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Aus: Ausgabe vom 13.06.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Sekundäreffekt ausgeblieben

Brutaler Wirtschaftskrieg

Irans Export des fossilen Rohstoffs tendiert wegen rigoroser US-Sanktionen gegen null. Der Weltmarkt scheint es zu verkraften
Von Knut Mellenthin
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Auf Halde: Trotz »Ausschluss« eines Großförderers vom Weltmarkt ist genug Öl im Angebot

Seit dem 2. Mai muss jeder, der noch iranisches Erdöl kauft oder bei dessen Transport zu ausländischen Kunden mitwirkt, mit schweren Nachteilen auf dem Finanz- und Wirtschaftsmarkt der USA rechnen. Das erklärte Ziel der Trump-Administration besteht darin, den iranischen Ölexport »auf null zu bringen« und das Land damit seiner wichtigsten Einnahmen zu berauben. Durch Verknappung importierter Waren und steil steigende Preise für einige Grundnahrungsmittel sollen die sozialen Voraussetzungen für einen »Regimewechsel« geschaffen werden.

Eine tief in den iranischen Staatsetat schneidende Reduzierung seiner Einnahmen aus dem Rohstoffverkauf ist der US-Regierung bereits gelungen. Nach nur geringfügig voneinander abweichenden Schätzungen sank Irans Ölexport in der ersten Maihälfte auf weniger als 500.000 Fass (Barrel; je 159 Liter) pro Tag, vielleicht sogar auf nur 400.000 Barrels of oil per day (bpd). Für den gesamten Monat Mai könnte sich ein Ausfuhrvolumen von höchstens 300.000 bpd ergeben.

Man ist auf Schätzungen angewiesen, denn Teheran veröffentlicht schon seit mehreren Monaten keine amtlichen Zahlen. Auch die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC), zu deren 14 Mitgliedern Iran gehört, wird offenbar im unklaren gehalten. Die Schätzungen werden hauptsächlich von kommerziellen Instituten und interessierten Geheimdiensten aufgrund von Schiffsbeobachtungen vorgenommen.

Bis zur Reaktivierung der US-Sanktionen Anfang November 2018 hatte Iran zeitweise mehr als 2,5 Millionen bpd ins Ausland verkauft. Hauptkunden waren China, Indien, Japan, Südkorea und die Türkei. Ende Dezember war der Export auf nicht viel mehr als eine Million bpd gesunken. Im März stieg er – nach Schätzungen – noch einmal auf 1,6 Millionen bpd an, weil einige Großkunden sich darauf einstellten, dass die US-Regierung ihre Anfang Mai auslaufenden Ausnahmegenehmigungen nicht erneuern würde. Bereits im April, also noch vor der vollen Reaktivierung der US-Sanktionen, fiel das Ausfuhrvolumen auf unter eine Million bpd.

Wer jetzt überhaupt noch iranisches Öl kauft, ist unbekannt. Dabei schienen Irans Aussichten zunächst nicht ganz schlecht zu stehen, weil alle asiatischen Kunden ihre Unzufriedenheit mit dem Wiederaufleben der Sanktionen bekundeten und in Washington wenigstens eine Verlängerung der im November 2018 eingeräumten Ausnahmeregelungen zu erreichen versuchten. Das wurde teilweise so interpretiert, als ob einige Regierungen die Absicht hätten, sich den Sanktionen nicht zu unterwerfen. Besonders weit ging damals China, das mehrfach offiziell erklären ließ, die Ölgeschäfte mit dem Iran seien legitim und stünden unter dem Schutz des Staates.

Inzwischen ist unzweifelhaft, dass alle früheren Kunden spätestens nach dem 2. Mai den Import eingestellt haben. Griechenland und Italien, die als einzige EU-Staaten noch iranisches Erdöl gekauft hatten, hatten die Geschäftsbeziehungen bereits im November 2018 abgebrochen. Eine Notwendigkeit für dieses Verhalten bestand nicht, denn beide Länder hatten von Washington Ausnahmegenehmigungen erhalten, die noch bis Anfang Mai galten.

Nicht nur die Regierung in Teheran, sondern auch bedeutende westliche Medien hatten im Sommer und Herbst 2018 »vorausgesagt«, dass der internationale Ölpreis auf über 100 US-Dollar pro Barrel, vielleicht sogar auf 150 Dollar steigen würde, wenn es der Trump-Regierung gelänge, das iranische Erdöl vollständig vom Weltmarkt zu entfernen. Spekulationen wurden angestellt, ob Saudi-Arabien die nötigen Kapazitäten hätte, um – wie von Trump gefordert – die Einbußen wettzumachen. Iranische Politiker und Medien erklärten das für absolut ausgeschlossen.

Die Realität sieht heute jedoch so aus: Die Saudis haben ihre Produktion im letzten halben Jahr nicht gesteigert. Im Gegenteil: Sie haben sich im Dezember 2018 mit der OPEC und einigen weiteren Staaten, vor allem mit Russland, darauf geeinigt, ihre Fördermengen zu senken, um einen drohenden Preisverfall abzuwenden. Diese Einigung steht voraussichtlich Anfang Juli zur Überprüfung und Diskussion an. Es wird allgemein damit gerechnet, dass die OPEC – Russlands Haltung gilt noch als ungewiss – an der Kürzung festhalten wird.

Der Ölpreis ist dennoch nicht gestiegen, sondern scheint aus Sicht der Produzenten und Verkäufer eher auf einem halbwegs erträglichen Niveau zu stagnieren. Während der wichtigste internationale Richtwert Brent zuletzt im September und Oktober mit 79 bis 81 Dollar pro Fass relativ hoch gelegen hatte, hängt er jetzt seit Wochen um 61 Dollar fest und fällt auch schon mal unter die 60-Dollar-Marke. Das scheinbare Paradoxon hat zwei wesentliche Gründe: Erstens eine gesunkene Nachfrage auf dem Weltmarkt als Teil und Ergebnis einer sich abschwächenden Konjunktur. Zweitens kontinuierlich steigende Fördermengen der USA, die gegenwärtig größter Ölproduzent der Welt sind.

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