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Aus: Ausgabe vom 20.06.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

»Persönlicher Hotspot«

Einstiegsdroge Fußball-WM der Frauen
Von Bifi Gerschner
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»Bemerkenswertes über Marta«: Die sechsmalige Weltfußballerin (Nr. 10) bejubelt ihr 17. WM-Tor (74.), das einzige im Spiel gegen Italien

Ich bin kein Fußballfan, brenne für keinen Verein, habe auch in der Kindheit nie gekickt. Hin und wieder gucke ich Torjubelszenen, aber schon da kommt mir das Spielfeld manchmal riesig vor, und ich verliere die Übersicht. Dass eine Fußball-WM der Frauen stattfindet, habe ich im Radio gehört. Es klang interessant. Das Eröffnungsspiel war dann auch faszinierend, aber das Auftaktspiel der Deutschen habe ich verpasst. Wie konnte das passieren? Die Eigenanalyse ergab, dass ich Fernsehen nicht gewohnt bin und der Alltag mich zu sehr abgelenkt hatte. Wieder Meldungen im Radio: 13 Tore für die USA! In einem Spiel?! Was für eine fulminante WM, dachte ich, und schaute das zweite Spiel der Deutschen. Da erklärte die Kommentatorin eine neue Regel beim Abseits. Interessant: Das Neue dabei ist, dass die alte weiterhin existiert, aber erst später gepfiffen wird, also erst, nachdem der Spielzug abgeschlossen ist, alle schön weitergerannt sind und sich vielleicht auch kurz über ein Tor gefreut haben.

Am Dienstag wollte ich nun Italien gegen Brasilien gucken. Die Uhr bis zum Anpfiff lief rückwärts wie beim Start einer »Ariane«-Rakete. Hürde um Hürde des Tages nahm ich, alles lief reibungslos, dann saß ich kurz vor 21 Uhr vor dem Fernseher. Erst ARD – da war kein Grün zu sehen. Also: ZDF, auch da nur Reportagen. Was war passiert, ich war doch vorbereitet? Im Internet war zu erfahren, dass das Spiel nur im Livestream zu sehen sei. Das war’s, war mein erster Gedanke – bei meiner holprigen Internetverbindung. Ich probierte es trotzdem. Nach zehn Sekunden kam Musik in Endlosschleife: »Keine Übertragung möglich«. Übers Handy schaffte ich fünf Minuten, dann war das Datenvolumen erschöpft.

Das Spiel war bestimmt grandios, also kaufte ich einen »Special boost« beim Handyanbieter, 100 GB für 24 Stunden. Damit konnte ich einen »persönlichen Hotspot« kreieren, und endlich lief die Partie auf dem Laptop. Der Kommentator erklärte Bemerkenswertes über die Brasilianerin Marta. Unerwähnt blieb, dass sie Lippenstift trug, als einzige. Warum, weiß vielleicht nur sie selbst. Verblüffend war, dass ich auf einmal taktische Positionen erkennen konnte. Ich kann jetzt 4-3-3 von 4-4-2 unterscheiden. Wie ein richtiger Druffi. Wie ein Spürhund, der eine Fährte aufgenommen hat und auf dem Weg ist.

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