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Aus: Ausgabe vom 12.07.2019, Seite 16 / Sport
Wasserball

Mit deutscher Badehose

Die DSV-Wasserballer nehmen erstmals seit 2013 wieder an einer WM teil. Das ist vor allem Rückkehrer Hagen Stamm zu verdanken
Von Jens Walter
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»Papa, mach’s noch mal!«: Unter Bundestrainer Hagen Stamm sind die deutschen Wasserballer wieder in der Spur (hier Sohn Marko Stamm)

Eigentlich wollte Hagen Stamm nur kurz aushelfen, als seine Sportart am Boden lag. Doch die Bitte seines Sohnes wollte Deutschlands »Mister Wasserball« nicht abschlagen. »Marko hat gesagt: Papa, mach’s noch mal! Ich will die Chance haben, nach Tokio zu fliegen«, berichtet der 59jährige im Gespräch mit dem sid, »da konnte ich nicht nein sagen.« Seit zweieinhalb Jahren ist Stamm zum zweiten Mal Bundestrainer – und die deutschen Wasserballer sind wieder konkurrenzfähig und haben Olympia 2020 im Visier. »Wir haben lange genug Abstinenz geübt, wir sind jetzt wieder da«, sagt der Berliner mit Stolz vor der Weltmeisterschaft in Gwangju. In Südkorea gibt das Team um Kapitän Marko Stamm sein Comeback auf der großen Bühne – nachdem es die vergangenen beiden WM-Turniere ebenso wie die Olympischen Spiele 2012 und 2016 verpasst hatte. Mit dem richtigen Trainer ist der Erfolg zurückgekehrt.

Eigentlich kein Wunder, denn mit der deutschen Wasserballegende sind alle Höhepunkte in den vergangenen Jahrzehnten verbunden: Als Spieler führte Stamm die Auswahl des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) 1981 und 1989 zum EM-Titel, 1982 als Dritter zur einzigen WM-Medaille und 1984 zu Olympia-Bronze. Als Bundestrainer baute er eine neue Mannschaft auf, die bei Olympia 2004 Fünfter wurde und von 2007 bis 2011 dreimal in Folge das WM-Viertelfinale erreichte. Als er 2012 nach dem Verpassen der Sommerspiele in London aufhörte, war die Erfolgsgeschichte vorüber. Gegen seinen Nachfolger Nebojsa Novoselac rebellierten die Spieler, aufgrund der ausbleibenden Erfolge wurden die Fördermittel gekürzt.

»Klinisch tot war Wasserball nicht, das ist übertrieben«, betont Stamm, der sich Anfang 2017 nach kurzer Interimstätigkeit zu einer zweiten Amtszeit überreden ließ. »Ich musste die Jungs wieder motivieren«, gibt er zu, »aber es hat sich gelohnt. Wir haben Talente integriert, die Mannschaft ist wieder eine Einheit.« Erster Erfolg: Die Wasserballer qualifizierten sich im vergangenen September für die WM in Gwangju. Hier wollen sie wieder unter die ersten acht der Welt. Mit Japan, Brasilien und Italien ist die Vorrunde ab Montag machbar, »der Wasserballgott hatte bei der Auslosung eine deutsche Badehose an«, meint Stamm.

Der Bundestrainer wird zwar weiterhin nur wie für einen Halbtagsjob bezahlt, doch gibt es wieder öffentliche Gelder. »Wir können alle Maßnahmen und Turniere absolvieren«, sagt der Coach, der Deutsche Olympische Sportbund und das Bundesinnenministerium »haben an unsere Konzeption geglaubt«. Doch Stamm, Fahrradgroßhändler in Berlin und Präsident des Rekordmeisters Wasserfreunde Spandau, weiß: Es müssen wieder Erfolge her. Das wichtigste Ziel ist Tokio 2020. Der Weg dorthin wird schwer: Die Direkttickets als Europameister, Weltmeister, WM-Zweiter oder Weltligasieger sind außer Reichweite. Über das Qualifikationsturnier im nächsten Frühjahr will Stamm noch einmal Olympia erreichen – zum insgesamt sechsten Mal. Dann ist definitiv Schluss. »Es wird«, sagt er, »in Zukunft auch ohne mich gehen.« Zweifel sind angebracht.

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