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Aus: Ausgabe vom 26.06.2019, Seite 6 / Ausland
FAO China

Beijings Einfluss wächst

Erstmals Chinese an Spitze der Welternährungsorganisation gewählt
Von Jörg Kronauer
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Der neue Generaldirektor der FAO, Qu Dongyu, am Sonntag in der Zentrale in Rom

Am Sonntag ist zum ersten Mal ein Chinese an die Spitze einer der großen UN-Organisationen gewählt worden. Qu Dongyu, stellvertretender Landwirtschaftsminister der Volksrepublik China, wird ab dem 1. August als Generaldirektor die Welternährungsorganisation FAO leiten. Er tritt die Nachfolge des Brasilianers José Graziano da Silva an, der nach zwei Amtsperioden nicht mehr kandidieren durfte. Die FAO unterstützt Entwicklungs- und Schwellenländer bei der Modernisierung ihrer Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft. Mit ihren rund 3.400 Mitarbeitern bearbeitet sie damit ein weites Feld, zumal der Bedarf an Nahrung mit der Weltbevölkerung zunimmt, die Schätzungen zufolge von heute ca. 7,7 Milliarden Menschen auf 9,7 Milliarden im Jahr 2050 wachsen wird. Die FAO-Zentrale in Rom verwaltet gegenwärtig einen Etat von 2,6 Milliarden US-Dollar für die Jahre 2018 und 2019.

Bemerkenswert ist, dass Qu aus dem scharf geführten Machtkampf um die FAO-Spitze schon im ersten Wahlgang als klarer Sieger hervorgehen konnte. Von den 194 Mitgliedstaaten der Organisation stimmten 108 gleich in der ersten Runde für ihn, eine Stichwahl war nicht notwendig. Das kann als eindeutige Niederlage für die westlichen Mächte und vor allem für die EU gesehen werden. Die Union, die bereits im Jahr 2011 mit ihrem damaligen Kandidaten, dem ehemaligen spanischen Außenminister Miguel Ángel Moratinos, knapp gescheitert war, kam diesmal mit der französischen Agrarökonomin Catherine Geslain-Lanéelle, ehemals Leiterin der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), auf lediglich 71 Stimmen. Das lag auch daran, dass die USA mit dem Georgier Davit Kirvalidze einen eigenen Kandidaten unterstützt und damit das westliche Votum gespalten hatten. Kirvalidze, Anhänger einer hemmungslosen Privatisierungspolitik, erhielt lediglich zwölf Stimmen. Festzuhalten bleibt jedoch, dass selbst ein geeinter Westen diesmal gegen China verloren hätte.

Für Beijing ging es bei der Wahl um drei Dinge. Bislang hatten Chinesen lediglich in kleineren, meist technischen UN-Sonderorganisationen Spitzenposten inne. Aktuell kommen die Vorsitzenden der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) und der UN-Organisation für Industrielle Entwicklung (UNIDO) aus der Volksrepublik. Qus Wahl am Sonntag hat gezeigt, dass Chinas Einfluss inzwischen auch in großen UN-Organisationen wächst. Daneben ist die Landwirtschaft insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent ein Geschäftsfeld, das zunehmend auch chinesische Unternehmen beackern – wobei die im Westen beliebten Vorwürfe, China betreibe »Landgrabbing« im großen Stil, so nicht zutreffen. Laut Recherchen der US-Wissenschaftlerin Deborah Brautigam von der renommierten Johns Hopkins University haben chinesische Firmen gerade einmal vier Prozent jenes afrikanischen Farmlands erworben, dessen Übernahme ihnen westliche Medien unterstellen. Drittens geht es wohl auch darum, mit einem chinesischen FAO-Generaldirektor die schon jetzt engen Beziehungen zwischen Afrika und China zu fördern und Beijing damit Vorteile im globalen Machtkampf mit dem Westen zu sichern.

In Deutschland fielen die Reaktionen auf die Wahl Qus wenig positiv aus. Die Leitmedien ergingen sich am Sonntag in abfälligen Kommentaren. So wurde ohne Belege behauptet, Qu könne »industrielle Nahrungsmittelproduktion mit viel Chemie begünstigen« – ein interessanter Vorwurf aus dem Land von Bayer und BASF. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) dagegen wies umgehend darauf hin, Deutschland sei »viertgrößter Geber der FAO«. Die Bundesregierung wolle sich »auch zukünftig inhaltlich prominent einbringen« und lege vor allem auch »Wert darauf, personell an der Spitze (der Organisation, jW) vertreten zu sein«. »Ich werde dazu dem neuen Generaldirektor Vorschläge machen«, so Klöckner weiter. Die Bundesrepublik zahlt aktuell rund 26,2 Millionen Euro pro Jahr in den FAO-Haushalt ein – für ein reiches Land ein Kleckerbetrag, der aber immerhin ausreicht, Ansprüche auf Spitzenposten in der FAO-Bürokratie zu stellen.

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