Gegründet 1947 Donnerstag, 20. Juni 2019, Nr. 140
Die junge Welt wird von 2198 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 14.06.2019, Seite 15 / Feminismus
Geboren vor 130 Jahren

Medea, Autorin und Helferin Verfolgter

»Kein Beruf für ein anständiges Mädchen«: Salka Viertels Leben zwischen Theater, Film und Literatur
Von Christiana Puschak
greta garbo.jpg
Die »göttliche« Greta Garbo und Fredric March in der Hollywood-Verfilmung von »Anna Karenina« (1935)

Als Medea debütierte sie 1910 am Pressburger Stadttheater – und hatte bald zahlreiche Engagements in Berlin und Wien. »Was kann man in dieser Welt mehr tun, als Menschen zu helfen?« war eine Frage, die sie sich häufig stellte und durch ihre Taten beantwortete.

Geboren wurde Salomea Sarah (Mea) Steuermann, genannt Salka, am 18. Juni 1889 im habsburgischen Galizien, wo die Kulturen »heftig aufeinanderprallten«. Ihr Vater, ein Rechtsanwalt, war Bürgermeister in Sambor. Gern wäre die musikalisch talentierte Mutter Opernsängerin geworden, entschied sich jedoch für eine »Verstandesheirat« und bekam vier Kinder. Umgeben von Büchern und Musik wuchsen diese auf dem Land auf und erhielten Privatunterricht. Für Salka wurde das Kindermädchen Njanja zur wichtigsten Bezugsperson: »Ich liebte sie wie meine Mutter«. Vorübergehend war Salka in einem Pensionat in Lemberg, wo sie erstmals im koedukativen Unterricht überzeugten Sozialisten begegnete. Deren Mut und »vorurteilsloser Idealismus« beeinflussten sie nachhaltig und verstärkten ihre Hilfsbereitschaft und ihr Mitgefühl mit unschuldig Verfolgten.

Bereits als Kind hatte Salka mit Vergnügen Theater gespielt. Als junge Frau wollte sie Schauspielerin werden, doch ihre Mutter war dagegen. Dieser Beruf war damals – anders als der der Opernsängerin – ein Beruf für »ein lockeres Frauenzimmer« und hatte einen anstößigen Ruf. Gleichwohl nahm die Tochter in Wien Schauspielunterricht, setzte sich gegen den Willen ihrer Eltern durch und eroberte zeitweilig den deutschsprachigen Bühnenraum.

Über ihre Kontakte zu politischen Aktivisten der Novemberrevolution war Salka 1918 in München bei der Gründung der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger dabei. In Wien lernte sie im selben Jahr den Regisseur und Dichter Berthold Viertel kennen und lieben. Nach ihrer Heirat zogen beide 1928 mit ihren Kindern nach Hollywood. Dort erhielt Berthold Viertel bei der Produktionsfirma Fox einen Dreijahresvertrag. Über die Jahre hinweg wurde ihr Haus in Santa Monica zum Treffpunkt der berühmten Film- und Theaterschaffenden, aber auch zum »Hafen der Heimatlosen« und zur »Stätte herzlicher Hilfe« für Theaterleute, Künstler und Schriftsteller, die oft Salkas Unterstützung und Vermittlung suchten.

Zwischen 1933 und 1945 engagierte sich Salka Viertel unermüdlich und eingeschworen »auf das Ideal der Humanität« im Kampf gegen den deutschen Faschismus, indem sie zahlreichen Emigranten – unter ihnen Heinrich Mann und Friedrich Torberg – lebensrettende »Emergency visas« zukommen ließ. Sie beteiligte sich am »European Film Fund«, der Verträge mit den Hollywood-Studios vermittelte. Salka wurde zur Anlaufstelle für viele aus Nazideutschland Geflüchtete – laut eigener Aussage die Repräsentanten der »wahren deutschen Kultur«. Geschätzt wurde Salkas Großzügigkeit und Großherzigkeit, ihre Gastfreundschaft sowie ihr Mut und ihre Charakterstärke.

Während ihr Mann Probleme hatte, sich in Kalifornien einzuleben, wurde der »Golden State« für Salka zur »Adoptivheimat«. Um eigenes Geld zu verdienen, erteilte sie Schauspielunterricht und spielte in einigen Filmen mit, wusste jedoch, dass sie »nicht in den Film gehörte«. Ihr Mann kehrte 1932 ohne sie nach Europa zurück.

Über ihr Interesse an der Biographie der schwedischen Königin Christine lernte Salka Viertel Greta Garbo kennen, die aus der Rolle der »Femme fatale« herauswollte. Die beiden Frauen wurden vertrauteste Freundinnen und blieben es zeitlebens. Salka Viertel wurde nicht nur Drehbuchautorin der filmischen Meisterwerke »Königin Christine« und »Anna Karenina«, sondern galt bald auch als Drehbuchspezialistin für die Rollen Garbos. Entgegen Hollywoods rigiden Moralvorstellungen kreierte Salka außergewöhnliche Frauenrollen. Greta Garbo wiederum regte ihre Freundin zum Schreiben an: »Du würdest Hollywood viel leichter ertragen«. Dem Rat folgte Viertel, indem sie, eine glänzende Beobachterin, über die mehr kommerziell als künstlerisch ausgerichteten großen Studios schrieb. Wie sie in ihren Erinnerungen festhielt, überstieg »das in der Traumfabrik dominierende Intelligenzniveau« kaum das »eines zurückgebliebenen, elfjährigen Kindes«.

Während der hysterischen McCarthy-Ära stand Viertel unter dem Verdacht, Kommunistin zu sein, wurde ihr doch ihr Beitritt zur Gewerkschaft »Screen Writers Guild« im April 1933 als »unamerikanische Aktivität« angelastet. Unausgesprochen erhielt sie in Hollywood Berufsverbot. 1953 erkämpfte sie sich einen Pass und kehrte nach Europa zurück, wo sie sich im schweizerischen Klosters niederließ. Dort starb sie am 20. Oktober 1978.

Schon früh war Salka Viertel eine emanzipierte Frau, die sich das Recht auf eigene Entscheidungen nahm, sei es mit der Aufnahme eines dunkelhäutigen Ehepaars in ihrer Wohnung oder mit ihrer Liaison zu einem wesentlich jüngeren Liebhaber. Nachzulesen ist all dies und vieles mehr in ihrem 1969 erschienenen Erinnerungsbuch »Das unbelehrbare Herz«, ein humorvoll und hinreißend geschriebenes Stück Kulturgeschichte, nach Meinung des Schriftstellers Carl Zuckmayer ein unendlich ergreifendes, aber kein rührendes Buch.

Mehr aus: Feminismus