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Aus: Ausgabe vom 08.06.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Ich weiß auf meinem Stuhl in Reihe sieben, wie mir ist

Komm ins Offene, Freund! Ein Abend mit dem »Taner Akyol Trio« Ende April beim Hamburger Musikfest
Von Stefan Siegert
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»Das Ohr hört sich mehr und mehr rein«: Sebastian Flaig, Antonis Anissegos und Taner Akyol (v. l. n. r.)

International. Ich erinnere mich daran aus der Kindheit: Das Wort hatte einen besonderen Klang im Deutschland Adenauers. Es stand in attraktivem Gegensatz zu seinem Counterpart, dem Nationalen. In den Trümmern des im Faschismus durchglühten Nationalismus spielten wir Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg Fangen. Die Nationalen hatten, bevor sie Europa in Schutt und Asche legten, den Rest der Welt zu Olympia antreten lassen. Schon damals diente das Internationale dem Nationalen allein zur Aufwertung. Im Adenauerstaat meinte das weithin leuchtende Attribut »international« etwa vor den Berliner Filmfestspielen oder vorm Autosalon in Frankfurt am Main nichts, nur: Wir sind wieder wer.

Daran musste ich an einem Abend Ende April denken. Ich saß im Dunkel der siebten Reihe des kleinen Saals der Hamburger Elbphilharmonie. Das Konzert lief seit fünf Minuten, die Musik war sofort dagewesen. Orientalische Musik, auf seltsame Weise gemischt mit abendländischen Tönen. Noch abenteuerlicher das zeitliche Gemenge: archaische Klänge aus geschichtlichen Tiefen zusammen in einer Musik mit Tönen aus der unmittelbaren Gegenwart. Auf der Eintrittskarte in meiner Tasche stand: »Derya Yildirim / Taner Akyol Trio«. Etwas kleiner darüber: »Internationales Musikfest«. Es war mein erstes Konzert auf dem Festival, das bis Ende Mai so weitermachte. Das Hamburger Musikfest gewinnt nach meinem Eindruck seinem kaum noch beachteten Attribut »international« Inhalte zurück, die uns im empirieresistenten Neoliberalismus abhanden gekommen zu sein schienen.

Das Taner-Akyol-Trio spielt. Die Musik gleitet mit sliderhafter Selbstverständlichkeit aus dem Orbit modern künstlerischer Bewegungsfreiheit in die von uralten Regeln bestimmte Welt orientalischer Volksmusik. Mein Abendländerohr hört sofort: Da klingt etwas, das haben wir nicht. Es macht die orientalische Musik für die sie verkörpernden Musiker zum Boden unter ihren Füßen, zur Grundsubstanz ihres Musikerdaseins. Es verlässt sie nie, egal, in welche anderen Welten sie, und sei es noch so tief, musikalisch eintauchen. Die abendländische Musik hat so etwas nicht mehr. In ihr gingen, mit Ausnahme einiger spät entwickelter Randgebiete, die letzten Reste lebendiger, unmittelbarer Volksmusik in den Taifunen der Industrialisierung verloren. Schon davor hatte sich die europäische Volksmusik, bedrängt von der wachsenden Intensität feudaler Ausbeutung, aus lauter Geldnot in wunderbare Kunstmusik verwandelt, sie hatte sich von den Marktplätzen, Wirtshäusern und Straßen in die Kirchen und Paläste gerettet. In der neuen türkischen Musik sind die Ursprünge ungebrochen.

Man spürt es. Denn das Bewusstsein ist ganz Ohr, es regt sich in den Muskeln. Die Musik hat einen magischen Rhythmus, der Bass scheint darin aufzugehen, der Rhythmus bildet Strudel, sie spannen sich spiralförmig kreisrund, mitgerissen vom Verlauf endlos verzierter und verschnörkelter Linien. Es klingt für mich, als unterläge der Orient neben dem Bilder- auch einem Melodienverbot. Aber da sind Melodien. Das Ohr hört sich mehr und mehr ein. Sie kommen auf tausenderlei Weise aus der Baglama, einem uralten, äußerlich einer Mandoline mit extrem langem Hals ähnlichen Saiteninstrument. Derya Yildrim und Taner Akyol spielen sie technisch auf dem Niveau höchster Vertrautheit. Sie setzen die Baglama wie eine Gitarre ein und spielen Riffs, Verläufe, Sequenzen. Allein der Soloklang der Baglama taucht den Saal in eine Atmosphäre gespannter Versunkenheit in längst vergangene Zeiten. Im nächsten Moment, die Übergänge scheinen völlig ungekünstelt, rastet die Musik aus: ein wilder Tanz, Jazz, Impressionismus, Hochgeschwindigkeitsdodekaphonie wechseln sich ab. Ich denke an Thelonious Monk. Bei ihm gab es das auch: von allen Konventionen befreiten Umgang mit den kulturellen Wurzeln, bei Monk der Blues der schwarzen Sklaven in den USA.

Und der Gesang! Derya Yildirim geht mit dem Vibrato großbogiger um als Taner Akyol. Ganz anders als im bei uns gängigen Kammersängergesinge, ist Vibrato hier gesungenes Leben. Akyol spielt mit einem Pianisten (Antonis Anissegos) und dem Schlagwerker seines Trios (Sebastian Flaig) auf Ohrenhöhe. Eine andere Seite des »Internationalen« an diesem Abend des Hamburger Musikfests: Nicht nur der Mann an den Trommeln ist aus Deutschland, auch vier der Musiker, die die alten anatolischen, kurdischen, alevitischen Volkslieder für großes Ensemble und neue Zeiten bearbeitet haben, sind mit Bach, Beethoven und Schönberg aufgewachsen. Brigitta Muntendorf steuerte eine perfekt in den Abend passende Eigenkomposition bei. Die Streicher des Hamburger »Ensemble Resonanz«, als Residenzorchester sozusagen Gastgeber im kleinen Elbphilharmoniesaal, hatten besondere Spieltechniken fürs orientalische Idiom erarbeitet.

Die Musik ist mir fremd, keine Frage. Ich bin in Europa aufgewachsen. Bezeichnet ein Europäer etwas als fremd, bedeutet das meistens, es ist ihm nicht geheuer; das Fremde verfällt meist ablehnender Ignoranz. Aber jetzt, in der kleinen Elbphilharmonie, sagt mir die Musik: Es war immer eine Riesendummheit, sich im Geist christlich-abendländischer Mythen vor dem Unbekannten zu fürchten. Fremdsein heißt unwissend sein. »Komm ins Offene, Freund!« legt aufgeklärt diese Musik nahe. Denn »international«, »global« – das bedeutet in Wirklichkeit, sich um das Fremde zu erweitern, mit ihm sich zu verbünden. Aus dem falschen Umgang mit Fremdheit entstehen Vorurteile, aus Vorurteilen wird oft Hass. Richtig herum heißt international fühlen solidarisch sein.

Die Musik an diesem Abend reißt mich mit, ich finde in ihr bestätigt: Eine Zeit geht zu Ende. Nicht die Zeit der abendländischen Kultur, aber die Epoche ihres Alleinvertretungsanspruchs, ein Synonym für kulturellen Kolonialismus. Einhergehend mit den großen Veränderungen im geopolitisch-ökonomischen Machtgefüge der Welt, erkennt eine wachsende Zahl von Menschen am Beginn des dritten Jahrtausends, dass die Musik des Abendlands eine der grandiosen Kulturleistungen der Menschheit bleiben wird, jedoch Gefährten von gleicher Größe hat, ältere, von anderer Art.

Die Geschichte, sagt Marx an vielzitierter Stelle im 18. Brumaire, ereigne sich immer zweifach, als Tragödie beim ersten, als Farce beim zweiten Mal. Ist es zu früh für die Vermutung, dass es zur Zeit dem Kolonialismus so ergeht, einem Moment der Geschichte? Seit dem 16. Jahrhundert stellte sich ihm nichts in den Weg. Die Überlegenheit der Technologie seiner Waffen garantierte ihm eine weltweit lukrative Hegemonie. Sie basiert auf der Tragödie Asiens, Afrikas und der Indigenen beider Amerika.

Die Oktoberrevolution war der Anfang vom Ende dieser Logik. Der Sieg der Roten Armee über den Faschismus und der Volksbefreiungsarmee über die US-armierte Kuomintang, die Kubanische Revolution, Vietnams Triumph über das Imperium waren weitere Stationen. Die einstigen Opfer der kolonialen Tragödien lernen täglich besser, wie man der Übermacht begegnet. Die macht Fehler. Ihr Waffenarsenal ist gigantisch. Aber es sind die falschen Waffen für die Orte, an denen die Entscheidungen fallen. Ihren Soldaten gebricht es an Moral. Die ehemalige Übermacht, das Imperium mit seinem Versuch, den Kolonialismus zu erneuern, gerät ins Hintertreffen und macht sich mit immer fadenscheinigeren Lügen, Drohungen, Erpressungen weltweit so langsam lächerlich. Noch ist die Farce blutig und mörderisch, der Komödiant wider Willen mächtig und gefährlich wie nie zuvor, doch seine Zeit ist um. Die Zeiten, singt Bob Dylan, ändern sich. Die Scherze über die Schwäche der sich selbst entzaubernden Übermacht werden konkreter und witziger. Airbus, lautete einer im »Neo Magazin Royale«, habe das erste E-Flugzeug herausgebracht. Mit Oberleitung.

Komisch, auf was einen Musik alles bringt. Mich bringt sie oft auf Geschichte. Musik ist Geschichte, als Klang gewordene Form in der Zeit. Und als Teil der allgemeinen Geschichte. Hinter meinem Umgang damit steckt auch die Erkenntnis der absoluten Unmöglichkeit, gerade diese Musik einleuchtend zu beschreiben. Ich bin dem, was ich höre, ebenso unvertraut ausgeliefert wie der Leser, der jenen Abend vermutlich nicht miterlebt hat. Beiden fehlen die Begriffe. Ich weiß auf meinem Stuhl in der Elbphilharmonie bei diesem Konzert zwar, wie mir ist, voll sauwohl, aber nicht wovon.

Auf dem Nachhauseweg weht mir der böige Nordwest in den Schluchten der Hafencity um die Ohren. Ich trete in die Pedale. Der magische Tanz in mir hört nicht auf, wenn ich daheim bei Frau und Katze bin. Derya Yildirim, das Taner-Akyol-Trio und das Ensemble Resonanz lösen mit ihrer Kunst die typisch abendländische Frage in Musik auf, wie man das Ganze denn nun einzuordnen hat. Das Leben, flüstert uns freundlich das Fremde ins Ohr, ist nicht nur zum Eingeordnetwerden da. Das Denken, da sind wir über Descartes hinaus, hat seine Entsprechung im Nichtdenken. Es ist schwerer, nicht zu denken; in der Disziplin des Nichtdenkens kennt der fernere Osten sich besser aus als wir.

In der alten Musik hören wir, wenn es gut läuft, das Unbekannte im Bekannten, in der neuen Musik machen wir direkt Bekanntschaft mit dem Unbekannten. Hören wir also einfach nur hin, auf dem Sitz in der siebten Reihe oder auf dem Fahrrad in den Stürmen der langen Geraden Am Kaiserkai. Der eine oder andere Gedanke wird sich ohnehin einfinden.

Lesen Sie hierzu auch: »Es ist keine Synthese aus irgend etwas.« Über anatolisches Melodiegefühl, atonale Avantgarde und die Namen des berühmtesten orientalischen Instruments. Ein Gespräch mit Taner Akyol

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