spider-Man erscheint, Peter Parker ist in der Nähe.

In »Spider-Man. Far From Home« von Jon Watts geht Peter Parker (Tom Holland) auf Klassenfahrt. Bildungsurlaub mit seinen Schulkameraden und zwei überforderten Lehrern als Aufsicht und Reiseführer. Die Reisegruppe besucht die touristischen Stätten Europas – Venedig, Prag, London – im Schnelldurchlauf. Paris fällt vermutlich aus, weil neulich schon die »Men In Black« den Eiffelturm besucht hatten. Unschuldige im Ausland, im Nicht-Daheim. So wie ein Highschool Baseball-Team bei einem Auswärtsspiel oder wie die Muppets auf Europatournee, steckbrieflich gesucht (vgl. James Bobins »Muppets Most Wanted«, 2014).

Offenbar in Prag sitzt Peter Parker in einer Kneipe und hört da »A Town Called Malice« von The Jam. Das erschien 1982, aber das jetzt irgendwo in Prag in der Kneipe zu hören ist sicher kein Ding der Unmöglichkeit. Unmöglich aber ist, dass Peter Parker dort sitzt und sagt, er sei ja erst 16 und dürfe deshalb noch kein Bier trinken. Ein 16jähriger bierlos in Prag – auf eine solche Idee können einfach nur US-Amerikaner kommen, selbst wenn sie aus Queens/New York sind. So wie Peter Parker. Unschudig im Ausland. Spider-Man war zwar bereits im Weltall, aber die gemeine Weltläufigkeit geht ihm noch ab.

In diesem Film scheint es auch eine direkte Schnellzugverbindung von Prag nach London zu geben. Noch ein Ding der Unmöglichkeit. Für diese Schulklasse aus Queens gilt wie für jede besonders eilige Reisegruppe: Der Name ist der Anlass zur Erscheinung. Außerhalb dessen haben die Städte, Sehenswürdigkeiten und Verkehrswege zunächst noch keine Realität.

Der fragile nominale Charakter der Realität ist von Beginn an Thema des Films. Da sitzt Peter Parker im Kunstunterrichtsraum seiner Schule in Queens und redet mit seinem besten Kumpel darüber, was er auf der Europabildungsreise vorhat, nämlich seiner Angebeteten MJ endlich seine Schülerliebe zu gestehen, und da erscheint sie vor ihm, leibhaftig. Direkt hinter ihr an der Wand aber klebt ein Poster von René Magrittes »Le Faux Miroir«: Im Zentrum ein schwarzer Punkt als Pupille eines Auges, das einen leicht bewölkten blauen Himmel rahmt. Das Bild im Bild, der gerahmte Blick, das Auge im Auge – das alles soll einen wohl auf all die Verdoppelungen, Täuschungen, verwirrenden Wendungen und auf grundsätzliche Zweifel vorbereiten, denen Peter Parker während seiner Reise ausgesetzt sein wird.

»Sichtbare Dinge können verborgen und deshalb unsichtbar sein. Aber das Unsichtbare kann nie verborgen sein«, schrieb der Maler Magritte. Ich schreibe u. a. so spät – und möglicherweise in Rätseln – über diesen Film, weil vom Kritiker verlangt wurde, nichts über ihn zu verraten, sobald er ihn gesehen hatte. Nicht einmal den Verrat soll man verraten. Mittlerweile aber dürfte ihn die halbe Welt bereits gesehen haben und somit auf den Weg bekommen haben, dass man seinen Augen nicht trauen darf, wenn ein Name allein Grund zu einer Erscheinung ist.

»Spider-Man. Far From Home« ist allerdings nicht nur ein Film über eine Klassenfahrt, mithin einen Tourismus der Zerstörung, der vertraute Orte wie Venedig, Prag und London in Trümmer legt, es ist zunächst einmal ein Postskriptum zum »Endgame« der Avengers. Die Schüler in Queens fragen sich, wie ihre im Rahmen des Weltendes verschwundenen Klassenkameraden aus dem Verborgenen plötzlich wieder aufgetaucht sind. Und Peter Parker fragt sich, in welcher Form er in die Fußstapfen seines Mentors, des im »Endgame« verstorbenen Iron Man/Tony Stark (Robert Downey Jr.), treten soll.

Es geht also um die endgültige Integration der Spider-Man-Figur ins Marvel Cinematic Universe (MCU), die aus vertragsrechtlichen Gründen so lange problematisch war. »Far From Home« sei der letzte Film in der Phase drei des MCU, heißt es. Demnächst beginne Phase vier. Das »Endgame« war mithin nichts als eine Phase der Klärung der Lizenzen?

Das Erbe von Iron Man ist zweierlei. Zum einen hat Peter Parker weiterhin die von Jon Favreau gespielte Figur des »Happy« Hogan als Leibwächter zur Seite gestellt bekommen (Favreau ist ja auch der Regisseur von »Iron Man«, 2008, mit dem Phase eins des MCU ihren Lauf nahm). Der macht sich sogar an Peter Parkers Tante May (Marisa Tomei) ran: »Ich bin in Spider-Mans Tante verliebt«. Zum anderen hat der Rüstungsindustrielle Tony Stark eine Drohnenarmee und eine überwältigende Apparatur der Überwachung und Kon­trolle hinterlassen.

Doch meldet sich ein anderer Erbe. Er wird Mysterio (Jake Gyllenhaal) genannt und trägt eine komische Glaskugel auf dem Kopf. In den Comicvorlagen der 60er Jahre ist Mysterio von Beruf »Special effect designer«, ein Angestellter der Filmbranche und Verfechter totaler Illusion. Mittlerweile ist Marvel als MCU nichts anderes als die Filmbranche selbst und Mysterio ein ehemaliger Angestellter der Rüstungsindustrie, die wiederum selbst zu einer Art Spezialeffekt geworden ist. Täuschen, Fälschen, Verbergen. Es ist mittlerweile das Erwartbare.

So wie die Überwachung des Anschlags bereits der Anschlag selbst ist und jede Bildungsreise bereits ein Attentat.

»Spider-Man. Far from Home«, Regie: Jon Watts, USA 2019, 130 min, bereits angelaufen

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