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Aus: Ausgabe vom 11.06.2019, Seite 11 / Feuilleton
Metal

Härter als Motörhead

Zum 40. Jubiläum von Venom erscheint ein »Deluxe Vinyl Boxset« ihres kanonischen Werks
Von Frank Schäfer
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Kaputt klingen, fies aussehen: Black-Metaller Venom

Folgt man einer menschenfreundlichen Definition von Kunst, die ich gerne mag, garantiert das Handicap, eine wie auch immer geartete Benachteiligung des Künstlers erst eigentlich die Originalität des Kunstwerks. Wenn es dafür noch Beweise braucht, Venom haben sie stets aufs Neue geliefert. Sie sind eine Ansammlung von Defiziten. Conrad Thomas »Cronos« Lant kann keinen Ton halten, also muss er granteln und grunzen; sein Bass klingt absichtlich so bollerig, damit sein schwammiges Spiel nicht so auffällt. Anthony »Abaddon« Bray hat keinen Groove, nirgends, aber er kämpft, schwitzt, beißt sich irgendwie durch. Und bei Jeff »Mantas« Dunn, der Gitarristenattrappe des Donnertrios, ist vielleicht am deutlichsten zu sehen und zu hören, was fehlt – so ziemlich alles. Sein Equipment ist Schrott, sein Timing mäßig und seine offensichtliche manuelle Benachteiligung degradiert seine Leadgitarrendarbietungen von vornherein zu einer erbarmungswürdigen Angelegenheit. Wenn er zum Solo auf das Distortionpedal trat und die Gitarre vor Schreck animalisch zu fiepen begann, kamen wir uns regelmäßig vor wie Eltern bei einer Schulvorführung. Man hatte schon alles Wohlwollen dieser Welt mitgebracht, aber es reichte doch wieder nicht.

Hinzu kam dieser bemerkenswerte Sound. Legendär ist das Statement des britischen Rockjournalisten Geoff Barton, der in seiner Besprechung des Debüts konstatiert, die Platte habe die Soundqualität »einer fünfzig Jahre alten Pizza« und gebe »dem Wort ›katastrophal‹ eine ganze neue Bedeutung«. »Härter als Motörhead«, titelte damals der Versandhändler Govi, und das weckte sofort Interesse. Die Überraschung beim ersten Abhören von »Welcome To Hell« konnte denn auch nicht größer sein. »If this LP is scratched, warped or defaced in any way, please throw it away and buy a new one!«, las man auf dem Cover und fühlte sich bestätigt. Aber die Platte war nicht kaputt, Venom klangen wirklich so.

Dass sie jetzt betonen, man habe fürs Remastering auf die Original-Tapes zurückgegriffen, ist ein guter Witz. Man darf folglich ganz beruhigt sein, die Band klingt immer noch wie frisch aus der Mülltonne. In drei Studiotagen hatte man die Songs damals eingeprügelt. Schlechte Demos, die ihre Plattenfirma Neat Records, berüchtigt für unterirdische Produktionen, ohne Umschweife presste – und damit alles richtig machte. Man musste diesen von satanistischen Symbolen, schweren Killernieten und Gruselgrimassen begleiteten musikalischen Offenbarungseid als sonischen Ausdruck eines gefährlichen Nonkonformismus verstehen. Und tatsächlich füllten Venom das mit Leben. Sie posierten, als wären sie von allen Rockgöttern gebenedeite Heroen, als hätten sie alles ganz genau so gewollt. Selbst Mantas ließ sich für seine instrumentalen Irrungen und Wirrungen feiern, als gebührte ihm ein Platz gleich neben Heldengitarristen wie Eddie Van Halen oder Ritchie Blackmore. Und vielleicht ist ja sogar etwas dran. Oder entsteht so eine organische, geschlossene und folglich die Szene überzeugende Mischung aus spielerischer Unzulänglichkeit, klanglicher Rappelkiste, smartem Produktdesign und kinderliedhafter Eingängigkeit zufällig und ganz ohne Kalkül? Schwer zu glauben.

In diesem Konglomerat aus schweren Zeichen fanden Metal-Extremsportler diverse Anschlussmöglichkeiten, die sie dann zu den Subgenres Thrash, Death und Black Metal ausbuchstabierten. So entsteht Tradition – und Reputation. Und so kommt dann ein solches, fast schon obszön splendides Vinyl-Boxset zustande. Man kann Scheiße offenbar doch polieren!

Wiederaufgelegt werden hier die kanonischen fünf Neat-Alben: das legendäre Debüt »Welcome To Hell«, der mindestens genauso einflussreiche Nachfolger »Black Metal«, die beiden, das Venom-Konzept nur noch arrondierenden, aber nicht mehr erweiternden Alben »At War With Satan« und »Possessed«; und die beinahe schon selbstentlarvende Live-Platte »Eine kleine Nachtmusik«. Für die Die-Hard-Fans gibt es noch ein Doppelalbum mit »rare and unreleased« Tracks, in denen die Band langsam zueinander findet. Die Gitarren sind teilweise verstimmt, man legt den Beat sehr großzügig aus, und bei einigen Aufnahmen singt auch noch Clive Archer, dessen eher konventionelles Shouting gegen Cronos’ Ghoul-Gesang wirklich nicht anstinken kann.

Außerdem liegen noch die üblichen Gimmicks dabei, nicht zuletzt ein an O-Tönen und hübschen Illustrationen reiches Beibuch, das einen vermeintlichen Absagebrief der EMI faksimliert: »Dear Venom, FUCK OFF, With Compliments, EMI.« Nur ein weiterer hübscher Marketing-Gag, mehr nicht.

Venom: »In Nomine Satanas – 40th Anniversary Deluxe Vinyl Boxset« (BMG/ADA/Warner)

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