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Aus: Ausgabe vom 12.06.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Ökologie

Von Wolfgang Pomrehn
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Zugunsten der Agrarindustrie werden Millionen Hektar Tropenwald vernichtet – zum Schaden des globalen Ökosystems (Holzfäller im brasilianischen Regenwald)

Der Begriff der Ökologie kommt eigentlich aus der Biologie. Dort bezeichnet er die Lehre von den Wechselbeziehungen der Lebewesen mit ihrer Umwelt. Er geht auf den altgriechischen Begriff »Oikos« zurück, der eine antike Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft bezeichnet. Ein Ökosystem ist für den Biologen ein begrenzter Lebensraum, wie ein Wald, ein Feld, ein Korallenriff, in dem die unterschiedlichsten Organismen – Pflanzen, Pilze, Bakterien, Tiere, Menschen – miteinander in Beziehungen treten, die natürlichen Ressourcen nutzen und von diesen limitiert werden. Viele dieser Beziehungen sind durchaus auch heute nicht restlos erforscht, weshalb es eine Ökosystemforschung gibt. Deren Ergebnisse sind nicht nur wichtig für die nachhaltige, das heißt auf Erhalt und Reproduktion zielende Nutzung natürlicher Ressourcen durch den Menschen. Sie liefern auch manch interessante Erkenntnis für das grundsätzliche Verständnis des Seins. Nichts ist ohne seine Vorgeschichte zu verstehen, keine Art kommt ohne eine andere aus, und oft sind die vielfältigen Beziehungen nicht nur versteckt, sondern auch hochgradig nichtlinear, so dass kleine Ursachen große Folgen haben können.

Ab den 1970er Jahren hat der Begriff Ökologie – nicht nur im Deutschen – eine steile politische Karriere hingelegt. Die erstarkende ­Umweltbewegung, die auf die Zusammenhänge zwischen Umweltgiften und Erkrankungen, auf die sich in den Nahrungsketten von Stufe zu Stufe mehr anreichernden Schadstoffe und auf die Folgen radioaktiver Verseuchung aufmerksam machte, reklamierte ihn für sich. Das Denken in Zusammenhängen und Kreisläufen wurde eingefordert, ist aber auch 40 Jahre später noch lange nicht zum bestimmenden Element der Industrie- und Wirtschaftspolitik geworden.

Ein besonders augenfälliges Beispiel hierfür ist die ­Agrarindustrie: Mehr denn je werden heute Futtermittel um den halben Erdball verschifft, um in Deutschland zum Beispiel Schweine großzuziehen, die dann nach China exportiert werden. In Lateinamerika wird dafür direkt oder indirekt wertvoller Tropenwald vernichtet, Kleinbauern werden von ihrem Land vertrieben. Hierzulande gefährden die Unmengen nicht sinnvoll verwendbarer Fäkalien das Grundwasser, während für die Transporte nicht ersetzbare fossile Energierohstoffe unwiederbringlich verbraucht werden.

Letzteres ist zugleich ein Hinweis auf das größte Beispiel für fehlendes Denken in Zusammenhängen. Immer noch basiert unsere industrielle Zivilisation auf dem Verbrauch endlicher Rohstoffe. Dass dies gefährlich ist, ist seit vielen Jahrzehnten bekannt. Verknappung ist eines der Probleme, die sich zuspitzende Klimakrise ein anderes. Allerdings verdienen Konzerne mit den bestehenden Abhängigkeiten ganz prächtig. Daher muss üble Nachrede betrieben – Framing sagt man auf Neudeutsch – und der »Öko« zum Buhmann, Spaßverderber und Verbieter gemacht werden. Die anhaltenden Schulstreiks in über hundert Ländern zeigen allerdings, dass die Jugend langsam die Geduld verliert und endlich nachhaltiges Wirtschaften sehen will.

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