Gegründet 1947 Donnerstag, 20. Juni 2019, Nr. 140
Die junge Welt wird von 2198 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.06.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Wenn die Liebe stirbt

Bundesligaaufsteiger SC Paderborn 07 und RB Leipzig geben Kooperation bekannt. Die Fans sind entsetzt
Von Rouven Ahl
SC_Paderborn_07_Hamb_60850926.jpg
Die Aufstiegseuphorie ist definitiv verflogen (Paderborner Trainer Steffen Baumgart)

Die Entwicklung des SC Paderborn 07 ist eine der großen Feelgood-Geschichten im deutschen Fußball: Der Verein aus Ostwestfalen schaffte in den letzten drei Jahren den Durchmarsch von der dritten in die Bundesliga. Eine Entwicklung, die um so erstaunlicher erscheint, als dass 2017 der Abstieg in die vierte Liga bereits feststand. Nur aufgrund der Lizenzverweigerung für den TSV 1860 München hielt Paderborn die Klasse. »Wir haben richtig viel Schwein gehabt«, sagte Geschäftsführer Markus Krösche damals. Der Gang in die vierte Liga hätte für den Verein existenzbedrohend werden können.

Rosige Zukunftsaussichten hatte der SCP also nicht. Aber Trainer Steffen Baumgart schaffte in der folgenden Saison das beinahe Unmögliche – er führte Paderborn in die zweite Liga. Und schließlich sogar in die Bundesliga. Im Grunde müsste die Stimmung rund um den Verein euphorisch sein. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Der SC Paderborn hat ein fulminantes Eigentor geschossen. Erst verließ einer der Erfolgsgaranten, Geschäftsführer Krösche, den Verein Richtung RB Leipzig, letzte Woche dann gaben Paderborn und Leipzig eine zukünftige Zusammenarbeit bekannt. Man wolle »langfristig im sportlichen Bereich kooperieren und das Potential bestmöglich ausnutzen«, so Paderborns Präsident Elmar Volkmann gegenüber Zeit Online.

Oliver Mintzlaff, Vorstandsvorsitzender von RB Leipzig, wurde in einer Pressekonferenz konkreter und sprach von einer Zusammenarbeit im Scouting sowie Commercial- und Hospitalitybereich. Dabei wird es jedoch nicht bleiben: »Da gibt es den einen oder anderen Spieler, der dann möglicherweise nach Paderborn erst mal ausgeliehen wird und erst mal dort spielt, bevor man ihn vielleicht irgendwann nach Leipzig holt«, so Mintzlaff weiter.

Einerseits sind die Beweggründe für so einen Deal aus Sicht der Paderborner nachvollziehbar. Der Verein ist finanziell nicht zu großen Sprüngen fähig, kann mit der Konkurrenz in der Bundesliga in diesem Bereich nicht mithalten. Da kommen qualitativ hochwertige Leihspieler von einem Spitzenteam gerade recht. Gleichwohl ist die angedachte Kooperation mindestens für die Außenwirkung des Vereins ein Desaster. Für eine eventuell verbesserte sportliche Ausgangsposition bezahlt man mit Glaubwürdigkeit und gibt Eigenständigkeit auf.

Denn die Details des Deals mit Leipzig machen erst einmal den Eindruck, dass Paderborn zu einer Art Farmteam für RB Leipzig verkommt. Der Begriff kommt aus dem US-amerikanischen Sport und bezeichnet Teams, die Spielern auf niedrigerem Niveau Spielpraxis verschaffen. Falls sie sich dort gut schlagen, werden sie unter Umständen in die Profikader hochgezogen. Die Selbstbestimmtheit dieser Farmteams tendiert dabei gegen Null.

Natürlich stellt sich hier auch die Frage einer möglichen Wettbewerbsverzerrung, spielen beide Teams doch in derselben Liga. Regeln für derartige Kooperationen gibt es laut Deutscher Fußballiga nicht, auch sind sie nicht verboten. Für einen Teil der Fans des SC Paderborn ist die Zusammenarbeit mit ausgerechnet RB Leipzig, einem Verein, der aufgrund seiner Alimentierungen durch den Red-Bull-Konzern in der aktiven Fanszene – freundlich gesagt – nicht gerade wohlgelitten ist, inakzeptabel.

»Etwaige sportliche Vorteile werden durch den Verlust der Seele und Identität unseres bodenständigen Fußballvereins teuer erkauft«, schrieben mehrere Fanklubs. Andere Teile der Fanszene wurden noch deutlicher, drohen Boykotts an: »Vereinsliebe stirbt mit dem Tag einer RB-Leipzig-Kooperation.« Die Vereinsführung, die allen Ernstes vorgibt, von den heftigen Reaktionen der Anhänger überrascht worden zu sein, hat Gespräche mit den Fans im Laufe des Monats angekündigt. Die Aufstiegseuphorie ist in Paderborn definitiv verflogen.

Mehr aus: Sport