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Aus: Ausgabe vom 12.07.2019, Seite 5 / Inland
Arbeitskampf

Streikbrecher im Kino

Cinestar und Cinemaxx sabotieren Tarifverhandlungen. Beschäftigte ausgesperrt
Von Steffen Stierle
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Demonstration von Kinobeschäftigten in Hamburg (30.4.2019)

Der Zusammenschluss der beiden größten Kinoketten in Deutschland – Cinestar und Cinemaxx – unter dem Dach des britischen Vue Entertainmeint-Konzerns ist in kartellrechtlicher Klärung. In Sachen Lohnstruktur und Umgang mit den insgesamt rund 4.000 Beschäftigten passen sie gut zusammen. Die Einstiegsgehälter entsprechen häufig gerade mal dem Mindestlohn. Streiks werden mit Aussperrungen und dem Einsatz von Streikbrechern sabotiert.

So wurden etwa die 45 Beschäftigten des Cinestar-Kinos in Gütersloh Anfang Juni vom Kinoleiter ausgesperrt, nachdem sie im Rahmen der seit März anhaltenden Tarifauseinandersetzung immer wieder kurzzeitig die Arbeit niedergelegt hatten. Die Konsequenz der Aussperrung: kein Lohn – gerade gegenüber Niedriglöhnern ein enormes Druckmittel. Erst als die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi das Vorgehen vor das Bielefelder Arbeitsgericht brachte, um eine einstweilige Verfügung wegen Unverhältnismäßigkeit zu bewirken, lenkte das Kino ein. So wurde die Verdi-Klage am Mittwoch abgelehnt, da der Grund für einen »einstweiligen Rechtsschutz« bereits weggefallen war.

Gütersloh ist jedoch kein Einzelfall. Ähnlich aggressiv begegnen die Kinoleiter anderer Multiplex-Häuser den Forderungen ihrer Beschäftigten. Etwa in Berlin, wo die Streikenden zunächst für die Dauer des jeweiligen Streiks, dann darüber hinaus und letztlich sogar unbefristet ausgesperrt wurden.

Verhandelt wird schon seit Ende Mai nicht mehr. Damals habe das Unternehmen ein vollkommen inakzeptables Angebot vorgelegt, erläuterte Verdi-Verhandlungsführer Holm-Andreas Sieradzki gegenüber jW. Die angebotenen Lohnsteigerungen hätten nicht einmal die Inflation ausgeglichen. Zudem wären die Lohnkategorien neu gestaltet worden, was für viele Beschäftigte deutliche Lohneinbußen bedeutet hätte. Das Unternehmen setze auf »Eskalation«.

Dabei ging die Gewerkschaft mit eher bescheidenen Forderungen in die Auseinandersetzung. Ziel sei es, »existenzsichernde Löhne« durchzusetzen, sagte Sieradzki. Gefordert wird ein Einstiegsgehalt von elf Euro pro Stunde. Dies sei notwendig, damit die Beschäftigten die steigenden Lebenshaltungskosten in den Städten bewältigen könnten. Zudem verwies der Verhandlungsführer auf eine Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion im Bundestag, derzufolge ein Stundenlohn von 12,63 Euro erforderlich sei, um zu verhindern, dass die Beschäftigten später eine so niedrige Rente erhalten, dass sie in Altersarmut enden.

Doch Löhne in dieser Höhe sind bei Cinestar und Cinemaxx den Streikbrechern vorbehalten. So wurde etwa aus Dortmund berichtet, dass während der dortigen Streiks Kollegen aus Remscheid mit höheren Stundenlöhnen angelockt wurden. Nicht einmal davor, Freunde und Bekannte aus dem Umfeld der Geschäftsführung einzusetzen, um die Streiks zu sabotieren, schreckt man im Management der Kinoketten zurück.

Am Montag hat Verdi die Kinoketten formell aufgefordert, ein verbessertes Angebot vorzulegen. Eine Reaktion blieb bisher jedoch aus. Sieradzki: »Wir befinden uns weiterhin im Arbeitskampf«.

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