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Aus: Ausgabe vom 21.06.2019, Seite 16 / Sport
Sportförderung

Welche Alternativen?

Eine Studie kritisiert eine Militarisierung des Sports durch Bundeswehrförderung
Von Oliver Rast
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Militärischer Einsatz unwahrscheinlich: Langstreckenläuferin Ulrike Maisch

Bei der Bundeswehr zu sein ist ein Privileg. Jedenfalls für Sportler, die Medaillenambitionen bei Olympia haben. Das Militär ist hierzulande größter staatlicher Förderer des Hochleistungssports. Und daran gibt es Kritik.

»Nie wieder Sport und Militär!« – von einer Demilitarisierung des Spitzensports, die eine Lehre aus dem Faschismus war, »sieht man heute ab«, schreibt die Politikwissenschaftlerin Lisa Klie. Sie legte Ende April die Studie »Militarisierung durch Spitzensport. Die Spitzensportförderung der Bundeswehr« im Rahmen eines Praktikums bei der Tübinger Informationsstelle Militarisierung (IMI) vor. Mit der Studie will sie zeigen, »wie eng der deutsche Spitzensport mit dem Militär verbunden ist und wie die Bundeswehr den Sport als Rekrutierungsmedium benutzt«.

Die Verquickung von Bundeswehr und Leistungssport geht auf einen Bundestagsbeschluss von 1968 zurück. Darin wurde die Bundesregierung aufgefordert, »zur Förderung von Spitzensportlern bei der Bundeswehr Fördergruppen einzurichten, die so weit wie möglich an Leistungszentren der Sportverbände angelehnt werden sollten«. 1971 veröffentlichte das Bundesverteidigungsministerium erstmals »Regelungen für die Spitzensportförderung in der Bundeswehr«.

Zu den Eckdaten: Mit einem Etat von knapp 36 Millionen Euro (2019) vergibt die Bundeswehr aktuell 823 Dienstposten in der Spitzensportförderung. Die meisten der sogenannten Förderplätze sind mit Sportlern besetzt, davon 255 Frauen und 437 Männer. 48 Trainer und 13 Physiotherapeuten besetzen die restlichen Förderplätze. Damit werden sogar mehr Förderplätze als die 2012 festgelegte Zielmarke von 744 belegt. 30 Dienstposten sind für nicht-zivile Militärsportarten und 43 Stellen für das Führungspersonal der 15 Sportfördergruppen der Bundeswehr vorgesehen. Das Gros der 1.200 staatlichen Stellen der Spitzensportförderung stellt, neben der Bundespolizei, Landespolizeien und dem Zoll, die Bundeswehr.

Die Auswahl ist elitär: Nur Sportler der Nationalteams aus den klassifizierten Bundeskadern werden vom jeweiligen Sportverband in Absprache mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) für eine der Sportfördergruppen vorgeschlagen. Knapp 2.600 Euro brutto verdienen Sportsoldaten durchschnittlich im Monat.

Olympisches Edelmetall sei der Gradmesser des Erfolges, betont die Bundeswehr. 30 Prozent der Olympioniken bei den Sommer- und 59 Prozent bei den Winterspielen beziehen aktuell Sold vom Bund, hat Klie recherchiert. Dadurch werden diese Sportevents »zunehmend zu Militärfestspielen und zur Darbietung militärischer Stärke«, tadelt die Autorin.

Und die Athleten? Der Fechter Maximilian Hartung, Sprecher der Athletenkommission im DOSB, sagte noch im Februar 2017 im Interview mit der FAZ: »Ich halte die Bundeswehr nicht für ein besonders gutes Instrument der Sportförderung.« Nach Klie werden Aktive in der Rolle als Sportsoldaten zu »Werbemaskottchen«: »Die Bundeswehr rückt sich in ein gefährliches Licht eines spaßigen Vereins, ohne über die Auswirkung und Folgen von Kriegseinsätzen aufzuklären.« Geschlechtergerechtigkeit ist in der Bundeswehr mit ihren patriarchalen Strukturen nicht in Sicht, so die Autorin.

Nicht sehr treffsicher reagierte die Presseabteilung der Streitkräftebasis. Eine Sprecherin ignorierte den Inhalt der jW-Anfrage nach der »Militarisierung des Sports durch die Bundeswehr« und verwies statt dessen auf die »Wertschätzung« der Bundeswehr, die mit der »Auszeichnung ›Spitzensportfreundlicher Betrieb‹ durch die Sportministerkonferenz, den Deutschen Industrie- und Handelskammertag und DOSB im November 2018« erfolgt sei.

Mit der IMI-Studie konfrontierte Sportpolitiker waren gegenüber jW präziser. »Es muss ausreichende Alternativen für Athleten geben, die sich nicht mit den Werten der Bundeswehr identifizieren«, fordert Britta Dassler, sportpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, ohne die Bundeswehr als Förderinstrument des Spitzensports abschaffen zu wollen. Ihr SPD-Kollege Detlev Pilger sieht keine »Militarisierung des Sports« durch die Bundeswehr. Schließlich sei die Teilnahme an den Förderprogrammen freiwillig und ein militärischer Einsatz unwahrscheinlich. Dass die Bundeswehr über die Spitzensportförderung PR macht, »kann man durchaus kritisch sehen«, meint Monika Lazar, sportpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. »Wichtig ist«, betont sie, »dass es ausreichend zivile und vergleichbar finanziell ausgestattete Alternativen in der staatlichen Sportförderung gibt.«

Das findet auch Klie, aber genau hier hapert es. Denn welche Alternativen können Topathleten wählen? Der Bundestag hat das Budget für die Athletenförderung der Stiftung Sporthilfe mit sieben Millionen Euro 2019 fast verdoppelt, die monetäre Unterstützung von einigen 100 Euro monatlich pro Sportler bleibt aber weit hinter dem Salär von Sportlern in Flecktarn zurück. Klie: »Durch fehlende und vergleichbare Alternativen in der Spitzensportförderung besteht fast schon ein Zwang, der Bundeswehr beizutreten«, ob man nun Kriegsgegner ist bzw. war oder nicht. Ein erschreckender Normalisierungsprozess sei die zunehmende Akzeptanz der Bundeswehr als Sportförderer, und das, so Klies Fazit, »treibt eine schleichende Militarisierung der Gesellschaft voran«.

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