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Aus: Ausgabe vom 11.07.2019, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Probleme für Rüstungskonzern

»Es geht darum, ob die Firma pleite geht«

Gegenwind garantiert: Heckler & Koch lädt am Freitag zur Hauptversammlung. Ein Gespräch mit Jürgen Grässlin
Interview: Jan Greve
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Vor dem Heckler-&-Koch-Firmensitz in Oberndorf demonstrieren Friedensaktivisten des »Staffellaufs gegen Rüstungsexporte« (21.5.2018)

An diesem Freitag findet die Hauptversammlung des Rüstungskonzerns Heckler & Koch im baden-württembergischen Rottweil statt. Sie werden daran als einer der »kritischen Aktionäre« teilnehmen und einen Gegenantrag stellen, in dem die Nichtentlastung des Vorstands gefordert wird. Im Vorfeld sprachen Sie von einem »Desaster«. Geht es dem Unternehmen so schlecht?

Heckler & Koch geht es bereits seit einigen Jahren richtig schlecht. Das 2018 aufgenommene Fremdkapital beläuft sich offiziell auf etwa 231 Millionen Euro. Die Gesamtverbindlichkeiten sollen Berichten zufolge sogar auf rund 381 Millionen Euro geklettert sein. Gegenüber 2017 ist der Aktienkurs im vergangenen Jahr gefallen. Zudem senkte die Ratingagentur »Moody’s« ihre Bewertung der Waffenschmiede von »B3« auf »Caa1«. Damit befindet sich das Unternehmen auf dem Niveau der Kreditwürdigkeit des Irak. Auch die Beschäftigten sind mit dem Konzern schlecht gefahren. Dem Finanz- und Aktienkursdesaster folgt jetzt das Arbeitszeitdesaster …

Die Belegschaft stimmte mit knapper Mehrheit für Lohnverzicht bei einer Erhöhung der Wochenarbeitszeit um 2,5 auf 37,5 Stunden.

Ja, mit ganz knapper Mehrheit und gewaltigem Streit auch innerhalb der IG Metall.

Hätten Sie sich ein anderes Votum gewünscht?

Na ja. Bei einem Kleinwaffenproduzenten kann man wohl sagen, dass der Belegschaft die Pistole auf die Brust gesetzt worden ist. Unbezahlte Mehrarbeit leistet niemand gerne. Da geht es wohl um die Frage: Wie rette ich »mein« Unternehmen über die nächsten zwei, drei Jahre?

Wie schwer wiegen die angesprochenen Verbindlichkeiten?

Im letzten Jahrzehnt hat Heckler & Koch einen Kredit in dreistelliger Millionenhöhe und mit exorbitant hohen Zinszahlungen aufnehmen müssen. Das führte dazu, dass zuletzt jährlich etwa elf Millionen Euro an Zinsen fällig wurden – für ein mittelständisches Unternehmen ein stattlicher Betrag.

Das Bilanzjahr 2018 war durchweg eine Katastrophe für den Konzern. Die Führung rechnete damit, den Zuschlag für das Nachfolgemodell des Gewehres »G-36« der Bundeswehr zu erhalten. Genau das passierte nicht. Dafür legte man sich mit dem Bundesverteidigungsministerium an, mit der Begründung, die Auftragsstellung sei falsch gewesen (siehe jW vom 6.5.). Wie abstrus. Egal wo man hinschaut, es knirscht bei Heckler & Koch.

Und da reden wir bislang noch nicht von dem Urteil von Anfang des Jahres, als es um illegale Waffenlieferungen nach Mexiko ging.

Mit dem Urteil des Landgerichts Stuttgart infolge meiner Strafanzeige ist es das erste Mal in der bald 70jährigen Firmengeschichte gelungen, Mitarbeiter zur Rechenschaft zu ziehen und das Unternehmen zu einer Strafzahlung von 3,7 Millionen Euro zu verdonnern. Das war ein eindeutiger Beleg für illegale Waffengeschäfte in Mexiko (siehe jW vom 22.2.).

Man muss aber festhalten: Das mögliche »Desaster« von Heckler & Koch ist nicht gleichbedeutend mit einem Erfolg für die Friedensbewegung. Aufrüstung ist in aller Munde, was die Kassen vieler Rüstungskonzerne klingeln lässt.

Das stimmt. Aber immerhin: Wir reden bei Heckler & Koch vom führenden deutschen Hersteller von Kleinwaffen. Dieses Unternehmen hat mit seiner skrupellosen Rüstungsexportpolitik dazu beigetragen, dass in den vergangenen Jahrzehnten mehr als zwei Millionen Menschen durch Schüsse aus Heckler-&-Koch-Waffen umgekommen sind. Weitere sechs bis sieben Millionen Menschen überlebten solche Angriffe teils schwer verstümmelt oder traumatisiert. Und nun geht es um die ernsthafte Frage, ob diese Firma pleite geht.

Bundesministerin Ursula von der Leyen verteidigte zuletzt durch ihr Pochen auf einen steigenden deutschen Wehretat die Profitinteressen deutscher Rüstungskonzerne. Nun soll sie EU-Kommissionspräsidentin werden. Wie haben Sie diese Nachricht aufgefasst?

Ich kann in keiner Weise nachvollziehen, dass diese Person, die das – um im Bild zu bleiben – Bundeswehrdesaster zu verantworten hat – milliardenschwere Fehlinvestitionen, der Fall »Gorch Fock« und vieles weitere –, für diesen zentralen Job im Gespräch ist. Eine Verteidigungsministerin, die stramm den NATO-Kurs fährt, zur Führungsperson Europas zu machen – schlimmer geht’s nimmer.

Jürgen Grässlin ist Vorsitzender des Rüstungsinformationsbüros sowie Sprecher der Kampagne »Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!« und der »Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen«

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