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Aus: Ausgabe vom 12.07.2019, Seite 8 / Inland
Fußballfriedensturnier in Berlin

»Das Geld fürs Militär fehlt für die Schaffung neuer Kitas«

Fußballturnier in Berlin soll Zeichen gegen Aufrüstung setzen und Friedensgedanken des Sports wiederbeleben. Gespräch mit Lucas Wirl
Interview: Oliver Rast
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Ostermarsch in der Stuttgarter Innenstadt (20.4.2019)

Mit dem Fußballfriedensturnier vom 19. bis 21. Juli in Berlin wollen Sie die Initiative »Abrüsten statt aufrüsten« unterstützen. Was ist das für eine Kampagne?

»Abrüsten statt aufrüsten« richtet sich gegen das Zwei-Prozent-Ziel der NATO für ihre Mitgliedsstaaten. Wir wissen: Militär löst keine Probleme. Deshalb fordert die Kampagne den Aufbau gegenseitigen Vertrauens, die Schaffung sozialer Sicherheit und Perspektiven für Entwicklung sowie eine Entspannungspolitik, auch mit Russland. Wir müssen abrüsten, statt auf Konfrontation und Aufrüstung zu setzen. Der Aufruf wurde bisher 150.000mal unterzeichnet.

Wer organisiert das Fußballturnier?

Der Allgemeinen Sportverein Berlin e. V. und die Kampagne »Abrüsten statt aufrüsten«. Ich freue mich sehr, dass wir diese Veranstaltung mit den Vereinsverantwortlichen auf die Beine gestellt haben. Dies zeigt, dass friedenspolitische Positionen und Forderungen auf einen breiten gesellschaftlichen Konsens treffen.

Warum ist Ihrer Ansicht nach ein Fußballturnier ein geeignetes Forum, um pazifistische und antimilitaristische Botschaften zu vermitteln? Oder anders gefragt: Glauben Sie wirklich, mit einem Kick gegen die NATO-Aufrüstungspolitik anspielen zu können?

Sport ist seit mehreren tausend Jahren mit dem Friedensgedanken verbunden. Nehmen Sie den Olympischen Frieden von 884 v. u. Z. oder die Sportler für den Frieden in den 1980er und 90er Jahren. Der Olympische Gedanke der Neuzeit ist geprägt vom Wunsch nach Frieden und Völkerverständigung. Das wollen wir mit dem Friedensturnier aufgreifen. Sport ist das Medium, mit dem wir das kooperative Zusammenleben im Kiez wie auf der Welt fördern möchten.

Welches Rahmenprogramm haben Sie sich mit Ihren Mitstreitern überlegt, oder wird nur gebolzt?

Neben Kinder- und Familienaktivitäten werden unterschiedliche Künstler aus Berlin auftreten und für Stimmung sorgen. Freitag wird es ab 18 Uhr losgehen, Samstag ab ca. 16 Uhr, davor wird gekickt. Redner werden sich in ihren Beiträgen für Frieden und Alternativen zu immer weiterer Aufrüstung einsetzen.

In einer Ihrer Mitteilungen heißt es: »Unsere Steuergelder werden verstärkt für Militär und Rüstung ausgegeben.« Woran machen Sie das in der Bundesrepublik fest?

Das diesjährige Budget der Bundesregierung für Rüstungsausgaben beträgt 43,2 Milliarden Euro. Das sind knapp elf Milliarden mehr als 2014. Mit einem Anteil von rund zwölf Prozent sind die Ausgaben für Militär und Krieg der zweithöchste Ausgabenposten im Haushalt für das Jahr 2019. Jede und jeder merkt im Alltag, dass im sozialen Bereich Geld fehlt; ich persönlich bei der Suche nach Kitaplätzen. Das ausgegebene Geld fürs Militär fehlt für die Schaffung neuer Kitas und die Einstellung von Erziehern, es fehlt in den Schulen und für die Bildung – und für den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs.

Aus meiner Sicht muss im Sinne sozialer Sicherheit umverteilt werden. Dagegen ist die Bundesregierung stärker gewillt, ihre Eigeninteressen in den internationalen Beziehungen mit militärischer Macht durchzusetzen. Wieso sonst diskutieren Politiker über die Anschaffung eines Flugzeugträgers und bewaffnungsfähiger Drohnen?

Wenn alle Tore geschossen, alle Plätze vergeben und alle Trophäen verteilt sind – wie geht es dann mit Ihrer Initiative weiter?

Dann bereiten wir uns auf die Aktionen zum Antikriegstag am 1. September vor. 80 Jahre nach dem Überfall des deutschen Faschismus auf Polen wollen wir uns in einem Bündnis mit dem DGB für Abrüstung engagieren. Notwendig ist auch, dass wir auf den Straßen gegen den nächsten Bundeshaushalt mit seinen neuen Rekordausgaben für Aufrüstung protestieren. Die Haushaltsdebatten im November sind hierfür ein geeigneter Anlass.

Geplant ist zudem, das Friedensturnier 2020 wieder zu veranstalten, sehr gerne auch mit anderen Sportarten. Die Friedensidee des Sports muss wiederbelebt werden.

Lucas Wirl ist Geschäftsführer der Juristenvereinigung IALANA (International Association of Lawyers against Nuclear Arms)

Aufruf hier unterzeichnen: https://abruesten.jetzt

www.friedensturnier.berlin

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