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Aus: Ausgabe vom 13.06.2019, Seite 5 / Inland
Begehrte Immobilien

Mitarbeiter laufen weg

Streiks und Fluchtbewegungen bei Galeria Karstadt Kaufhof. Kahlschlagpläne und volle Übernahme durch Benko zerstören Vertrauen
Von Bernd Müller
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Demonstration von Karstadt-Kaufhof-Beschäftigten am 7. Juni in Stuttgart

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) hatte die Beschäftigten von Karstadt und Kaufhof in München für den gestrigen Mittwoch zu einen Streik aufgerufen. Einen Tag zuvor hatte Verdi mitgeteilt, die Beschäftigten forderten von Karstadt Tariferhöhungen ab 2021 sowie von Kaufhof die Rückkehr zum Flächentarifvertrag. Mit den Ausständen in München setzte die Gewerkschaft die Arbeitskämpfe fort, die in anderen Städten wie Würzburg, Kassel oder Hamburg begonnen worden waren.

In den Jahren zuvor hatten die Angestellten der wirtschaftlich angeschlagenen Kaufhausketten Lohnsenkungen akzeptiert, damit sich die Firmen sanieren konnten. Silke Zimmer, Leiterin des Verdi-Landesfachbereichs Nordrhein-Westfalen und Verhandlungsführerin im Handel, begründete die Streiks in Münster vergangene Woche mit steigenden Gewinnen der Unternehmen. Den Westfälischen Nachrichten (WN) zufolge sagte sie, angesichts der Umsatzsteigerungen und Gewinne im Einzelhandel sowie im Großhandel seien die Angebote der Kapitalseite beschämend und zeugten nicht von Respekt und Wertschätzung gegenüber den Beschäftigten. Gabi Beuing vom Verdi-Bezirk Münsterland gab gegenüber WN an, dass »die Angebote unterhalb der Preissteigerung liegen und damit Reallohnverluste für die Beschäftigten bedeuten«. Während die Unternehmensvertreter nur eine Lohnerhöhung von 1,7 Prozent zum 1. Mai 2019 und weitere 1,2 Prozent zum 1. Mai 2020 anboten, forderte Verdi 6,5 Prozent.

Am Montag hatte die Investmentgesellschaft Signa des österreichischen Milliardärs René Benko angekündigt, sämtliche Anteile von Deutschlands letztem verbliebenen Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof zu übernehmen. Das Unternehmen war vor gut einem halben Jahr durch die Fusion von Galeria Kaufhof und Karstadt entstanden. Bislang war die kanadische Einzelhandelsgruppe Hudson’s Bay Company (HBC) mit 49,99 Prozent an dem Konzern beteiligt, sie zieht sich nun aber komplett zurück.

Die Kanadier folgen mit dem Rückzug den Forderungen einiger ihrer Investoren, das schwierige Geschäft in Deutschland aufzugeben. Nach einer Mitteilung von HBC wechselt der Unternehmensanteil für rund eine Milliarde Euro den Besitzer. HBC-Chefin Helena Foulkes sprach von einem »Meilenstein«, der es ermögliche, Kapital aus dem deutschen Immobilienbestand zu schlagen und so die Bilanz zu stärken.

»Wir haben den Sachverhalt zur Kenntnis genommen«, kommentierte Orhan Akman, Bundesfachgruppenleiter Einzelhandel der Gewerkschaft, am Dienstag laut Nachrichtenagentur Reuters die Übernahme und forderte ein tragfähiges Konzept für die Zukunft des Warenhausriesen. Verdi erwarte nun »die richtigen Entscheidungen für ein überzeugendes Zukunftskonzept, das diesen Namen auch verdient«.

Die Fusion zu Galeria Karstadt Kaufhof ging mit Plänen einher, zahlreiche Arbeitsplätze zu vernichten. Konzernchef Stephan Fanderl hatte im Januar angekündigt, dass allein bei Kaufhof rund 2.600 Vollzeitstellen vor allem in der Verwaltung gestrichen werden sollen. Weil aber viele Angestellte in Teilzeit arbeiteten, könne eine größere Zahl vom Stellenabbau betroffen sein. Ebenso wolle man sich von der Tarifbindung verabschieden.

Nach mehrmonatigen Verhandlungen hatten sich Mitte Mai Konzernvertreter und die Betriebsräte auf einen Interessenausgleich und einen Sozialplan geeinigt. Gesamtbetriebsratschef Peter Zysik hatte dem Kölner Stadtanzeiger (21. Mai) gesagt, dass zu Beginn der Verhandlungen rund 1.800 Stellen in den Filialen abgebaut werden sollten. Die Zahl habe man aber auf 1.000 senken können. Aber es werden weitere 1.000 Vollzeitstellen in der Verwaltung wegfallen, heißt es in der Zeitschrift Textilwirtschaft (23. Mai). Betroffene sollen eine Abfindung von höchstens 18 Monatsgehältern bekommen. Für die, die das Unternehmen aus freien Stücken verließen, solle die Abfindung erhöht werden. Wer bleibe, müsse demnach auf künftige Lohnerhöhungen verzichten, denn der Tarifvertrag solle nicht mehr gelten.

Offenbar wollen inzwischen mehr Mitarbeiter das Unternehmen auf freiwilliger Basis verlassen, als Stellen abgebaut werden sollen. Der Grund dafür sei ein »massiver Vertrauensverlust« in das Management, so Zysik laut Westdeutschem Rundfunk. Die Mitarbeiter könnten nicht erkennen, wie die Kaufhäuser wieder auf die Erfolgsspur zurückgebracht werden sollen.

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