Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 01.06.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kindertag

22 süße Welpen

Volle Härte: Alte Lieder und neues Spielzeug zum Kindertag
Von Thomas Behlert
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Überflüssig wie die Bundeswehr: Gruselpüppchen »Monster High«

Wie jedes Jahr heißt es auch in diesem Jahr am 1. Juni: Kindertag! Auch wenn sich die Thüringer unlängst ausgeklinkt haben, um ihren Kindertag statt dessen im September zu begehen, werden garantiert trotzdem sämtliche Eltern und deren Eltern die Spielwarenläden der Republik stürmen, um so gigantische wie sinnlose Geschenke zu besorgen.

Sich näher mit Kindern zu beschäftigen, ist ja schon länger nicht mehr drin. Jeder macht, so Udo Lindenberg, »sein Ding«. Wa­rum hören die Mädels und Buben eigentlich keine Kindertonträger mehr? Weshalb gehen sie uns nicht länger mit den immer selben Liedern auf die Nerven, so wie wir damals unseren Erzeugern? Wenn ich daran denke, wie Gerhard Schöne notorisch ins Kinderzimmer predigte. Jeder DDR-Bürger hatte mindestens eine Schöne-LP im Schrank und kann die Lieder deshalb heute noch auf dem Klo mitsingen. Der Sohn eines Pfarrers aus Coswig hatte das gewisse Etwas. Seine gut gereimten Stücke waren wohl ein bisschen, aber eben nicht zu kritisch. Schöne kam so gut an, dass er Kunstpreis und Nationalpreis der DDR an die Brust genagelt bekam. Jeder musste (oder durfte) im Kindergarten vor der großen Katzenwäsche »Jule wäscht sich nie« mitsingen. Gleich zu Anfang kam da der Satz, der uns von den Nachttöpfen fegte, derweil er uns mit unserer Zukunft bekannt machte: »Ein hübsches Mädchen ist die Jule. / Sie geht auch gerne in die Schule.«

Noch schlimmer getroffen hatten es meine gleichaltrigen Verwandten jenseits der großen Mauer. Sie bekamen, mit voller Härte, Rolf Zuckowski um die Ohren gehauen. Der dazu gehörende Singverein, der bis heute versucht, Kinder gefügig zu machen, heißt Rolf und Freunde. Mit 26 »Ich«-Liedern, die dem Kind selbständiges Handeln suggerieren, führt der gute Rolf die Ich-Hitparade weit vor anderen Schlagersängern an. Schon früh wurde mein Cousin in die Welt des Kapitalismus eingeführt, denn Zuckowski stellte in dem Stück »Im Orient« mit einfachen Worten die heutigen Besitzer von Fußballmannschaften vor: »Mein Onkel war ein reicher Scheich / er war so unermesslich reich.« Am Ende des Lieds indes wird dem Kind klar, dass der Mensch weder Ölquellen noch Diamanten braucht, sondern sich lieber schön ruhig verhalten und CDU wählen soll. Allerdings stellt sich das besungene Menschlein, das den Onkel beerbt, ziemlich dämlich an: »Was hab ich einen Hit, / was mach ich nur damit.« Munter weiter reimt Zukowski, der schon mal das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse um den Hals gehängt bekam: »Haus« und »raus«, »Haus« auf »drauf« und schließlich »so« auf »Klo«.

Der schlimmste Hit allerdings ist das musikalische Ding, das bis heute Weihnachten in Kindergärten und Vorschulen einläutet und von Müttern, die nur »das Beste« für ihren Nachwuchs wollen, abgespult wird: »In der Weihnachtsbäckerei / gibt es manche Leckerei / Zwischen Mehl und Milch / macht so mancher Knilch / eine riesengroße Kleckerei.«

Ein weiterer, aktueller Kinderohrschänder ist Detlev Jöcker, der seine Lieder so stark verkindlicht, dass es definitiv nicht mehr feierlich ist. Es gibt bei ihm Alben namens »Sauseschritt Pop«, »1, 2, 3 im Sauseschritt«, »Si-Sa-Singemaus« und »Vaterunser Hits«. Fromme Songs haben es Detlev angetan, denn göttlich jubiliert es in vielen Liedern, deren Texte immer von Christine Fehér stammen. Christlich-sozial erklärt Jöcker den Kindern die kleine Welt, in der sie um Gottes Willen ja keine Revolution anzetteln, sondern lieber die Frage klären sollen: »Wie soll ich nur beten?« Ein Lied, das »Vaterunser Hits« anführt und nur noch von »Gottes Himmel ist ganz nah« getoppt wird.

Neben musikalischen »Überraschungen« könnte der Nachwuchs auch einen Sack Plastikmüll überreicht bekommen. Gefüllt wäre der etwa mit »Monster High«, »Ring Pop Puppies«, »5 Suprise« »Zuru Smashers« und »Galupys«. Was das ist? Sammelfiguren der finsteren Art. Alles besteht hier aus Plaste und Elaste, ist laut Firmenwerbung »durchgeknallt« und so überflüssig wie die Bundeswehr. Bei den »Smashers« wirft das beschenkte Kind einen kleinen Ball, der dem menschlichen Auge nachempfunden ist, fröhlich an die Wand und freut sich anschließend allenfalls mäßig über den Inhalt, der aus Müllmonstern besteht, die schaurig bis gruslig aussehen, angeblich. Bei »Monster High« entsteigen dem Beutel grausam-hässlich gestaltete Figuren, die an Hexen, Gnome, Vampire und Geister erinnern. Anders, aber nicht besser wird es mit den »Puppies«, wo der Hersteller »22 süße Welpen« in grellbunten Farben, mit leuchtenden Augen und grinsenden Mäulern präsentieren. »5 Suprise« überrascht mit großäugigen Wesen, die weder an Tiere noch an Menschen erinnern. Tja, und bei dem Produkt »Galupy« wird der Nerv aller zu Mädchen erzogenen Mädchen getroffen, denn hier wimmelt es nur so von kleinen Pferden, die allerliebst aussehen und mit langen Mähnen, Flügeln, Glitzersteinen, Kristallen und goldenen Kronen punkten. Sagenhafte 18 einfältig-lustige bzw. verschmitzt-dämliche oder einfach bloß doof guckende Pferdecharaktere sollen die Sammelleidenschaft erwecken. Im Bahnhofskiosk gibt es dazu ein Magazin, das die Welt der Sammelpferde bis zum Erbrechen ausbreitet. Was will man mehr.

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