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Aus: Ausgabe vom 15.06.2019, Seite 7 / Ausland
Italien

Die Allerdurchlauchteste protestiert

Nach Unfall von Kreuzfahrtschiff: Bürger Venedigs wollen »Monster« aus Lagunenstadt verbannen
Von Gerhard Feldbauer
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»Keine großen Schiffe«: Proteste gegen die Kreuzfahrtschiffe haben Gegenwind (8.6.2019)

Es ist kaum vorstellbar, dass Riesenkreuzfahrtschiffe dicht an den Wohnhäusern einer Großstadt vorbeifahren. In der Metropole Venedig passiert das allerdings täglich. Am 2. Juni rammte dabei das 275 Meter lange Schiff »MSC Opera« eine Anlegestelle und gleichzeitig ein Touristenboot mit etwa 130 Menschen an Bord. Vier von ihnen wurden verletzt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Kapitän wegen des Verdachts der Fahrlässigkeit und Missachtung von Sicherheitsvorkehrungen.

Der Unfall hat die seit Jahrzehnten geführte Debatte, die Schiffskolosse aus Venedig zu verbannen, neu belebt. »Raus mit den Monsterschiffen aus Venedig«, lautet einer der Slogans, die in der Stadt zu sehen sind. Organisatorin der Proteste ist die Bürgerbewegung »Comitato No Grandi Navi«. In einer Erklärung heißt es: »Ein Kreuzfahrtschiff verpestet unsere Luft so stark wie 14.000 Autos.«

In Venedig, das zu den größten europäischen Häfen für Kreuzfahrten gehört, legten 2018 über 600 dieser Kolosse an – mehr als 1,56 Millionen Touristen brachten sie in die Stadt. Insgesamt besuchen die Lagunenstadt nach Angaben der Vereinigung für den Schutz der Güter der Kultur, Kunst und Natur (Nostra ONLUS) jährlich mehr als 30 Millionen Touristen. Resultat: Auf dem Canal Grande, der Hauptverkehrsader zwischen dem Bahnhof und dem Markusplatz, verkehren täglich mehr als 3.000 Boote, in Spitzenzeiten 4.000. Die meisten Passagiere der Schiffe nehmen an einem speziell für sie organisierten Stadtrundgang teil und zahlen dafür auch mal 250 Euro. Allein die Gebühren für Anlegen und Aufenthalt bringen jährlich Milliarden Euro ein.

Die Abhängigkeit vom Tourismus ist Segen und Fluch zugleich – Segen für Geschäftsleute und die Stadtverwaltung, Fluch für die Einwohner, die mit katastrophalen Folgen leben müssen. Ein Anlegeverbot durchzusetzen, gilt als nahezu chancenlos. Bürgermeister Luigi Brugnaro hat laut der Nachrichtenagentur ANSA nicht die Absicht, die Kreuzfahrtriesen zu vertreiben. Er will sie nur nicht mehr im Kanal, sondern im industriell geprägten Stadtteil Marghera anlegen lassen. Ernsthafte Maßnahmen des Unternehmers, der 2015 von einer faschistischen Allianz der Forza Italia (FI) des Medienmonopolisten und Expremiers Silvio Berlusconi, der durch einflussreiche Unternehmer unterstützten Lega Matteo Salvinis und der Brüder Italiens (FdI) gewählt wurde, erwartet man nicht.

Jahrhundertelang galten in Venedig, einst als schönste Stadt der Welt, als La Dominante, Königin der Meere, als Serenissima – die Allerdurchlauchteste – besungen, die strengsten Gesetze, wenn es um Sauberkeit ging. Das änderte sich, als mit der Herrschaft des Kapitals eine rücksichtslose Industrialisierung begann. In dem nur fünf Kilometer von Venedig entfernten Mestre entstanden riesige Ölraffinerien, Chemieanlagen und Kraftwerke. Das Hafengebiet wurde zu einem der größten Verkehrskontenpunkte Italiens ausgebaut. Sieben Eisenbahnlinien, 13 Autobahnen und Staatsstraßen, sämtliche Binnenschiffahrtskanäle des Landes laufen hier zusammen. Damit Frachtschiffe und sogar große Tanker direkt in Venedig anlegen können, wurden rund 20 Kilometer Kanäle mit einer Tiefe von 15 Metern gebaut.

Um die unterirdischen Süßwasserquellen anzapfen zu können, wurden Hunderte von Adern bis zu 300 Meter tief ins Meer hinein erschlossen. Venedig, dessen Palazzi auf rund drei Millionen Eichenpfählen ruhen, versank dadurch tiefer ins Meer. Hinzu kommt die Störung der Gezeiten. Während die Flut, die den Strand von Lido umspült, vor einem halben Jahrhundert noch zweieinhalb Stunden brauchte, um Marghera zu erreichen, ist diese Zeit auf etwa 40 Minuten und weniger zusammengeschrumpft.

Abgase zerfressen die Mauern der Paläste, Statuen, Marmorfassaden und Bilder. Vor Jahren wurde bereits eingeschätzt, dass ein Drittel der venezianischen Kunstwerke beschädigt ist, Schmutzwasser das biologische Gleichgewicht der Lagune zerstört. Experten befürchten, dass Venedig mit seinen rund 260.000 Einwohnern, über 400 Palästen, 22 Klöstern und 86 Kirchen eines Tages durch die ständige Überflutung weitgehend unbewohnbar werden könnte.

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