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Aus: Ausgabe vom 18.06.2019, Seite 5 / Inland
Bahn

Viel Geld für Rückstand

Investitionen in deutschen Schienenverkehr auf Rekordhoch – im Ländervergleich trotzdem auf drittletztem Platz
Von Efthymis Angeloudis
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Alle Schienen besetzt. Eisenbahninfrastruktur ist laut Allianz Pro Schiene ausgelastet

Die Investitionen in den deutschen Schienenverkehr wachsen, doch im internationalen Landesvergleich steht die Bundesrepublik immer noch schlecht da. Mit seinen Pro-Kopf-Investitionen in die Eisenbahninfrastruktur landet Deutschland im Ranking zehn führender Volkswirtschaften in Europa auf dem drittletzten Platz, teilte der Verein Allianz pro Schiene am Montag in Berlin mit. Pro Bürger seien im vergangenen Jahr 77 Euro in die Schieneninfrastruktur geflossen. Im Jahr 2014 seien es gerade mal 49 Euro gewesen.

Weniger werde in den Zugverkehr nur in Spanien (29 Euro) und Frankreich (40 Euro) investiert. Spanien habe aber bereits in der Vergangenheit große Summen für den Bahnverkehr aufgebracht und »ruhe sich nun auf seinen Lorbeeren aus«. In Frankreich werden Investitionen in sogenannten Public Private Partnerships (PPP) getätigt, die nicht von den Investitionsberechnungen erfasst werden. Spitzenreiter ist die Schweiz mit 365 Euro pro Kopf, gefolgt von Österreich mit 218. In den beiden Alpenländern treiben allerdings unter anderem Tunnelbauten die Kosten.

Seit 2007 stellt die Allianz pro Schiene jährlich den Pro-Kopf-Investitionsvergleich vor. Mitte des letzten Jahrzehnts stand es laut Dirk Flege, Geschäftsführer des Vereins, besonders schlecht um den Schienenverkehr. 2007 lag die Investitionshöhe bei gerade mal 39 Euro pro Kopf. »Das war die Zeit von Privatisierungen. Die Deutsche Bahn wollte an die Börse, und es gab einen erheblichen Teil der Politik, aber auch des Bahn-Managements, der der Meinung war, je weniger man in die Schieneninfrastruktur investiert, desto effizienter ist der Schienenverkehr.« Diese Zeiten sind laut Flege längst vorbei. Vor allem weil Deutschland, durch diese investitionsschwache Periode in Nachholzwang geraten ist.

»Heute ist mir niemand mehr bekannt, der der Meinung ist, dass, wenn der Staat wenig in die Infrastruktur investiert, das ein Erfolgsindikator sei. Bundesverkehrsminister rühmen sich heute eher mit Rekordinvestitionen«, sagte Flege in Anspielung auf Andreas Scheuer (CSU). Tatsächlich hat die BRD noch nie so viel in die Schieneninfrastruktur investiert wie 2018. Ganze 6,383 Milliarden Euro flossen in den Bahnverkehr. Was kommt am Ende aber dabei raus? Nicht viel, wenn man der Allianz und der Unternehmensberatung SCI Verkehr Glauben schenken kann. »Heute sieht man die Folgen der vielen Jahre der Unterfinanzierung. Die Infrastruktur platzt aus allen Nähten«, sagte Maria Leenen von CSI Verkehr. So seien gerade mal 100 Kilometer des digitalen Verkehrsleitsystems ETCS (European Train Control System) verbaut worden. »Menschen wollen mehr Bahn fahren, können es aber nicht«.

Eine Umfrage, die die Allianz Pro Schiene bei Civey in Auftrag gegeben hatte, zeigte, dass es in den letzten Jahren auch in der Bevölkerung einen Gesinnungswandel gab: 44 Prozent der 3.065 Befragten gaben an, dass die Politik mehr in den Schienenverkehr investieren solle. Weniger als jeder Vierte sagte dies vom Straßenverkehr. Wünschte sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland noch bis vor zwei Jahren den Ausbau von Schiene und Straße in gleichem Ausmaß, bilden die Menschen, die der Schiene in der Verkehrspolitik den Vorrang geben, heute die Mehrzahl.

Seit Jahrzehnten versprechen Verkehrsminister mehr Verkehr auf der Schiene, doch trotz Rekordinvestitionen und Bekenntnissen zum Klimaschutz kommt die Verkehrswende in Deutschland nicht richtig voran. Die Investitionen stiegen seit 2014 exorbitant – der Abstand zu den Ländern, die Deutschland seit vielen Jahren vorausgeeilt sind, lässt sich aber nur noch sehr schwer aufholen. »Wir sind weiterhin Nachzügler in Europa. Weit abgeschlagen von Vorzeigeländern wie Schweiz, Österreich oder Schweden«, monierte Flege. Und auch Leenen stimmte dem bei: »Eisenbahn geht nicht schnell-schnell. Man kann Fehler nur schwer auskorrigieren.«

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