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Aus: Ausgabe vom 10.07.2019, Seite 15 / Antifa
Steigende Gefahr von rechts

»Nächste Monate werden supergefährlich«

Robert Andreasch warnt anlässlich Preisverleihung in München vor Eskalation rechter Gewalt
Von Kristian Stemmler
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Beamte führen Stephan Ernst (M.), den mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU), nach einem Haftprüfungstermin beim Bundesgerichtshof ab (Karlsruhe, 2.7.2019)

Infolge des mutmaßlich von einem Neonazi begangenen Mordes am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) Anfang Juni kann die von der militanten Rechten ausgehende Gefahr nur schwer geleugnet werden. So warnte auch der Journalist Robert Andreasch, der sich seit mehr als 25 Jahren mit jener Szene befasst, vor einer Eskalation der Gewalt. »Die nächsten Monate werden supergefährlich«, zitierte die Süddeutsche Zeitung vom 3. Juli aus seiner Rede anlässlich der Verleihung des Publizistikpreises der Stadt München an ihn. Die »Ausgrenzungs- und Vernichtungsstrategie« der Neonaziszene sei immer schon mit Gewalt verknüpft gewesen. Doch inzwischen rede die Rechte offen vom Bürgerkrieg, vom »Tag X«. »Jetzt brechen alle Dämme«, sagte Andreasch. Es sei eine kollektive wie individuelle Radikalisierung zu beobachten.

In der Begründung der Jury für die Verleihung des alle drei Jahre vergebenen Preises heißt es, der Fachjournalist und studierte Soziologe, der das Pseudonym Robert Andreasch zu seinem Schutz verwendet, habe »viele im dunkeln agierende Rechtsextreme und ihre Aktivitäten ans Licht gebracht«. Seine »Vor-Ort-Recherchen« hätten bisher unbekannte Vernetzungen, Kontakte und Treffpunkte aufgedeckt und belegt. Wochenlang – und im Falle des NSU-Prozesses jahrelang – habe Andreasch im Gerichtssaal die Verhandlungen gegen Neonazis und Rechtsterroristen protokolliert, zum Beispiel den Prozess gegen Martin Wiese und weitere Mitglieder des »Freien Netzes Süd« wegen eines geplanten Sprengstoffanschlages auf die Grundsteinlegung des Jüdischen Zentrums München am 9. November 2003.

Seit mehr als 25 Jahren dokumentiere Andreasch die Entwicklung der »rechtsextremen Szene« »in München, in Bayern, in ihrer oftmals deutschlandweiten und internationalen Vernetzung«. Er sei der wichtigste Rechercheur der »Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle« (A.I.D.A.). Von der Jury wurde der Journalist dafür gelobt, in seinen Publikationen zu zeigen, dass er »nicht nur ein couragierter, investigativer Rechercheur« sei, sondern »aus profunder Detailkenntnis Beiträge von historischer und analytischer Tiefe« formuliere. In der rechten Szene sei Andreasch »bestgehasst«, heißt es in der Begründung weiter. Schon mehrfach wurde der Journalist bedroht und auch bereits körperlich angegriffen. Sein Pseudonym wurde 2004 durch eine Anzeige gegen ihn in der Szene bekannt. Seitdem ist er insbesondere auf den Internetseiten und -foren der Faschisten eine ständige Zielscheibe von Verleumdungen und Rufmordkampagnen.

In ihrer Laudatio erklärte die Journalistin Mesale Tolu, der Kampf gegen die extreme Rechte sei »eine Aufgabe von uns allen, wir müssen sie annehmen«. Es gelte, die Pressefreiheit als Basis der Demokratie zu verteidigen, sagte Tolu, die wegen ihrer Recherchen im April 2017 in der Türkei inhaftiert worden war, im Dezember freigelassen wurde, aber erst im August 2018 in die BRD ausreisen durfte. Sie forderte, »mit offenen Augen und gespitzten Ohren« durch Deutschland zu gehen, so wie Andreasch dies tue.

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