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Aus: Ausgabe vom 12.06.2019, Seite 16 / Sport

Mit schönen Grüßen ins nächste Jahrhundert

Von André Dahlmeyer
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Seien Sie nicht so negativ: Die Null steht (Fußball-WM, Argentinien – Japan, 0:0)

Einen wunderschönen guten Morgen! In Frankreich hat die achte Frauenfußball-WM begonnen.

Aus den Amerikas nehmen Argentinien, Brasilien, Chile, Jamaika, Kanada und die USA an den Feierlichkeiten teil. Sechs von 24. Beworben hatten sich um die 130 Verbände, es hat sich also mal wieder die Crème de la crème versammelt, sakkra. Wer sich nicht qualifiziert, kann ja vor den Stadien mit kaputten Strümpfen, T-Shirts usw. spielen, so hamwas früher schließlich auch gemacht. Nur dass da noch keine Mädchen dabei waren, die kamen erst später dazu. Meine erste Begegnung mit dem weiblichen Fußball war die Tochter unseres Gefängnisdirektors. Wir wohnten direkt gegenüber vom Meeschestadion in Wolfenbüttel, wo der WSV kickte, der es in seiner langen Geschichte einmal fast geschafft hatte, drittklassig zu werden. Der Lüneburger SK kam dazwischen. Das war besonders unschön, weil ich zu dem entscheidenden Auswärtsspiel mitgefahren war und dafür meine gesamte »Asterix«-Sammlung in eine Pfandleihe hatte tragen müssen. Immerhin, mein Alter war denen egal. Die Hefte sah ich nie wieder, das Spiel schon. Rückblickend bin ich fast der Meinung, dass wir nicht höher als null zu zwo verloren haben. Anyway. Aber immer wenn wir mit einigen Jungs aus der Gegend – in der Regel Söhne von Bauern oder Laubenpiepern – am Rande des Hauptplatzes herumkickten, war da auch dieses Mädchen. Und sie machte uns alle nass. Sie war besser. Deutlich besser.

Die Bauernsöhne fühlten sich so ein bisschen auf den Schlips getreten, ich hab einfach nur gestaunt. Wenn ich nicht schon als kleiner Junge so eine Affinität zu Pfandleihen gehabt hätte, hätte ich mich heimlich mit dem Familientelefon eingeschlossen, beim HSV meiner Träume angerufen und geschworen, dass ich den Transfer erst mal auslegen würde. Natürlich hätte ich bei der diensthabenden männlichen Hebamme der Herrenmannschaft angerufen, oder so, wenn ich die Frauenauswahl verlangt hätte, wäre ich wahrscheinlich »mit schönen Grüßen« ins nächste Jahrhundert verwiesen worden.

Den Laubenpiepersöhnen machte das Ganze noch mehr zu schaffen. Sie waren Wochenendtouristen. Sie kamen aus einer anderen Welt. Sie träumten von Mofas und Raucherecken, also allem, was stank. Durch die mannshohen Brennesseln hinter der Holzbrücke, links neben dem winzigen und einzigen Kassenkabuff, hätten sie sich dennoch niemals durchgetraut, sie hätten eher brav bezahlt. Aber was interessierte diese Heinis schon Fußball? Wer sich für Fußball begeisterte, war unterste Schublade. Ein Sozialdemokrat. Oder noch schlimmer.

Später habe ich sogar mal gegen eine ganze Mädchenmannschaft spielen dürfen. Beim Basketball. Zum Glück nicht alleine. Wir waren B-Jugend, die A-Jugend. Unser Trainer meinte vorher, wir sollten denen nicht gegen die Brüste hauen und so. Seit wann haut man Brüste? Gefoult haben wir schon, so gut es eben ging. Damals hieß die Basketballdoktrin, dass ein Körperkontakt bereits ein Foul sei. Sei’s drum. In Wimbledon waren weiße Höschen auch mal vorgeschrieben, bis dieser Agassi kam. Oder hieß er Fred Astaire? Die A-Jugendlichinnen haben uns niedergemäht, unser Trainer sprach einen Monat kein Wort mehr mit uns.

Die argentinische Frauenfußballauswahl hat bei einer WM noch nie ein Spiel gewinnen können und auch noch nie ein Tor erzielt. Seien Sie nicht so negativ. Am Montag ergatterte Argentinien im Pariser Prinzenpark den ersten WM-Punkt aller Zeiten, mit einem 0:0 gegen Vizeweltmeister Japan! Großes Spiel. Darauf einen Jägi! Wohl bekommt’s.

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