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Aus: Ausgabe vom 27.06.2019, Seite 8 / Inland
Flüchtlingslager in Bayern

»Es wird keine Kritik an Sammelunterkunft geduldet«

Geflüchteter verliert Job als Dolmetscher in »Ankerzentrum« nach Interview mit Bayerischem Rundfunk. Gespräch mit Thomas Bollwein
Interview: Gitta Düperthal
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Die »Ankunfts- und Rückführungseinrichtung« für Asylbewerber auf dem ehemaligen Gelände der US Army in Bamberg (6.11.2015)

Seit 14 Monaten lebt der Geflüchtete Amir T. im »Ankerzentrum« in Bamberg. Dort arbeitete er als Dolmetscher, bis ihm vor kurzem der Job gekündigt wurde. Was ist passiert?

Amir T. war vom Bayerischen Rundfunk zu den Zuständen in der Einrichtung interviewt worden. Wenige Tage nach Veröffentlichung des Berichts kündigte ihm die Lagerleitung, vermutlich angewiesen von der Bezirksregierung von Oberfranken, seine Übersetzerarbeit. An diesem 13. Juni schickte ihn die Koordinatorin des Medizinischen Dienstes der Unterkunft mit der Begründung weg, er dürfe aufgrund des Interviews beim BR nun nicht mehr dort arbeiten. Die Flüchtlingsunterstützerin Ulrike Tontsch vom Bamberger Verein »Freund statt fremd« fragte daraufhin nach, was das denn solle. Sie erhielt aber keine Antwort – aufgrund von Datenschutz, wie es hieß. Aus unserer Sicht zeigt das ganz klar, dass keine Kritik an der Sammelunterkunft geduldet werden soll.

Was genau schilderte Amir T. im besagten Interview?

Die Regierung von Oberfranken betont stets, dieses große Lager, in dem zur Zeit 1.143 Personen untergebracht sind, sei nur für einen kurzen Aufenthalt gedacht. Amir und manch andere sind aber länger als ein Jahr dort. Es hat den Verantwortlichen wohl nicht gepasst, dass dies nun bekannt wurde.

Amir berichtete unter anderem, dass nach einem langen und beschwerlichen Fluchtweg durch Flüsse, in Lastwagen, etc. und der folgenden Ankunft in Bayern alles sehr schnell gehen muss. Als Geflüchteter habe man keine Zeit, das zu verarbeiten, sondern müsse sich häufig unmittelbar in einem sogenannten Hauptinterview zum gestellten Asylantrag äußern. Dann erfolge oft ebenso schnell die Ablehnung und daraufhin für viele ein langes Leben im Ankerzentrum. Denn im Fall einer Klage gegen die Entscheidung der Behörden kann es Jahre dauern, bis das Verwaltungsgericht endgültig entscheidet. Weiterhin schilderte Amir, jede Nacht sei Weinen und Schreien zu hören, während die Polizei Menschen abschiebt. Das führe wiederum auch für die meisten anderen Bewohner zu schlaflosen Nächten. Wir vom Flüchtlingsrat sind der Ansicht, dass die dort lebenden Menschen Gelegenheit bekommen müssen, sich über ihre Erfahrungen in der Einrichtung zu äußern. Es kann nicht sein, dass ihnen auferlegt wird, über die Zustände zu schweigen.

Dolmetschen ist eine anspruchsvolle Tätigkeit, wird im Lager aber schlecht bezahlt. Wieso machen das Geflüchtete dennoch?

Sie unterliegen in bayerischen »Ankerzentren« in der Regel einem Arbeitsverbot. Die wenigen Beschäftigungsmöglichkeiten dort, wie zum Beispiel Dolmetschertätigkeit oder Küchenhilfe, werden mit 80 Cent pro Stunde entlohnt. Es ist für die Bewohnerinnen und Bewohner oftmals die einzige Möglichkeit, ihrem eintönigen Alltag eine Struktur zu geben. Amir kann sehr gut Englisch und war vor seiner Flucht Lehrer im Iran. Insofern konnte er beim Medizinischen Dienst im Lager gut übersetzen. Er war froh, wenn er so anderen helfen konnte.

Davon abgesehen, können Geflüchtete dazu verpflichtet werden, eine solche Arbeit anzunehmen. Ansonsten droht ihnen eine Kürzung der Sozialhilfe. Das passiert allerdings fast nie, weil die meisten eine Arbeit aufnehmen – auch weil es sie von ihrer unsicheren Situation ablenkt.

Gab es Reaktionen darauf, dass Amir T. mit dem Verlust seines Jobs bestraft wurde, weil er ein Interview gegeben hat?

Es gab Solidaritätsaktionen von anderen Geflüchteten, die Persisch dolmetschen. Die meisten von ihnen legten daraufhin ihre Arbeit nieder. Der Entzug der Beschäftigungsmöglichkeit ist aus unserer Sicht eine typische Maßnahme der Regierung von Oberfranken: Sie zermürben so die Menschen in der Einrichtung, so dass diese am Ende »freiwillig« ausreisen. Das ist letztlich das Ziel der ganzen Abschreckungsstrategie.

Thomas Bollwein ist Mitarbeiter des Bayerischen Flüchtlingsrats und dort zuständig für die »Ankerzentren«