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Aus: Ausgabe vom 29.06.2019, Seite 6 / Ausland
Krieg in Libyen

Überraschender Vorstoß

Der von Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützte libysche Warlord Haftar hat einen wichtigen Stützpunkt verloren
Von Knut Mellenthin
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Ein zerstörter Panzer von Haftars Truppen in Garian am Donnerstag

Im Krieg in Libyen haben die Truppen des Warlords Khalifa Haftar in dieser Woche mehrere Niederlagen erlitten. Damit könnte dessen Anfang April gestarteter Versuch, die Hauptstadt Tripolis zu erobern, vor dem Scheitern stehen.

Ein besonders schwerer Rückschlag für den 75jährigen US-Bürger, der lange Zeit für den Auslandsgeheimdienst CIA gearbeitet hat, ist der Verlust der Stadt Garian. Mit deren Einnahme hatte am 2. April Haftars Offensive gegen den Sitz der von die zwar international anerkannte, aber nicht demokratisch legitimierte Regierung von Fajes Al-Sarradsch begonnen. Garian hat fast 200.000 Einwohner und liegt ungefähr 90 Kilometer südlich der libyschen Hauptstadt Tripolis an einem Knotenpunkt strategisch wichtiger Straßenverbindungen. Hier befanden sich die Leitzentrale der Offensive und ein Stützpunkt für Militärhubschrauber. Existentiell wichtig für den Angriff auf die Landeshauptstadt war Garian vor allem, weil über die Stadt ein großer Teil des Nachschubs lief, der überwiegend aus Ostlibyen herangeschafft werden musste. Dort, in der Nähe der Hafenstadt Bengasi, liegt das Hauptquartier des Warlords.

Haftar hatte sich mit seiner Privatarmee im Sommer 2014 in den Osten des Landes zurückgezogen, nachdem unabhängige, meist nur lokal verankerte Milizen ohne gemeinsames Oberkommando seinen Versuch vereitelt hatten, in Tripolis einen Putsch anzuzetteln. Der Warlord brauchte mehrere Jahre, um sich in Bengasi gegen die örtlichen, überwiegend fundamentalistisch geprägten Kräfte durchzusetzen. Erschießungen von Kriegsgefangenen und politischen Gegnern gehören nach vielfachen Aussagen ebenso zu den Praktiken seiner Truppen wie Folterungen in Lagern und Haftanstalten.

Bengasi ist über 1.000 Straßenkilometer von Tripolis entfernt. Daraus ergaben sich von Anfang an erhebliche Nachschubprobleme für Haftars Offensive gegen die Hauptstadt. Möglich war sie überhaupt nur dadurch, dass der Warlord sich die Kollaboration westlibyscher Milizen und Stammeskrieger erkauft hatte. Über Finanzmittel verfügt er reichlich, weil zu seinen Unterstützern neben dem Militärregime des Nachbarlandes Ägypten auch die Vereinigten Arabischen Emirate gehören. Beide Staaten liefern dem Warlord nach Erkenntnissen der UNO auch alle Arten von Kriegsgerät, obwohl seit 2011 ein Waffenembargo besteht. Auf der anderen Seite werden die Regierung in Libyen und die mit ihr verbündeten Milizen angeblich von der Türkei und Katar ausgerüstet.

Haftars Anfang April begonnene Offensive kam über einige südliche Vororte der Hauptstadt nicht hinaus. Andererseits verliefen auch mehrere »große Gegenoffensiven«, die die Regierung angekündigt hatte, im Sande, so dass es seit Wochen kaum noch Verschiebungen der Front gab. Nach Zählung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), einer Behörde der Vereinten Nationen, waren bis zum 20. Juni 691 Menschen, darunter 41 Zivilisten, getötet und mehr als 4.000 verletzt worden. Etwa 94.000 Bewohner der südlichen Vororte der Hauptstadt wurden, Angaben der WHO zufolge, durch die Kämpfe vertrieben.

Die am weitesten vorgeschobene Position von Haftars Truppen war der ehemalige internationale Flughafen von Tripolis, der bei den Kämpfen im Sommer 2014 schwer beschädigt wurde und seither unbenutzbar ist. Auch dieser Stützpunkt soll dem Warlord jetzt verlorengegangen sein.

Die Rückeroberung von Garian gelang am Mittwoch durch einen überraschenden Vorstoß, der nicht länger als 24 Stunden gedauert haben soll. »Dutzende« Angehörige von Haftars Truppen sollen dabei getötet worden sein. Im Internet sind Fotos von mindestens 18 Gefangenen, darunter angeblich auch Söldner aus dem Sudan und dem Tschad, zu sehen. Die Einnahme der Stadt sei durch die Beteiligung bewaffneter Einwohner erleichtert worden, behauptet die Regierung in Tripolis. Auch ein Sprecher Haftars erwähnte »Schläferzellen«, die die Gegner in Garian aktiviert hätten.

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