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Aus: Ausgabe vom 13.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Ein Hauch von Abschied

Mark Knopfler ist auf Tour und redet vom Aufhören
Von Reinhard Lauterbach
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Der Sound ist fett: Mark Knopfler

Was soll man von einem Rockstar halten, der sich in der Mitte seines Konzerts auf einen Hocker setzt und sagt: »I sometimes think I should retire?« Natürlich kann das fishing for compliments sein, das Einfordern der auch prompt einsetzenden Pfiffe und Zurufe der Fans, doch bitte weiterzumachen. Mark Knopfler war bisher nicht bekannt für solche Mätzchen. Diesmal aber, in einer vollbesetzten Arena im südpolnischen Krakow, ist die Veränderung, die mit Knopfler vorgegangen ist, unübersehbar. Er wirkt kleiner als früher, tritt mit Brille auf, geht leicht gebeugt und setzt sich während des Konzerts immer wieder hin. Kein Wunder, Knopfler ist knapp 70, das Alter wird seinen Tribut fordern. Ein Schonjob ist es nicht, professioneller Rockmusiker zu sein, egal, wieviel Geld man damit verdient.

Aber so schnell geht das nicht mit dem Sich-zur-Ruhe-Setzen. »But I love it so much« setzt Knopfler die Antithese zu seinen Ruhestandsgedanken – und beginnt mit dem nächsten Stück. Auch seine Musik hat sich verändert. Zwischen den alten Hits aus den 70ern und 80ern, als der swingende Rock von Dire Straits eine neue Richtung der Popmusik eröffnete, schieben sich immer mehr langsame, musikalisch vom keltischen Folk geprägte Lieder. Knopfler tritt diesmal mit einer Bigband auf, zehn weiteren Musikern, die ihn ergänzen, verstärken – auch tendenziell ersetzen? 48 oder 49 Instrumente spielten seine Begleitmusiker, sagt Knopfler in einer seiner Ansagen, von der Tin Whistle bis zum Kontrabass, zwei Schlagzeuge, ein Riesenapparat an Perkussionsinstrumenten, zwei weitere Gitarristen, ein Saxophonist und ein Trompeter.

Das macht den Sound fetter, als man es von Knopfler gewohnt ist, und die Tempi langsamer. Ein Oldie wie ­»Once upon a time in the West«, von früher als swingende Ballade im Ohr, über die Mark Knopfler sparsam und eher punktuell seine Riffs setzte, kommt diesmal zwei gefühlte Tempostufen langsamer daher, der Rhythmus ist härter, fast stampfend geworden, hat den schwebenden Charakter verloren, der das Stück einst zum Ohrwurm gemacht hat. Ohne Knopflers Recht, seine eigenen Stücke mal so und mal so zu interpretieren, in Frage zu stellen, kann man sich fragen, ob diese Veränderung dem Stück gutgetan hat.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Knopflers perlender Sound ist nach wie vor da, die Einstudierung der Band sitzt, vor allem die Rhythmusgruppe ist perfekt synchronisiert. Aber es hängt doch bei praktisch jedem Lied ein Hauch von Abschied in der Luft. Den Klassiker »Romeo and Juliet« spielt Knopfler in einer Beleuchtung, die an die EU-Fahne erinnert: tiefblaues Licht, zwölf golden leuchtende Punktstrahler zeichnen zwar keinen Kreis, aber ihr Rechteck wirkt trotzdem wie einer. »Wir haben uns einfach zur falschen Zeit getroffen« – ein Kommentar zum »Brexit«? Explizit kein Wort, aber Assoziationen bleiben. Dynamisch-beatbetont wie eh und je die Stücke, in denen Knopfler die Lebensweise der Arbeiterklasse würdigt – von »Money for Nothing« bis »Corned Beef City«. Was diesmal fehlte, waren die Balladen der Entfremdung, die Knopfler berühmt gemacht haben, etwa »Brothers in Arms«, »Telegraph Road« oder »Privateering«, wo das lyrische Ich, ein Pirat, »nicht ganz genau im Dienste der Krone«, bei allen Ladies und Flaschen, die ihm vergönnt sind, doch nicht vergisst, dass der Strand, den er erobert, nicht der seine ist.

Statt dessen Autobiographisches wie die Erinnerung an eine einsame Trampfahrt zu Weihnachten quer durch England. Und Todesahnungen, zu denen man unterschiedlicher Meinung sein kann – auch wenn sie enden mit der Zusage, ein »Kämpfer bis zum Schluss« zu bleiben. Wenn man einen weitgefassten Begriff von Kampf zugrunde legt. Dritte und letzte Zugabe war das Thema aus dem heute weitgehend vergessenen Film »Local Hero«, einem ökologischen Märchen aus den Achtzigern über die stille Macht der Sabotage: ein Ölmanager aus Houston, Texas, wird in ein schottisches Dorf geschickt, soll dort ein Terminal planen, lässt sich aber von den Ansässigen umdrehen, so dass er seinen Chef mit falschen, aus dem knallroten Telefonhäuschen des Ortes abgesetzten, Berichten veranlasst, das Projekt abzusagen. Wie weit liegt diese Welt zurück! Wer den Film nochmal irgendwo zu sehen bekommt, sollte ihn sich nicht entgehen lassen. Knopflers diesjährige Tournee ist ausverkauft. Vielleicht überlegt er es sich ja noch mal mit dem Aufhören.

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