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Aus: Ausgabe vom 15.06.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Joyce ohne Grenzen

Der Bloomsday zwischen Spektakel und Posthumanismus
Von Jürgen Schneider
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Wer von den dreien hat wohl den »Ulysses« gelesen?

Am 16. Juni 1954 versammelten sich in Dublin einige trinkfreudige Wortwerker zu einem Ausflug nach Sandymount zum Martello Tower, zu jener Befestigung an der »rotzgrünen Irischen See« also, in der James Joyce das erste Kapitel seines Ein-Tages-Romans »Ulysses« von 1922 ansiedelte. Die Dichter Patrick Kavanagh und John Ryan waren dabei sowie Flann O’Brien. Die Bloomsday-Pilger, so der Dubliner Senator David Norris, hätten auf dem Weg zu ihrem Bestimmungsort an so vielen Pubs Halt machen müssen, dass sie schließlich kaum noch hätten stehen können. Endlich am Turm angekommen, habe das Ganze schließlich darin gegipfelt, dass sich Kavanagh und Flann O’Brien aus Versehen gegenseitig anpinkelten. Norris weiter: »Deswegen muss ich manchmal lachen, wenn die Bloomsday-Veteranen schimpfen, der Bloomsday wäre heutzutage zu einem Massenereignis geworden, das den ›Ulysses‹ vulgarisiert. Ich meine, was wir heute machen, ist doch kaum so vulgär wie der Bloomsday im Jahr 1954.«

In der Tat, dasselbe Dublin, dem Joyce im Jahre 1904 aus Überdruss an der »Stadt des Versagens, der Ranküne und der Unglückseligkeit« den Rücken kehrte, begeht den 16. Juni, an dem die Romanhandlung spielt, mit edwardianischem Kostümklamauk und karnevaleskem Spektakel. In diesem Jahr soll die Stadt im Mittelpunkt stehen und mit Whiskey- und anderen Führungen erkundet werden, wohin es den jüdischen Jedermann Leopold Bloom, dieses »Riesenroß von einem Außenseiter«, den Protagonisten des tausendseitigen Jahrhundertwerks an jenem 16. Juni 1904 verschlagen hat. Da spielt es auch keine Rolle, dass die Originalschauplätze nahezu alle verschwunden sind, die Stadtplanungsvandalen ganze Arbeit geleistet haben. Zu den diesjährigen Höhepunkten des Dubliner Bloomsday-Spektakulums gehören die Events »Bloomsday Body Painting Jam« und »Bloomsday Blowout Cabaret«. Vor Jahren schon konnten wir in der Irish Times lesen, der Bloomsday sei ein brillantes Marketingdatum, und da Literatur eine Ware sei, spiele es auch keinerlei Rolle, ob man das Werk gelesen habe oder nicht, Hauptsache der Name des Autors werde immer wieder ins Spiel gebracht. Joyce als Marke.

Der Verleger Daniel Brody schrieb im Dezember 1948 an den österreichischen Schriftsteller Hermann Broch, dem Joyce geholfen hatte, den Nazis zu entkommen, der »Ulysses« sei trotz seiner Weltberühmtheit nirgends ein Bestseller geworden. »Die Berühmtheit stammt daher, daß die Eingeweihten und die Wissenden sich heimlich zuflüsterten: Ja, der Ulysses! Erst als es ein öffentlicher Skandal wurde, daß jedermann von Ulysses sprach und kein Mensch ihn gelesen hatte, wurde die Weltberühmtheit von Joyce begründet.«

Weltweit sind Wissende und Eingeweihte mit der professionellen Entschlüsselung dieser ins Universelle gesteigerten Dubliner Odyssee befasst. Zweifellos hat die internationale Joyce-Industrie, ein veritables Dechiffriersyndikat mit uneingeschränkter Deutungshoheit, zu einem besseren Verständnis des Romans beigetragen, zugleich aber den Mythos von dessen Unverständlichkeit mitbefördert. In diesem Jahr treffen sich die Syndikatszugehörigen vom 12. bis zum 16. Juni beim internationalen James-Joyce-Symposium in Mexiko-Stadt unter dem Motto: »Joyce without Borders«.

Joyce ohne Grenzen? Nicht gewünscht war aus Gründen der »Kohärenz« ein Vortrag über die SS-Leute, die für den Tod des russischen Juden Paul Léon verantwortlich waren, jenes Freundes von Joyce, der ihm mehr als zehn Jahre lang selbstlos zur Seite gestanden hatte, der im von den Nazis besetzten Paris verhaftet und in Auschwitz-Birkenau erschossen wurde. Im Lager Drancy selektierte ihn der SS-Mann Ernst Heinrichsohn, der es nach 1945 zum CSU-Bürgermeister des bayrischen Städtchens Bürgstadt brachte und die Unterstützung seiner CSU-Oberen und der von ihm Regierten auch dann noch genoss, als er 1979 dank der Ermittlungsarbeit von Beate und Serge Klarsfeld in Köln wegen seiner SS-Verbrechen vor Gericht stand.

Neu dürfte sein, dass zu den Joyce-Eingeweihten ein Referent von der US Air Force Academy spricht, von jener Akademie, an der – wie der einstige Academy-Lehrer William J. Astore ausführte – die Studierenden dazu angehalten werden, sich als »Krieger« zu begreifen, als Elite, die den Zivilisten, denen sie recht eigentlich dienen sollen, überlegen ist.

Das internationale Joyce-Symposium findet erstmals in einem Land des Trikont statt. Warum just dort ein Roundtable-Gespräch über den »Ulysses« gleich fünf Akademikern von einer einzigen US-amerikanischen Universität überlassen werden muss, werden die Organisatoren des Symposiums, die nicht müde werden, sich »hohe akademische Standards« zu bescheinigen, gewiss zu erklären wissen. Gleiches gilt wohl dafür, dass nun auch bei einem Joyce-Event der Trans- und Posthumanismus »Aktualität des Möglichen« werden soll. Deren Apologeten erklären den Menschen selbst zum Störfaktor, der als »biologische Entität« überwunden werden müsse. Jürgen Habermas definierte den Transhumanismus als »Weltanschauung einer Sekte«, während der Soziologe Thomas Meyer für eine Verschärfung dieser Definition plädierte: »Der Transhumanismus ist als irre fundamentalistische Wissenschaftssekte und politische Bewegung (von Intellektuellen) anzusehen, die genauso wenig harmlos ist wie der Sozialdarwinismus früherer Zeiten.«

Der deutsche Romanist Ernst Robert Curtius schrieb 1929, das Joycesche Denken stehe hoch über allen positivistischen Flachheiten. Über den Flachheiten dieser Trans- und Posthumanisten, die eine Biologisierung des Sozialen betreiben, steht es allemal. Mit solchen Frankensteins ist Leopold Blooms Heterotopie von einem »New Bloomusalem« nicht zu verwirklichen.

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