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Aus: Ausgabe vom 12.07.2019, Seite 12 / Thema
Literaturgeschichte

Die Marseillaise der deutschen Arbeiter

Vor 175 Jahren erschien Heinrich Heines Lied »Die schlesischen Weber« im Pariser Vorwärts
Von Jürgen Pelzer
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Der Aufstand der schlesischen Weber war Heinrich Heine Anlass für sein »Weberlied« (Radierung von Käthe Kollwitz, 1897, Blatt 5 der Folge »Ein Weberaufstand«)

Heinrich Heine war ein Zeitdiagnostiker par excellence. Ein Dichter, der sich wie wenige zuvor oder später in die politischen und ästhetischen Debatten seiner Zeit einmischte, auch wenn ihn dies in Schwierigkeiten und Gefahr brachte. Die Kritik, für die er jahrzehntelang geschmäht wurde, zum Teil bis heute, galt den Zuständen in Deutschland, genauer in Preußen und den anderen 38 Staaten des Deutschen Bundes, die nach der Niederlage Napoleons 1813 und der restaurativen Neuordnung des Wiener Kongresses von 1814/1815 alles daran setzten, demokratische Ansätze im Keim zu ersticken.

Heine ist einer der ersten, die die deutsche Misere analysierten, d. h. jenen fatalen Zustand politischer Rückständigkeit, der sich trotz der schrittweisen Veränderungen in Industrie und Landwirtschaft, zu denen es in den 1830er und 1840er Jahren kam, nicht änderte. Heine wurde nicht müde, diese Rückständigkeit zu geißeln. Seine Waffen: Witz und Ironie, mit denen er den Verhältnissen schon früh ihre eigene Melodie vorspielte, Stil- und Formbewusstsein sowie eine geschichtsphilosophische Position, die sich an Hegel und zunehmend an den französischen Frühsozialisten orientierte. Durch letztere lernte Heine auch die Dimensionen der sozialen Frage, Ausbeutung, Armut und soziale Ungleichheit, kennen, die der sich entwickelnde bürgerliche Kapitalismus, wie er ihm in Frankreich gegenübertrat, nicht zu lösen vermochte. Heine gelangte zu weitreichenden Erkenntnissen, was sich u. a. im »Wintermärchen«, aber auch in zahlreichen Zeitgedichten niederschlug, die an Schärfe kaum zu übertreffen sind. Dass all dies 1844 kulminierte, also noch vor den europäischen Revolutionen von 1848, ist kein Zufall und hängt nicht nur mit historischen Ereignissen zusammen, sondern auch damit, dass Heine sich an der Seite »neuer Genossen« fand, zu denen auch der junge Karl Marx gehörte, der sich von September 1843 bis Februar 1845 in Paris aufhielt.

Philosophischer Kopf

Heine lebte bereits seit dem Juli 1831 in Paris und galt als etablierter Schriftsteller, ja als Mittler zwischen deutscher und französischer Kultur. Die literarische Szene hatte er 1819 betreten, ausgerechnet in jenem Jahr, als die Karlsbader Beschlüsse eine erhebliche Verschärfung der Zensurmaßnahmen und sonstigen Repressalien mit sich brachten. Der politische Führer des Deutschen Bundes, Fürst Metternich, hatte die Ermordung August von Kotzebues durch einen nationalistischen Studenten zum Anlass genommen, gegen alles vorzugehen, was an nationalstaatliche oder gar demokratisch-liberale Bewegungen erinnerte. Heine, der in diesem Jahr mit dem Jurastudium in Bonn begonnen hatte, bezog zwar gegen Metternich Position – wie die meisten Professoren oder Studenten –, stieß aber sehr schnell auf einen extremen – vor allem gegen Franzosen und auch gegen Juden gewandten – Nationalismus, den er rundheraus ablehnte. Ähnliche Tendenzen fand er in Berlin und später in Göttingen vor, wo er sein Studium fortsetzte. Einige dieser Erfahrungen verarbeitete er in seinen ersten literarischen Veröffentlichungen, in lyrischen Texten im romantischen Stil, die später als »Buch der Lieder« berühmt werden sollten, oder in dem neuen Genre der Reisebilder wie der »Harzreise« oder »Über Polen«, in denen er einen subjektiv-witzigen, Information und Reflexion verbindenden Stil ausprägte. Heine versuchte sich auch, in den literarischen Fehden der Zeit zu positionieren und sich abzusetzen vom aristokratisch-herablassenden Stil eines Grafen von Platen oder vom »objektiven« Kunstkonzept eines Goethe, zu dem Heine zeitlebens ein gespaltenes Verhältnis hatte.

Am folgenreichsten war wohl Heines Begegnung mit Hegel, bei dem er Vorlesungen hörte und den er auch im Berliner Salon der Rahel Varnhagen persönlich kennenlernte. Vor allem Hegels Konzept einer dialektischen, sich in Widersprüchen vollziehenden, aber progressionsbetonten Geschichte hatte einen prägenden Einfluss. Was andere entweder falsch oder gar nicht verstanden, stieß bei Heine, der auch später großes Geschick in der Interpretation und Vermittlung philosophischer Gedankengänge bewies, auf offene Ohren. Für Heine war Hegel allenfalls insofern ein staatstreuer Philosoph, als er die preußischen Reformbestrebungen dieser Jahre als Schritte in die richtige Richtung sah. Zu seinem Fortschrittskonzept gehörte aber auch, anders als bei »Apollo« Goethe, die Revolution, etwa die französische von 1789, die er jedes Jahr zu feiern pflegte. Und so ist es nicht weiter überraschend, dass sich Heine, der sich trotz seiner ersten literarischen Erfolge im muffigen, scheinheilig-christlichen, autoritären und in jeder Hinsicht stagnierenden Deutschland nicht wohl fühlte, 1830 vom Elan der Julirevolution im benachbarten Frankreich anstecken ließ, wo man die Bourbonen, die 1815 an die Macht gekommen waren, vertrieben hatte. Ein Jahr später übersiedelte Heine nach Paris, wo er die nächsten 25 Jahre seines Lebens verbringen sollte.

Trotz seiner vielen Reisen und seiner umfassenden Kenntnisse muss er dort eine Art positiven Schock erlitten haben, denn das Land war in jeder Hinsicht weiter entwickelt als das rückständige Deutschland. In Frankreich hatten sich bereits moderne kapitalistische Verkehrsformen durchgesetzt, und somit waren auch die Klassengegensätze deutlich sichtbar. Bereits im November fand der Aufstand der Lyoner Seidenweber statt, eine Art Vorläufer des schlesischen Weberaufstands. Gleichzeitig spielten die Bürger – anders als in Deutschland – eine führende Rolle, wenngleich Heine sehr bald deren Grenzen erkannte. Auch war die Öffentlichkeit weiter entwickelt, es gab einen Austausch unter den Intellektuellen und Debatten, die offen in den Zeitungen ausgefochten wurden.

Eine neue »Religion«

Entscheidend sollte für Heine die Begegnung mit diversen frühsozialistischen Gruppen sein, die eine Antwort auf die gesellschaftliche Situation des sich entwickelnden Kapitalismus suchten. Besonders wichtig waren in dieser frühen Phase die Saint-Simonisten, an deren Sitzungen er seit dem Januar 1832 teilnahm. Saint-Simon, der 1825 gestorben war, hatte in seinen Schriften eine Vorstellung von einer durchgreifenden Reform von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft entwickelt. Ihm schwebte eine industrielle Leistungsgesellschaft vor, in der die produktivsten Kräfte – Wissenschaftler und Arbeiter im weitesten Sinn – das Gemeinwesen leiten sollten, um das Missverhältnis zwischen der Minorität von reichen Müßiggängern und der Majorität von Produzierenden abzuschaffen. Die Harmonisierung der sozialen Beziehungen sollte im Rahmen eines »neuen Christentums« erfolgen. Dem Staat sollte nur noch eine ordnende Funktion zukommen. Es ging Saint-Simon somit um eine bessere Entfaltung der Produktivkräfte in der Gesellschaft. Heine lernte in Paris vor allem dessen wichtigsten Schüler, den »Papst« der neuen Religion, Prosper Enfantin kennen, der nicht nur für eine Assoziation aller Werktätigen, sondern auch für die Überwindung des christlichen Spiritualismus und gegen dessen verkrüppelnden Einfluss auf die Sexualmoral und die gesamten Lebensverhältnisse eintrat. Es ist wohl der universalistische Charakter der alle Lebensbereiche umfassenden Saint-Simonschen Lehren gewesen, der Heine am meisten angezogen hat. Sie setzten bei den konkreten Klassenauseinandersetzungen an und entwarfen ein utopisches Ziel, ohne ins Irrationale oder bloße Wunschdenken abzugleiten. Die »Ausbeutung des Menschen durch den Menschen« sollte beendet werden, um so für allgemeinen Wohlstand zu sorgen. Gleichzeitig sollte eine neue Religion, die Ausrichtung an neuen moralischen Normen, sicherstellen, dass die Mehrzahl der Menschen, die »größere und ärmere Klasse«, nicht mehr auf den Himmel vertröstet werden.

Diese Einstellung durchzieht Heines Werk, sie wurde Bestandteil seiner Sicht auf Gesellschaft und Geschichte. Die Vision eines neuen Zeitalters findet sich etwa in einem Gedicht aus dem Seraphine-Zyklus, wo es im Sinne eines befreienden sensualistischen Pantheismus heißt, dass die »dumme Leiberquälerei« endlich aufgehört und das »Leid ausgelitten« habe: »Der heilge Gott der ist im Licht / Wie in allen Finsternissen; / Und Gott ist alles was da ist; / Er ist in unsren Küssen.«¹ Kurz darauf schrieb Heine, der den Franzosen die mystifizierte Geistesgeschichte (und obendrein den Deutschen ihre eigene) nahebringen wollte, die »Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland«, wo er nicht nur, die Schriften von Luther bis Hegel durchmusternd, die Etablierung einer Denkfreiheit herausstellte, die er als Vorbereitung einer großen, welterschütternden Revolution ansah, sondern auch das Ziel betonte, »das materielle Glück der Völker« zu befördern, um so für die »Gottesrechte des Menschen« zu kämpfen.²

Freilich gab es in den 1830er und frühen 1840er Jahren auch andere Gruppen, die direkter auf die ökonomischen Probleme eingingen, wie etwa die »Societé des amis du peuple«, die Gesellschaft der Volksfreunde, die nicht nur die Sozialrevolte in Lyon thematisierten, sondern auch die Tatsache, dass das bürgerliche Regime, das in der Julimonarchie zur Macht kam, nur einigen wenigen »Privilegierten« oder »Müßiggängern« diente. Die Lehren dieser Gruppierung setzten bei François-Noël ­Babeuf an, der bereits 1787 die Grenzen der bürgerlichen Revolution gesehen hatte. Heine verfolgte auch diese Bewegung, die als »Gesellschaft für Menschenrechte« weiterexistierte und die Lösung der sozialen Probleme nicht mehr von einer Reformpolitik, sondern durch eine Revolution erhoffte, sehr genau, wenn er auch Vorbehalte gegenüber dem »Gleichheitskommunismus« der Neobabouvisten hatte. Und so blieb er in Kontakt mit den diversen Strömungen des utopisch-sozialistischen Lagers, wozu sehr bald auch die »Communistes« gehören sollten.

Vormärz

Anfang der 1840er Jahre begann sich gleichzeitig, von Heine genauestens verfolgt, die Situation im Deutschen Bund zu verändern. Hier hatten sich – nach der allmählichen Ablösung der alten Feudallasten und der Bauernbefreiung – die ersten Ansätze der Industrialisierung bemerkbar gemacht. Zunehmend wurden Maschinen eingesetzt, die Handarbeit wurde verdrängt, die Roh- und Stahlproduktion nahm zu, und es kam zur Revolutionierung des Transportwesens. Preußen nahm eine immer stärkere Hegemonialstellung ein, auch innerhalb des neugegründeten Zollvereins, der die weitere Entwicklung vorantrieb. Das liberale Bürgertum, das vor allem in den westlichen Provinzen an Gewicht gewann, wartete freilich immer noch auf die 1815 in Aussicht gestellten Verfassungen und damit auf eine Machtbeteiligung. Dass die herrschenden Eliten dazu nicht bereit waren, sollte sich im Sommer 1840 zeigen, als in Preußen Friedrich Wilhelm IV. den Thron bestieg und sich bald als Reaktionär übelster Sorte erwies. Anfangs Kompromissbereitschaft signalisierend, ging er, als die Forderung nach einer Verfassung erhoben wurde, auf Konfrontationskurs und stellte statt dessen einen christlich sanktionierten Stände- und Patrimonialstaat nach Art »teutscher Fürsten« in Aussicht. Nach seiner Ansicht schuldeten die Untertanen dem »väterlichen Regiment« vor allem eins: Gehorsam.

Doch dies mobilisierte nun auch in Deutschland die Opposition, und zwar sowohl Teile der liberalen Bourgeoisie wie auch die literarischen Intellektuellen. Es kam zu einer Phase der »Gärung«, wie sich Johann Nestroy ausdrückte. Die Bewegung des Vormärz, wie sie später im Hinblick auf die Märzrevolution von 1848 genannt wurde, wurde aktiv. Linkshegelianer wie Arnold Ruge forderten eine an der Tat ausgerichtete Philosophie, Literaten verschiedenster Couleur – wie etwa Franz von Dingelstedt, Hoffmann von Fallersleben oder Georg Herwegh – traten mit politischer Lyrik auf, die zeitweise ein großes Publikum erreichte, zumal die Zensur vorübergehend gelockert worden war. Auch Heine beteiligte sich an dieser Oppositionsbewegung, indem er wieder regelmäßige Berichte an die deutsche Presse, namentlich die Augsburger Allgemeine, sandte und eine Reihe politischer Zeitgedichte schrieb, die die reaktionären Potentaten in Preußen und anderen Staaten mit Hohn und Spott überzogen. Heine wollte das bürgerliche Publikum aus seiner Schlafmützigkeit aufwecken und buchstäblich heraustrommeln. Gleichzeitig schalt er seine Mitstreiter, wenn sie – wie etwa Herwegh – allzu abstrakt und freiheitsselig vorgingen oder sich sogar Hoffnungen auf einen Dialog mit den Herrschenden machten.³ Nachgerade berühmt wurden die »Lobgesänge« auf den bayrischen König Ludwig, die Heine für die von Marx und Ruge herausgegebenen Deutsch-Französischen Jahrbücher beisteuerte. Beide waren – nach dem Verbot ihrer Zeitung und der Behinderung ihrer publizistischen Arbeit – nach Paris übergesiedelt. Die Jahrbücher, von denen im Februar 1844 nur eine einzige (Doppel-)Nummer erschien – sollten so etwas wie die theoretische Plattform für die revolutionäre Theorie werden. Zwar kam es nicht zur erhofften Beteiligung französischer Autoren, aber in dieser Ausgabe finden sich so wichtige Aufsätze wie »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung« von Marx und Artikel von Friedrich Engels, die sich mit ökonomischer Theorie befassen.⁴ Heines »Lobgesänge« waren zwar wirksam und lösten selbst bei den Zensurbeamten wahre Lachkrämpfe aus, doch sollten sie der Anlass zum Verbot der ganzen Zeitschrift werden, da sie als »Majestätsbeleidigung« galten.

Ein Gedicht macht eine Ausnahme, es stellt keine Satire auf impotente Potentaten oder schlafmützige Bürgerinnen und Bürgern dar. Das Lied »Die schlesischen Weber« nimmt Bezug auf die spontane Rebellion der Weber in Peterswaldau und Langenbielau, die sich Anfang Juni 1844 erhoben, ihre Forderung nach mehr Lohn vorbrachten und in die Villen einzelner »Fabrikanten« eindrangen, um dort Geschäftsbücher und Eigentumstitel zu zerstören. Kein Maschinensturm also und auch keine Hungerrevolte, sondern sozialer Protest, der als Fanal weiterwirkte und auf Böhmen und andere Provinzen, ja selbst nach Berlin ausstrahlte.

Die Weber waren noch Heimarbeiter, siedelten sich aber in Fabrikdörfern an und waren von Handelshäusern und Fabrikherren abhängig, die ihnen Material verkauften und die fertigen Waren abnahmen. Der Aufstand in Schlesien wurde bald niedergeschlagen und kostete elf Menschen das Leben.⁵ Später, im August 1844, folgte eine Gerichtsverhandlung, die zu drakonischen Strafen führte.

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Der junge Heinrich Heine (Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831)

»Wir weben, wir weben«

Heine geht in seinem Lied kaum auf Einzelheiten ein, sondern richtet den Blick auf das Wesentliche, das Abstumpfende und Aussichtslose der Arbeit. Er wechselt von der dritten Person – »Sie sitzen am Webstuhl …« zum »Wir«, wobei die Weber gleichzeitig einen dreifachen Fluch in das Leichentuch hineinweben. Der Fluch gilt dem »Gotte, zu dem wir gebeten«, also der (christlichen) Religion, da Gott sie nur »geäfft und gefoppt und genarrt« hat. Der Fluch gilt dem »König, dem König der Reichen, / Den unser Elend nicht konnte erweichen, / Der den letzten Groschen von uns erpresst / Und uns wie Hunde erschießen lässt« – Und der Fluch gilt »dem falschen Vaterlande / Wo nur gedeihen Schmach und Schande«.⁶ Damit sind die nationalen und nationalistischen Phrasen gemeint, mit denen man die Menschen abspeist und ablenkt.

Das Lied wirkt auch heute noch durch seinen verbissenen Rhythmus, das ständig wiederholte »Wir weben, wir weben«, womit das Monotone und Einförmige der Arbeit betont wird – darauf konzentriert sich die Beschreibung, die ansonsten fast ohne Bilder auskommt. Doch gleichzeitig verstärkt sich auch das Revolutionäre. Die Weber weben ein Leichentuch für »Altdeutschland«, d. h. jenes von Reaktionären beherrschte Land, das keine Zukunft hat, da es weder demokratisch ist noch die materiellen Probleme der Menschen lösen kann. Die ununterbrochene Negation wirkt wie ein Appell zur radikalen Veränderung. Und so betrachtet, stellte Heine erstmals das Proletariat als revolutionäres Subjekt dar. Die Implikationen liegen auf der Hand. Heine hatte in Frankreich gesehen, wie ein äußerlich – d. h. politisch und ökonomisch – erfolgreiches Bürgertum die soziale Frage nicht lösen konnte. Es blieb also nur die Aussicht auf die neu entstehende Klasse der Proletarier. Dies war ja auch der Tenor der »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« von Marx, der eine Koalition von progressiver Intelligenz und Proletariat ins Auge fasste, um alle »menschenunwürdigen Zustände« umzustoßen. Marx betonte ebenfalls das »Bewusste« und Zielgerichtete des Aufstands, wobei er gleichzeitig die Staatsauffassung seines ehemaligen Freundes Arnold Ruge zurückwies, der den Aufstand für verfrüht hielt und eine Lösung von oben erwartete.⁷

Heines Lied hatte eine enorme Resonanz und kursierte auch als Flugschrift in hoher Auflage. Engels übersetzte es ins Englische und bezeugte ebenfalls die breite Wirkung dieses Liedes, das Heines Freund Alexandre Weill – hoffnungsvoll – als »Marseillaise der deutschen Arbeiter« bezeichnete.⁸ Freilich schwingen hier anders als bei der französischen Nationalhymne keine nationalen Töne mit. Heines Zukunftsvision ist – wie die spätere Arbeiterbewegung – internationalistisch und betont das gemeinsame Anliegen der Arbeiterinnen und Arbeiter in allen Ländern.

Anmerkungen:

1 Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden (WuB), hg. von Hans Kaufmann, Berlin 1972, Bd. 1, S. 238

2 Geschichte der Philosophie und Religion in Deutschland, WuB, Bd. 5, S. 234

3 Vgl. etwa »An Georg Herwegh«, in WuB, Bd. 2, S. 336. Heine betitelte Herwegh als »eiserne Lerche«.

4 Deutsch-Französische Jahrbücher, Neudruck bei Reclam, Leipzig 1973

5 Vgl. Walter Wehner: Heinrich Heine. »Die schlesischen Weber« und andere Texte zum Weberelend, München 1980. Siehe auch jW-Geschichtsseite v. 1.6.2019

6 WuB, Bd. 1, S. 343 f.

7 Karl Marx: Kritische Randglossen. In: MEW, Bd. I, S. 392 ff.

8 Friedrich Engels: Rascher Fortschritt des Kommunismus in Deutschland. In: MEW, Bd. 2, S. 512

Jürgen Pelzer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 2. Juli 2019 über Bertolt Brechts »Svendborger Gedichte«.

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