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Aus: Ausgabe vom 07.06.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Kapital, wir müssen reden

Der schwedische Dokumentarfilm »Push – Für das Grundrecht auf Wohnen«
Von Felix Bartels
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»Bedingung des Menschlichen«: Aktivistinnen in Valparaíso, Chile (Filmszene)

Wohnen, so viel weiß jeder, ist längst zum größten Problem all jener Menschen geworden, die nicht wenigstens der gehobenen Mittelklasse angehören. Wenn etwa die Hälfte des Einkommens für Miete abfällt, stimmt was nicht. Zur Aufklärung über die genaueren Zusammenhänge leistet Fredrik Gerrtens Dokumentarfilm »Push« Gewichtiges. Fast ein Kunststück, dass dieser wertvolle Film am Ende doch mehr schadet als nützt. Seine große Tendenz besteht darin, sich der einen großen Tendenz zu verweigern.

Es geht um das Verdrängen von Menschen aus ihren Lebensbereichen, die sogenannte Gentrifizierung, also das aggressive Verhalten von ganz anderen Menschen, die ungehindert ihre Macht nutzen, die darin liegt, dass sie besitzen. Es geht um Wohnungen, die nicht mehr wie Gebrauchswerte, sondern wie Assets behandelt werden, und darum, dass die Immobilienpreise in den letzten Jahrzehnten um ein Vielfaches gestiegen sind im Verhältnis zum inflationsbereinigten Wachstum des durchschnittlichen Einkommens.

Die Kamera springt von Toronto nach London und New York, von Seoul nach Berlin und Rom; dabei folgt sie hauptsächlich Leilani Farha, einer UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf Wohnen. Flankiert wird sie von der Städteforscherin Saskia Sassen, dem Ökonomen Joseph Stiglitz und Roberto Saviano, der ein Buch über die Involvierung der italienischen Mafia in den Wohnungsmarkt geschrieben hat. Manches Mal ist der Film schlicht auf den Punkt. Etwa wenn Stiglitz das theoretische Vermächtnis Milton Friedmans durchaus erschöpfend auf die Formel bringt, er habe den Kapitalisten die Argumente geliefert, sich moralisch keine Gedanken machen zu müssen.

Solche Momente aber bleiben vereinzelt, weil der Film das Begriffliche scheut, sich in falsche Konstruktionen verirrt. An der Oberfläche liegt das Phänomen der Gentrifikation. Hiermit beginnt auch »Push« und hätte von dort den naturalistischen Weg konsequent beschreiten können: intensiv, konkret, anschaulich erzählen, was es bedeutet, verdrängt zu werden. Nichts wirkt so gut wie eine gut erzählte Geschichte. Der Zynismus, dass Menschen, die sich das Leben in einer »aufgewerteten« Gegend nicht mehr leisten können, eben einfach in eine andere ziehen sollen, würde am einzelnen Fall spürbar. Gegen die scheinbar universelle Forderung an den Menschen, sich verfügbar zu halten, träte die tatsächlich universelle Forderung des Menschen nach Sesshaftigkeit. Die könnte mithin als Bedingung des Menschlichen ergründet werden, als Freiheit zu Bindung und Sicherheit, wodurch erst möglich wird, den Ortswechsel als Luxus (in Form der Reise) zu erfahren. Auch die irreführende Deutung der Gentrifikation als kulturelle Frage hätte konterkariert werden können, indem gezeigt und gesagt würde, was jeder weiß und doch bald wieder vergisst: dass es hierbei nicht um vegane Foodstores geht, die Currywurstbuden verdrängen, sondern um Menschen, die die Mittel haben, und solche, die nicht.

Der Film will nicht bloß die Sache selbst ihre Wirkung entfalten lassen, er will belehren. Wogegen nichts spricht, man muss es dann aber können. Und hier sind Begriffe einfach falsch. Das Volkstümliche ist schwer zu ertragen, wenn es seiner sprunghaften Natur folgt. Wo es versucht, sich in Begriffe zu gießen, wird es zum Ärgernis. Statt eine Kapitalanalyse am Gegenstand des Wohnungsmarkts zu liefern, handelt der Film mit Fetischware. Da ist vom »Monster« die Rede, womit noch reichlich vage »das System« gemeint scheint. Dann sind es die italienische Mafia und ausländische Investoren, die Wohnungen aufkaufen und (absichtlich) leerstehen lassen. Interessanterweise kommt die Politik kaum vor; sie scheint allenfalls sorglos oder träge, kein Wort darüber, wie sehr sie selbst in all das involviert ist. Saskia Sassen findet enorm wichtig, zwischen Banken- und Finanzsystem zu unterscheiden, als ob die Irrationalität des Systems erst durchs fiktive Kapital entsteht und nicht bereits durch das ordinäre G–W–G'. Leilani Farha übersetzt Sassens Botschaft ins Volkstümliche: »Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus das große Problem ist.« All das hat, so sehr es sonst auseinanderspringt, ein Gemeinsames: in alle möglichen Richtungen vom Begriff des Kapitalismus wegzuführen.

Und damit folgerichtig von seiner Bekämpfung und Überwindung. Ins Bild nämlich passt auch, dass Farha die UN für den geeigneten Ort hält, die Welt zu bessern, und als Instrument ihres politischen Handelns das Drüberreden angibt. Ihr Handeln ist der Versuch, an eine Vernunft zu appellieren, die im Vollzug des kapitalistischen Prozesses vorsätzlich ausgeschaltet bleibt. »Das mag naiv klingen«, sagt sie, und wer will ihr da widersprechen? Man schaut ihr einfach in die Augen, die stets besorgten, die hoffnungsvollen, und versteht, dass es in dieser Welt nicht ausreicht, bloß gut zu sein.

»Push – Für das Grundrecht auf Wohnen«, Regie und Drehbuch: Fredrik Gerrten, Schweden 2019, 92 min, gestern angelaufen

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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